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Anschlag in Istanbul : Die Saat der Angst

Bild: AFP

Der Terroranschlag auf ein beliebtes Touristenzentrum in Istanbul, offenbar von einem Mitglied des „Islamischen Staats“ verübt, trifft nicht nur ein ohnehin schon gespaltetes Land. Er galt auch anderen Ländern – vor allem Deutschland.

          6 Min.

          Wenn in der Türkei ein Bombenanschlag verübt wird, kommt meist eine ganze Reihe potentieller Täter in Betracht: Oft steckt die kurdische Terrororganisation PKK hinter dem Blutvergießen –  doch ihre Attentate gelten fast immer türkischen Polizisten oder Soldaten und finden meist im Südosten der Türkei statt, wo in einigen Orten seit Wochen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Gegen Touristen richtet sich die PKK nicht, obwohl in der Vergangenheit auch schon mit Anschlägen auf Hotels gedroht wurde. Zudem sind Selbstmordattentate nicht ihr Markenzeichen, auch wenn in der Geschichte der Organisation diese Art von Märtyrertum ebenfalls schon vorkam.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Eine andere mögliche Tätergruppe sind stets türkische linksradikale Terroristen der „Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front“, die sich als DHKP-C abkürzt. Doch auch ihre Verbrechen richten sich vor allem gegen Repräsentanten der türkischen Staatsmacht, nicht gegen Touristen. Hinter den übelsten Attentaten der jüngeren Vergangenheit steckten jedoch, nach allem, was darüber bekannt wurde, in die Türkei eingesickerte Kämpfer oder dort lebende einheimische Sympathisanten des „Islamischen Staates“ (IS).

          So war es wohl auch am Dienstag in Istanbul, als sich kurz nach zehn Uhr am Vormittag offenbar ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und mindestens zehn Personen mit in den Tod riss sowie mehr als ein Dutzend Passanten verletzte. Staatspräsident Tayyip Erdogan jedenfalls teilte schon wenige Stunden nach dem Anschlag mit, die Tat sei von einem syrischen Selbstmordattentäter verübt worden. Auf welchen Erkenntnissen diese Darstellung beruhte, blieb zunächst unbekannt. Der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus präzisierte aber kurz darauf, der Täter sei als ein Syrer des Jahrgangs 1988 identifiziert worden und fügte hinzu, die meisten Opfer seien Ausländer. (Später hieß es, der Täter stammte aus Saudi-Arabien.) Zwei der Verletzten befänden sich in einem kritischen Zustand, sagte Kurtulmus und forderte die Staatengemeinschaft auf, sein Land im Kampf gegen den Terrorismus stärker zu unterstützen. Am Nachmittag dann erklärte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der Attentäter sei Mitglied des „Islamischen Staates“ gewesen. 

          Wenig später bestätigte Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Anschlag zeige die Notwendigkeit, entschlossen gegen den Terrorismus vorzugehen. Merkel äußerte die Befürchtung, dass es auch deutsche Opfer gegeben habe. Als sie kurz darauf mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu telefonierte, bestätigte der diese Befürchtung. Schon vor diesen Aussagen hatte die Wahl des Tatortes es als sicher erscheinen lassen, dass der Anschlag nicht nur die Türkei treffen sollte, denn das Viertel Sultanahmet ist ein von Touristen besonders frequentierter Stadtteil auf der europäischen Seite Istanbuls. Viele der berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt befinden sich hier. Wer hier eine Bombe zündet, kann mit Recht vermuten, dass nicht nur Einheimische unter den Opfern sein werden – schon gar nicht bei einem Anschlag in der Umgebung der Blauen Moschee, die neben der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des Molochs am Bosporus gehört und zu jeder Jahreszeit von Touristen belagert wird. Ein Bombenanschlag in Sultanahmet trifft damit nicht nur die türkische Tourismusbranche, die für Istanbul im vergangenen Jahrzehnt immer wichtiger geworden ist, sondern strahlt automatisch auf weitere Länder aus. In diesem Fall offenbar vor allem auf Deutschland.

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