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Anschlag in Istanbul : Im Labyrinth der Gewalt

Schon wenige Minuten später zeigten Aufnahmen aus dem Innern des Clubs eine niedergestreckte Menschenmenge. Türkische Journalisten zitierten am Montag namentlich nicht genannte Sachverständige mit der Aussage, die Bilder zeigten, dass der Mörder, der fünf- oder sechsmal nachgeladen habe, im Umgang mit einer automatischen Schusswaffe professionell geschult gewesen sei.

Täter konnte in der panischen Menge fliehen

Zeugen berichteten, der Täter habe auch auf dem Boden liegenden Menschen in den Kopf geschossen. Nach den bisher vorliegenden Berichten ist er dann in die Küche des Klubs gegangen, hat sich dort etwa 13 Minuten aufgehalten und sich umgezogen. Dann sei es ihm inmitten der andauernden Panik gelungen, den Club unerkannt zu verlassen und mit einem Taxi vom Tatort zu fliehen.

Nach dem Anschlag im Istanbuler Klub Reina bekunden viele vor Ort ihre Trauer.
Nach dem Anschlag im Istanbuler Klub Reina bekunden viele vor Ort ihre Trauer. : Bild: dpa

Staatspräsident Erdogan rief die Menschen zu Ruhe und Geschlossenheit auf. Ausführlicher äußerte sich Mehmet Görmez, der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Görmez’ Einlassungen hatten sich in der Vergangenheit, etwa nach den großen Attentaten von Paris, im Kern oft auf die Behauptung beschränkt, der Terror habe keine Religion. Nun wurde Görmez von der unter Kontrolle der Regierungspartei AKP stehenden Nachrichtenagentur Anadolu jedoch mit der Aussage zitiert, es mache keinen Unterschied, ob ein solches „unmenschliches Massaker“ auf einem Marktplatz, in einem Unterhaltungslokal oder an einer Gebetsstätte verübt werde.

Debatte wird von regierungsnahen Medien bestimmt

Die Aussage des obersten staatlichen Theologen fiel auch deshalb ins Gewicht, weil die Religionsbehörde in ihrer Vorgabe für die letzte Freitagspredigt des Jahres 2016 am 30. Dezember, die von Ankara aus an die Imame in den mehr als 80000 Moscheen des Landes versandt wurde, das Feiern des Neujahrsfestes als unislamisch und außerhalb der türkischen Tradition stehend verurteilt hatte.

In welche Richtung sich die öffentliche Debatte um die öffentliche Sicherheit in der Türkei nach dem jüngsten Anschlag entwickeln wird, ist auch deshalb schwer zu prognostizieren, weil der größte Teil der Massenmedien des Landes staatlicher Kontrolle unterliegt und ebenso naheliegende wie maßgebliche Fragen dort nicht gestellt werden dürfen. In den wenigen Medien, die noch nicht von der AKP oder von ihr nahestehenden Konzernen kontrolliert werden, tauchten diese Fragen hingegen durchaus auf: Hat der IS aus den Jahren, als seine Schergen in der Türkei weitgehend unbehelligt Anhänger rekrutieren durften, womöglich noch ein großes Netz an jederzeit terroreinsatzbereiten „Schläfern“ im Lande?

Mehr Fragen als Antworten

Hat die Entlassung tausender Polizisten nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 die Polizei so empfindlich geschwächt, dass sie grundlegenden Aufgaben nicht mehr nachkommen kann? Wer sind diejenigen, die anstelle der entlassenen Polizisten nachgerückt sind? Vor dem Nachtklub „Reina“ soll angeblich ein 21 Jahre junger Mann Wache gestanden haben, der erst seit wenigen Monate im Dienst war.

Einstweilen gibt es, wie nach jedem Anschlag, weitaus mehr Fragen als belastbare Antworten. Das türkische Innenministerium teilte am Montag mit, man habe in Razzien in der gesamten Türkei zwischen dem 26. Januar vergangenen Jahres und dem 2. Januar diesen Jahres 147 Personen wegen mutmaßlicher Verbindungen zum IS festgenommen. Doch mindestens eine gefährliche Person mit Verbindung zum IS war nicht unter den Verhafteten.

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