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Anschlag in Istanbul : Im Labyrinth der Gewalt

Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf den Istanbuler Klub am Neujahrstag: Das Brandenburger Tor in Berlin am Montagabend - in den türkischen Nationalfarben. Bild: WEIKEN/EPA/REX/Shutterstock

Auf jede türkische Ankündigung zum Kampf gegen Terror folgt ein neuer Anschlag. Die Türkei wirkt hilflos – auch weil viele Medien gleichgeschaltet sind.

          In Istanbul begann das neue Jahr so wie das alte: mit Terror. Vor nicht ganz einem Jahr, am 12. Januar 2016, hatte sich ein Selbstmordattentäter im historischen Istanbuler Stadtviertel Sultanahmet in der Nähe einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt und dabei elf Deutsche und einen Peruaner getötet. Der Massenmörder stammte mutmaßlich aus Saudi-Arabien, war erst wenige Tage vor seiner Tat in die Türkei eingereist und beging sein Verbrechen im Auftrag oder zumindest „inspiriert“ von der Terrorbande des „Islamischen Staats“.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Es hat etwas Betrübliches, sich die Nachrichten von vor einem Jahr und die damaligen Aussagen der maßgeblichen Politiker heute noch einmal durchzulesen. Nicht allein in der Erinnerung an die Unschuldigen, die damals aus dem Leben gerissen wurden, sondern weil die Äußerungen und Warnungen von Anfang 2016 verdeutlichen, wie zäh und schwierig der Kampf gegen den Terrorismus ist und bleiben wird.

          Wieder „Mitten in das Herz der türkischen Metropole Istanbul“

          Alles, was vor einem Jahr gesagt wurde, könnte heute wieder so gesagt werden: Der damalige türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu kündigte an, der Kampf gegen den IS werde fortgesetzt, bis die Terrormiliz keine Gefahr mehr darstelle. Bundespräsident Joachim Gauck sagte damals: „Es ist entsetzlich, was heute in Istanbul geschehen ist. Wieder wurden bei einem hinterhältigen terroristischen Anschlag unschuldige Menschen ermordet.“

          Außenminister Steinmeier sprach damals von einem „barbarischen, feigen Akt des Terrors“, forderte eine rasche Aufklärung der Hintergründe der Tat und stellte fest, das Verbrechen ziele „mitten in das Herz der türkischen Metropole Istanbul, die wir alle für ihre Weltoffenheit schätzen“. Das Auswärtige Amt riet damals, Reisende sollten sich von Menschenansammlungen fernhalten und die Anwesenheit auf belebten Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln „auf das erforderliche Maß“ zu beschränken.

          Terror kann freie Gesellschaft einschränken aber nicht ändern

          Von keiner einzigen dieser Aussagen ließe sich zu Jahresbeginn 2017 sagen, sie habe an Aktualität verloren, im Gegenteil: Wortgleich wiederholt würden sie weiterhin zum blutigen Geschehen passen. Nach dem Istanbuler Anschlag vor einem Jahr wurde in dieser Zeitung darauf hingewiesen, es sei das Ziel der Terroristen, dass sich niemand in einer westlichen Metropole mehr sicher fühlen könne, was in der Logik der Terroristen eigentlich nur heißen könne: „Nach Istanbul kommt Berlin, die einzige Hauptstadt eines großen europäischen Staates, die ,ihren‘ Terrorakt noch nicht hatte und die es einzuschüchtern gilt.“ Diese keineswegs kühne Voraussage ist am 19. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche eingetroffen.

          Letztlich hat sich zwischen den Terroristen und den freien Gesellschaften des Westens, denen man die Feiernden im Istanbuler Nachtklub „Reina“ getrost zurechnen kann, eine Art düsteres Gleichgewicht des Schreckens eingependelt: Der Terror kann die freie Art des Lebens in westlichen Gesellschaften zwar einschränken, aber nicht grundlegend ändern, wie auch die zahlreichen Menschen in Berlin und anderen deutschen Städte gezeigt haben, die zur Jahreswende auf den Straßen feierten, als wäre nichts geschehen.

          Türkische Politiker sind hilflos

          Andererseits können die Staaten den islamistischen Terror zwar nach Kräften bekämpfen und insbesondere ihre Kooperation untereinander verbessern, aber eben auf absehbare Zeit nicht so effektiv, dass religiös verbrämte Verbrecherbanden wie der IS „keine Gefahr mehr darstellen“, wie es Ahmet Davutoglu vor einem Jahr versprach.

          Auch der türkische Innenminister Süleyman Soylu (Mitte) zeigt sich angesichts des neuen Anschlags hilflos.

          Auch rhetorisch offenbarte sich in den Reaktionen türkischer Politiker auf das jüngste Blutbad bei aller notwendigerweise zur Schau getragenen Entschlossenheit eine gewisse Hilflosigkeit. So wurde etwa der türkische Innenminister Süleyman Soylu mit den Worten zitiert, der Täter habe „brutal und grausam“ in die Menge gefeuert. Gewiss hat er das, denn zart und barmherzig ist ein Massaker nun einmal nicht.

