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Anschlag in Istanbul : Im Labyrinth der Gewalt

Türkische Politiker sind hilflos

Andererseits können die Staaten den islamistischen Terror zwar nach Kräften bekämpfen und insbesondere ihre Kooperation untereinander verbessern, aber eben auf absehbare Zeit nicht so effektiv, dass religiös verbrämte Verbrecherbanden wie der IS „keine Gefahr mehr darstellen“, wie es Ahmet Davutoglu vor einem Jahr versprach.

Auch der türkische Innenminister Süleyman Soylu (Mitte) zeigt sich angesichts des neuen Anschlags hilflos.
Auch der türkische Innenminister Süleyman Soylu (Mitte) zeigt sich angesichts des neuen Anschlags hilflos. : Bild: AFP

Auch rhetorisch offenbarte sich in den Reaktionen türkischer Politiker auf das jüngste Blutbad bei aller notwendigerweise zur Schau getragenen Entschlossenheit eine gewisse Hilflosigkeit. So wurde etwa der türkische Innenminister Süleyman Soylu mit den Worten zitiert, der Täter habe „brutal und grausam“ in die Menge gefeuert. Gewiss hat er das, denn zart und barmherzig ist ein Massaker nun einmal nicht.

Drei Terrorgruppen attackieren die Türkei

Soylu ist freilich nicht zu beneiden, weil er regelmäßig zu den Taten von drei Terrorgruppen Stellung nehmen muss: Denen des IS, dessen Gefährlichkeit die türkische Führung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lange auf geradezu fahrlässige Weise unterschätzt hat, jenen der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK), deren eiskalte Gefährlichkeit mitunter im Westen verharmlost wird, sowie schließlich denen der sich linksradikal gerierenden Mörder der „Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front“, die sich DHKP-C abkürzt.

In zwei Fällen, dem des IS und dem der PKK, steht dem Terror auf der einen Seite der Einsatz der türkischen Armee auf der anderen Seite gegenüber. Die Terroristen des IS und der PKK deklarieren ihre Untaten explizit als Vergeltung für den Einsatz der türkischen Streitkräfte in Südostanatolien beziehungsweise im Norden jenes Territoriums, das einmal Syrien war.

Abwärtstrend der Übernachtungen

Auf jeden Terrorakt folgt wiederum der verstärkte Einsatz des türkischen Militärs oder zumindest dessen Ankündigung, was neuerliche Terrordrohungen nach sich zieht. Oft ist zur Beschreibung des Blutvergießens von einer „Spirale der Gewalt“ die Rede, doch in der Türkei wäre es vielleicht angebrachter, von einem Labyrinth der Gewalt zu sprechen – niemand weiß, wo der Ausgang ist, und Ariadne hat ihren Faden verloren.

Natürlich ist die Gefahr, in Istanbul Opfer eines Terrorakts zu werden, statistisch auch nach dem neuerlichen Anschlag immer noch verschwindend gering. Aber die Angst ist eine Größe, die sich der Statistik entzieht – anders als die Übernachtungszahlen des Istanbuler Städtetourismus, deren Abwärtstrend schon vor dem Attentat vom Januar 2016 eingesetzt hatte und sich nun nach dem jüngsten Massenmord fortsetzen dürfte.

Anschlag gegen Christen

Für Berlin war der Anschlag vom Breitscheidplatz eine Premiere, doch die Metropole am Bosporus hat in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend solcher und noch schwererer Wunden zugefügt bekommen. Zum Tathergang im Nachtclub „Reina“ in der zweiten Stunde des neuen Jahres gab es am Montag, wie unmittelbar nach solchen Fällen üblich, weiterhin nur ungefähre und ungesicherte Angaben.

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