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Dritter Anschlag in Israel : „Wir haben es mit einer neuen Welle von Terrorismus zu tun“

Polizeiabsperrung nach den Schüssen in Bnei Brak Bild: AFP

Nach dem dritten Anschlag innerhalb weniger Tage schwört Ministerpräsident Naftali Bennett die Israelis auf schwere Tage ein. Man befürchtet weitere Nachahmertaten – und einen so blutigen Ramadan wie im vergangenen Jahr.

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          Ministerpräsident Naftali Bennett schwor die israelische Bevölkerung auf schwere Tage ein. „Wir haben es derzeit mit einer neuen Welle von Terrorismus zu tun“, sagte er in einer aufgezeichneten Ansprache, die in der Nacht zum Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Täter seien „bereit, zu sterben – damit wir nicht in Frieden leben werden“. Kurz zuvor hatte es in Israel den dritten Terroranschlag binnen gut einer Woche gegeben – und den tödlichsten. Fünf Menschen tötete ein bewaffneter Palästinenser am Dienstagabend in Bnei Brak, einer Vorstadt von Tel Aviv, bevor er selbst von Polizisten erschossen wurde.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Polizeiangaben zufolge gab es zwei Tatorte. Der erste war eine Wohngegend, drei Menschen wurden dort getötet. Videoaufnahmen zeigten, wie der Täter auf der Straße mit einem Sturmgewehr auf Passanten zielte und einen Autofahrer erschoss. Danach lief er zum zweiten Tatort, wo er eine weitere Person erschoss. Dort wurde er schließlich von zwei Polizisten der Motorradstaffel getötet. Einer der Polizisten wurde bei dem Feuergefecht schwer verletzt und erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

          Bei dem getöteten Polizeibeamten, Amir Khoury, handelte es sich um einen 32 Jahre alten palästinensischen Israeli aus dem Norden Israels. Die weiteren Opfer waren zwei Bewohner Bnei Braks, der 36 Jahre alte Yaakov Shalom und der 29 Jahre alte Avishai Yhezkel, sowie zwei Arbeiter aus der Ukraine; ihre Vornamen wurden in der israelischen Presse mit Alexander und Dmitrj angegeben.

          Der nächste blutige Ramadan?

          Seit Monaten wurde in Israel vor einem weiteren blutigen Ramadan gewarnt, nachdem es im vergangenen Mai schwere Unruhen sowie einen Waffengang zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen gegeben hatte. Nun, wenige Tage vor dem Beginn des islamischen Fastenmonats, sieht es so aus, als könnten die Voraussagen sich bewahrheiten. Elf Menschen wurden binnen acht Tagen bei drei Anschlägen innerhalb Israels von Angreifern getötet. Am Dienstag vergangener Woche hatte ein Angreifer in der Stadt Beersheba in der Negev-Wüste vier Menschen getötet; und am Sonntagabend waren zwei Polizisten in der zentralisraelischen Stadt Hadera von zwei Angreifern getötet worden.

          Diese ersten beiden Taten waren von palästinensischen Bürgern Israels begangen worden; beide Male hatte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ die Tat für sich reklamiert. Im Gegensatz dazu kam der Attentäter von Bnei Brak aus dem Westjordanland: Polizeiangaben zufolge handelte es sich um den 26 Jahre alten Diaa Hamarsheh aus dem Ort Ya‘bad in der Nähe von Jenin. Bnei Brak kannte er offenbar, weil er dort arbeitete.

          Viele Palästinenser arbeiten ohne Genehmigung in Israel. Ersten Erkenntnissen zufolge hatte Hamarsheh illegal die Grenze zwischen dem palästinensischen Westjordanland und Israel überschritten. Vermutlich, so berichtete die israelische Zeitung „Haaretz“ unter Berufung auf den Geheimdienst und die Polizei, gelangte er erst auf israelischem Gebiet an die Tatwaffe, was die Frage nach Mittätern aufwirft. Ein weiterer Palästinenser, der sich wie Hamarsheh ohne Genehmigung in Israel aufhielt, wurde in der Nähe des Tatorts verhaftet. Am Mittwochvormittag durchsuchten Sicherheitskräfte das Haus der Familie Hamarshehs und nahmen seinen Bruder fest. Es gab Zusammenstöße zwischen Bewohnern des Ortes und israelischen Sicherheitskräften.

          Von den Anschlägen der vergangenen Tage inspiriert?

          2013 hatte Hamarsheh in Israel eine Gefängnisstrafe wegen Sicherheitsvergehen verbüßt. Bislang gehen die Behörden offenbar davon aus, dass er von den Anschlägen der vergangenen Tage inspiriert war. In der Möglichkeit solcher Nachahmertaten dürfte in den kommenden Tagen die größte Gefahr liegen. Polizeichef Kobi Shabtai rief den höchsten Alarmzustand aus, die Armee teilte mit, es würden nochmals zusätzliche Einheiten ins Westjordanland verlegt. Für den Nachmittag rief Bennett das Sicherheitskabinett zusammen. Der Ministerpräsident sagte, die Sicherheitskräfte würden den Terrorismus „mit Hartnäckigkeit, Sorgfalt und eiserner Faust bekämpfen“.

          Wie groß die Besorgnis über eine neue Eskalation der Gewalt ist, zeigt der Umstand, dass nicht nur israelische Politiker – unter ihnen auch Palästinenser – die Tat verurteilten und die Bevölkerung zu Einigkeit aufriefen, sondern dass auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas in einem offiziellen Statement die Ermordung israelischer Zivilisten verurteilte. Nach den Taten in Beersheba und Hadera hatte Abbas noch geschwiegen. Israelischen Medienberichten zufolge hatte Israels Verteidigungsminister Benny Gantz zuvor Druck auf den palästinensischen Präsidenten ausgeübt. Die Armee hatte geplant, Bewegungseinschränkungen für Palästinenser, etwa um zur Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu gelangen, während des Ramadans zu lockern.

          Im Kontrast zu Abbas’ Verurteilung gab es in dem Heimatort des Attentäters sowie in weiteren palästinensischen Orten offenbar Szenen der Freude über den Anschlag. In Bnei Brak wurden am Dienstagabend währenddessen antiarabische Slogans gerufen, und Anwohner sowie mehrere rechte Politiker bedrängten den Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev, der zum Tatort gekommen war.

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