          Drei Terrorgruppen attackieren die Türkei

          Soylu ist freilich nicht zu beneiden, weil er regelmäßig zu den Taten von drei Terrorgruppen Stellung nehmen muss: Denen des IS, dessen Gefährlichkeit die türkische Führung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lange auf geradezu fahrlässige Weise unterschätzt hat, jenen der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK), deren eiskalte Gefährlichkeit mitunter im Westen verharmlost wird, sowie schließlich denen der sich linksradikal gerierenden Mörder der „Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front“, die sich DHKP-C abkürzt.

          In zwei Fällen, dem des IS und dem der PKK, steht dem Terror auf der einen Seite der Einsatz der türkischen Armee auf der anderen Seite gegenüber. Die Terroristen des IS und der PKK deklarieren ihre Untaten explizit als Vergeltung für den Einsatz der türkischen Streitkräfte in Südostanatolien beziehungsweise im Norden jenes Territoriums, das einmal Syrien war.

          Abwärtstrend der Übernachtungen

          Auf jeden Terrorakt folgt wiederum der verstärkte Einsatz des türkischen Militärs oder zumindest dessen Ankündigung, was neuerliche Terrordrohungen nach sich zieht. Oft ist zur Beschreibung des Blutvergießens von einer „Spirale der Gewalt“ die Rede, doch in der Türkei wäre es vielleicht angebrachter, von einem Labyrinth der Gewalt zu sprechen – niemand weiß, wo der Ausgang ist, und Ariadne hat ihren Faden verloren.

          Natürlich ist die Gefahr, in Istanbul Opfer eines Terrorakts zu werden, statistisch auch nach dem neuerlichen Anschlag immer noch verschwindend gering. Aber die Angst ist eine Größe, die sich der Statistik entzieht – anders als die Übernachtungszahlen des Istanbuler Städtetourismus, deren Abwärtstrend schon vor dem Attentat vom Januar 2016 eingesetzt hatte und sich nun nach dem jüngsten Massenmord fortsetzen dürfte.

          Anschlag gegen Christen

          Für Berlin war der Anschlag vom Breitscheidplatz eine Premiere, doch die Metropole am Bosporus hat in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend solcher und noch schwererer Wunden zugefügt bekommen. Zum Tathergang im Nachtclub „Reina“ in der zweiten Stunde des neuen Jahres gab es am Montag, wie unmittelbar nach solchen Fällen üblich, weiterhin nur ungefähre und ungesicherte Angaben.

          Der IS hat den Terroranschlag für sich reklamiert und ihn in einer im Internet verbreiteten Erklärung ausdrücklich als eine Aktion gegen Christen bezeichnet: „In Fortsetzung der gesegneten Operationen des Islamischen Staates gegen die Beschützerin des Kreuzes, die Türkei, hat einer der heldenhaften Soldaten des Kalifats gegen den Nachtclub zugeschlagen, wo die Nazarener (Christen) ihr polytheistisches Fest feiern. Er hat sie mit Handgranaten und seiner automatischen Waffe angegriffen und ihre Feier in Trauer umgewandelt“, hieß es in einer der Terrorbande zugeschriebenen Erklärung.

          Massenmörder: Eine Videoaufzeichnung zeigt den Attentäter von Istanbul. Der Mann wechselte vermutlich seine Kleidung und konnte den Club verlassen.

          Mehrere Deutsche unter den Opfern

          Abu Bakr al Bagdadi, der Führer der Terrorgruppe, hatte seine Anhänger in den vergangenen Monaten mehrfach dazu aufgerufen, Terrorakte in der Türkei zu begehen, als Vergeltung für die türkische militärische Intervention in Syrien, die sich zwar in erster Linie gegen die syrischen Kurden richtet, aber eben partiell auch gegen den IS.

          Mindestens 39 Personen wurden bei dem Neujahrsmassaker im „Reina“ erschossen, doch da sich unter den etwa 70 Verletzten auch schwer verwundete Personen befanden, ist die Gefahr groß, dass die endgültige Zahl der Todesopfer in den kommenden Tagen noch steigen wird. Zwei der Todesopfer kamen aus Deutschland, aus Bayern, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin bestätigte; einer mit deutscher, einer türkischer Staatsangehörigkeit. Drei weitere Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit wurden demnach bei dem Anschlag verletzt, seien aber in guter medizinischer Behandlung und außer Lebensgefahr, hieß es aus der gleichen Quelle.

          Auch in Istanbul falsche Verdächtigungen

          Wer der oder die Täter waren, stand am Montag nicht einwandfrei fest. Die türkische Polizei meldete die Festnahme von acht Verdächtigen, doch war nicht klar, in welchem Zusammenhang die Verhafteten zum Tathergang stehen sollen. Laut ersten, unbestätigten Berichten hatte es geheißen, der Mordschütze stammte „aus Usbekistan oder Kirgistan“, später war in türkischen Medien auch von der benachbarten chinesischen Provinz Xinjiang die Rede, wo viele Uiguren leben.

