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Anschlag in Istanbul : Die Saat der Angst

Wichtigste Basis für Koalition gegen den IS

Wie es in den ersten Stunden nach Terroranschlägen stets der Fall ist, konnte über die Zusammenhänge zunächst nur spekuliert werden. Fest steht: Die Türkei ist die wichtigste Basis für die von den Amerikanern geführte Koalition von Angriffen gegen den IS. Nach langem Zögern gestattete Ankara den Amerikanern die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes in Incirlik für Angriffe gegen Stellungen der Terrormiliz. Auch die Bundeswehr unterstützt von dort aus mit Tornado-Aufklärungsflugzeugen den Einsatz. Das Attentat von Istanbul fand vier Tage nach dem ersten Bundeswehr-Einsatz über Syrien und dem Irak statt. Ein direkter, nachweisbarer Zusammenhang ließ sich daraus unmittelbar nach Bekanntwerden der Bluttat zwar nicht konstruieren, doch dass der Terror in der Türkei mit dem Anschlag von Sultanahmet eine neue Dimension gewonnen hat, stand auch ohne nähere Indizien fest.

Ein Attentat, das nicht nur der Türkei galt: Der Istanbuler Stadtteil Sultanahmet gilt als einer der Hauptanziehungspunkte für Touristen
Ein Attentat, das nicht nur der Türkei galt: Der Istanbuler Stadtteil Sultanahmet gilt als einer der Hauptanziehungspunkte für Touristen : Bild: AP

Bisher hatten sich die Terrorakte, die im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien stehen, meist weit im Süden des Landes abgespielt. So war es bei dem Anschlag von Reyhanli vom Mai 2013, für den die türkische Staatsführung bis heute den syrischen Geheimdienst verantwortlich macht. In dem Grenzort Reyhanli kamen bei der Explosion von zwei Autobomben mehr als 50 Personen ums Leben, etwa 140 wurden verletzt. Unter den Opfern waren vor allem einheimische Türken, aber auch Flüchtlinge aus Syrien, die über Reyhanli in die Türkei gelangt waren und nun auf türkischem Boden von dem Terror in ihrer Heimat eingeholt wurden. In der Grenzstadt Suruc kamen im Juli vergangenen Jahres 33 Personen ums Leben - zumeist Kurden oder türkische Sympathisanten jener kurdischen Freischärler, die die syrische Stadt Kobane auf der anderen Seite der Grenze gegen die Belagerung des IS gehalten und dessen Kämpfer schließlich von dort vertrieben hatten. Für diesen Anschlag war laut offizieller türkischer Darstellung der IS verantwortlich. Der Täter soll ein Kurde gewesen sein, der sich dem IS angeschlossen hatte.

Weltanschauliche und konfessionelle Gräben immer tiefer

Unter vielen türkischen Kurden ist allerdings bis heute die Überzeugung verbreitet, tatsächlich habe der Geheimdienst der Türkei den Anschlag verübt, um den Kurden in Syrien zu schaden. Wenn nichts Anderes, so sagt diese Ansicht viel über die tiefe Entfremdung zwischen einem Teil der türkischen Kurden und dem türkischen Staat aus. Durch das Massaker von Ankara am 10. Oktober 2015 rückte der Terror dann von der Peripherie ins Zentrum der Türkei. Auch hier waren es, wie in Reyhanli, zwei Sprengsätze, die in kurzen Abständen explodierten. Der Tatort lag unweit des Ankaraner Hauptbahnhofes. Ähnlich wie in Suruc waren unter den mehr als 100 Opfern dieses größten Terroranschlags in der jüngeren Geschichte der Türkei viele Kurden und linke türkische Aktivisten. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu tat sich später durch die bestenfalls wenig glaubwürdige Andeutung hervor, das Attentat könne ein Gemeinschaftswerk des IS und der PKK sein. Tatsächlich deuten die Spuren jedoch auf eine Täterschaft des IS hin, der das Verbrechen allerdings nicht als eigenes Werk reklamierte.

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