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Anschlag in Bangladesch : Die radikalisierten Kinder der Elite

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In Bangladesch wurde am Sonntag getrauert. Der Terroranschlag ist nur die Spitze des Eisbergs an Radikalisierung im Land. Bild: dpa

Die Täter des islamistischen Anschlags in Bangladesch am Freitagnacht waren keine hoffnungslosen Opfer der Terror-Propaganda. Sie waren Kinder der Elite des Landes. Und damit Teil der neuen Risikogruppe für radikale Gewalt.

          Sie waren jung, noch im Teenageralter oder Anfang Zwanzig. Ihnen gehörte die Zukunft, besonders, weil sie als Kinder der Elite leicht hätten mitbestimmen können, in welche Richtung es geht in Bangladesch. Einer von ihnen war der Sohn eines renommierten Politikers in Dhaka. Sie besuchten Elite-Schulen, englischsprachig, modern, weder islamisch noch islamistisch. Manche von ihnen studierten bereits im Ausland, das kostet natürlich. Ihre Eltern konnten es sich leisten, sie gehören zur guten Mittelklasse und Oberklasse des Landes.

          Und doch haben sie sich radikalisiert, einen düsteren Plan geschmiedet, und am Samstag in einem Café in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, bei einer Geiselnahme 20 Menschen getötet. Auf die Frage, warum die jungen Männer sich radikalisiert hätten, sagte der Bangladescher Innenminister Khan: „Es ist eine Mode geworden.“

          Wenn Khan mit Mode eine breite Beliebtheit meint, hat er Recht. Denn wie auch die neuen Sommertrends scheint Radikalisierung etwas zu sein, dem jeder verfallen kann. Aber wie in der Mode ist es auch inzwischen wohl so, dass sich die Radikalisierung, wie ein teures Trendstück, vor allem die Mittel- und Oberschicht leisten kann. Sie sind die neue Zielgruppe der weltweit radikalsten Trendindustrie.

          Die neuen Risikofaktoren für Radikalisierung

          „Jung, reich und gebildet“ – das sind wohl die neuen Risikofaktoren für eine Radikalisierung bis hin zur Gewaltbereitschaft, wie sie die Täter von Bangladesch durchlaufen haben. Das haben Recherchen der Queen Mary University of London ergeben. Religiöse Tendenzen, Gesundheit, soziale Ungleichheiten, Diskriminierung und politisches Engagement seien dagegen nicht direkt mit Radikalisierung verbunden.

          Die Studie, veröffentlicht im März 2014, untersuchte rund 600 Männer und Frauen mit pakistanischem, Bangladescher oder muslimischem Hintergrund, die in London und Bradford leben und zwischen 18 und 45 Jahren alt sind. 2,4 Prozent, also 14 Teilnehmer, drückten Sympathien für gewalttätige Proteste und Terrorismus aus, mehr als sechs Prozent blieben gegenüber solchen Handlungen neutral. Die Anzahl der Sympathisanten stieg allerdings bei den Teilnehmern an, die noch keine 20 Jahre alt waren, studierten oder sich ausbilden ließen, in Großbritannien geboren waren und mehr als 75.000 Pfund im Jahr verdienten.

          Die zweite Welle der Radikalisierung in Bangladesch

          Die sechs Attentäter von Bangladesch, die sich auf Fotos als Kämpfer der Terrormiliz IS präsentierten, arbeiteten zwar noch nicht, auch sind sie nicht in Großbritannien groß geworden. Aber sie waren jung, gebildet, reich. Und diese Risikofaktoren gelten auch in Bangladesch, das ergab eine Studie des Bangladesh Enterprise Institute, eines gemeinnützigen Recherchezentrums. Der Präsident des Instituts ist Farooq Sobhan, ehemaliger Diplomat und Botschafter Bangladeschs. Er schreibt: „Im Gegensatz zur traditionellen Annahme, dass Menschen aus finanziell schwachen Schichten und mit wenig Bildung leichter zu radikalisieren sind, zeigen neuste Trends, dass der Nachwuchs wohlhabender Familien bei solchen Aktivitäten ebenfalls mitmacht.“

          Es sei die zweite, die neue Welle der Radikalisierung, die Bangladesch gerade durchgemacht, heißt es im Vorwort zum Bericht des Instituts. Die erste habe es in den frühen 2000er Jahren gegeben, nachdem die Kriegsveteranen aus Afghanistan zurückkehrten. Nun sind es nicht mehr die Kriegsgeschädigten, die Geiseln nehmen und Ausländer erschießen. Sondern eine neue, technologisch fortschrittliche Generation, die gebildet, jung und sozial gut vernetzt ist. In anderen Worten: die neue Elite.

          „Viele von ihnen sind gegen Demokratie“

          „Davon sind wir absolut geschockt, dass diese Kinder aus sehr wohlhabenden Familien ohne materielle Wünsche sich trotzdem dieser Art von Ideologie zuwenden“, sagte Kazi Anis Ahmed, Journalist der Tageszeitung „Dhaka Tribune“ der amerikanischen „New York Times“.

          Dabei müsste auch für die Journalisten des „Dhaka Tribune“ die Radikalisierung der jungen und gebildeten nichts Neues sein. Bereits im April veröffentlichte die Online-Ausgabe der Zeitung den Erfahrungsbericht eines Wirtschaftsprofessors, der davon erzählt, wie ihm eine junge Architektin, die für „eine von Bangladeschs renommiertesten Institutionen arbeitet“, SMS mit radikalislamischen Inhalten aufs Handy schickte.

          „Viele von ihnen sind Computeringenieure oder Doktoren, die an renommierten öffentlichen Medizinschulen gelernt haben,“ schreibt Mamun Rashid, der Professor aus dem Artikel. Die jungen Leute, von denen er spricht, seien gegen die Regierung, weil die sich gegen den Islam stelle. „Viele von ihnen sind gegen Demokratie“, schreibt Rashid.

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