          Ähnlich wie in Berlin, wo anfänglich ein Pakistaner fälschlich verdächtigt wurde, kam es offenbar auch in der Türkei zu einem falschen Verdacht. Ein junger Mann aus Kasachstan, dessen Bild in sozialen Medien als das des Täters kursierte, meldete sich am Montag in Begleitung eines Anwalts bei der Polizei und legte Beschwerde gegen die für ihn potentiell lebensgefährlichen falschen Verdächtigungen ein, wurde am Montag berichtet.

          Täter konnte mit der Waffe umgehen

          Zum Ablauf der Tat wurde bekannt, dass der Täter offenbar in dem Stadtteil Zeytinburnu ein Taxi bestiegen hat und damit bis fast vor den Nachtclub im Ausgehviertel Ortaköy gefahren ist. Die letzten paar hundert Meter sei er dann jedoch zu Fuß gegangen. Die Sicherheitskameras zeigen die ersten Bilder von dem Angriff um etwa viertel nach eins: Der Mörder erschießt das Wachpersonal vor dem Club, in dem etwa 800 Menschen, Gäste und Personal, noch nichts ahnten.

          Schon wenige Minuten später zeigten Aufnahmen aus dem Innern des Clubs eine niedergestreckte Menschenmenge. Türkische Journalisten zitierten am Montag namentlich nicht genannte Sachverständige mit der Aussage, die Bilder zeigten, dass der Mörder, der fünf- oder sechsmal nachgeladen habe, im Umgang mit einer automatischen Schusswaffe professionell geschult gewesen sei.

          Täter konnte in der panischen Menge fliehen

          Zeugen berichteten, der Täter habe auch auf dem Boden liegenden Menschen in den Kopf geschossen. Nach den bisher vorliegenden Berichten ist er dann in die Küche des Klubs gegangen, hat sich dort etwa 13 Minuten aufgehalten und sich umgezogen. Dann sei es ihm inmitten der andauernden Panik gelungen, den Club unerkannt zu verlassen und mit einem Taxi vom Tatort zu fliehen.

          Nach dem Anschlag im Istanbuler Klub Reina bekunden viele vor Ort ihre Trauer.

          Staatspräsident Erdogan rief die Menschen zu Ruhe und Geschlossenheit auf. Ausführlicher äußerte sich Mehmet Görmez, der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Görmez’ Einlassungen hatten sich in der Vergangenheit, etwa nach den großen Attentaten von Paris, im Kern oft auf die Behauptung beschränkt, der Terror habe keine Religion. Nun wurde Görmez von der unter Kontrolle der Regierungspartei AKP stehenden Nachrichtenagentur Anadolu jedoch mit der Aussage zitiert, es mache keinen Unterschied, ob ein solches „unmenschliches Massaker“ auf einem Marktplatz, in einem Unterhaltungslokal oder an einer Gebetsstätte verübt werde.

          Debatte wird von regierungsnahen Medien bestimmt

          Die Aussage des obersten staatlichen Theologen fiel auch deshalb ins Gewicht, weil die Religionsbehörde in ihrer Vorgabe für die letzte Freitagspredigt des Jahres 2016 am 30. Dezember, die von Ankara aus an die Imame in den mehr als 80000 Moscheen des Landes versandt wurde, das Feiern des Neujahrsfestes als unislamisch und außerhalb der türkischen Tradition stehend verurteilt hatte.

          In welche Richtung sich die öffentliche Debatte um die öffentliche Sicherheit in der Türkei nach dem jüngsten Anschlag entwickeln wird, ist auch deshalb schwer zu prognostizieren, weil der größte Teil der Massenmedien des Landes staatlicher Kontrolle unterliegt und ebenso naheliegende wie maßgebliche Fragen dort nicht gestellt werden dürfen. In den wenigen Medien, die noch nicht von der AKP oder von ihr nahestehenden Konzernen kontrolliert werden, tauchten diese Fragen hingegen durchaus auf: Hat der IS aus den Jahren, als seine Schergen in der Türkei weitgehend unbehelligt Anhänger rekrutieren durften, womöglich noch ein großes Netz an jederzeit terroreinsatzbereiten „Schläfern“ im Lande?

          Mehr Fragen als Antworten

          Hat die Entlassung tausender Polizisten nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 die Polizei so empfindlich geschwächt, dass sie grundlegenden Aufgaben nicht mehr nachkommen kann? Wer sind diejenigen, die anstelle der entlassenen Polizisten nachgerückt sind? Vor dem Nachtklub „Reina“ soll angeblich ein 21 Jahre junger Mann Wache gestanden haben, der erst seit wenigen Monate im Dienst war.

          Einstweilen gibt es, wie nach jedem Anschlag, weitaus mehr Fragen als belastbare Antworten. Das türkische Innenministerium teilte am Montag mit, man habe in Razzien in der gesamten Türkei zwischen dem 26. Januar vergangenen Jahres und dem 2. Januar diesen Jahres 147 Personen wegen mutmaßlicher Verbindungen zum IS festgenommen. Doch mindestens eine gefährliche Person mit Verbindung zum IS war nicht unter den Verhafteten.

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