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Anschlag in Arizona : Abgeordnete im Fadenkreuz

Innehalten im Mekka des Hasses. Tucson, Arizona, am Sonntag Bild: dapd

Auf der Intensivstation der Universitätsklinik von Tucson ringt Gabrielle Giffords mit dem Tod. Zu einer Abkühlung der überhitzten Debatte kam es entgegen aller Aufrufe zur Besonnenheit angesichts der Tragödie aber nicht. Im Gegenteil.

          Gabrielle Giffords war seit langem im Fadenkreuz. Jetzt liegt sie auf der Intensivstation der Universitätsklinik von Tucson und ringt mit dem Tod. Das 9-Millimeter-Projektil, abgefeuert aus etwa einem Meter Entfernung, trat hinten links in den Kopf ein und trat auf der linken Stirnseite wieder aus. Das war noch Glück, denn hätte die Kugel beide Gehirnhälften verletzt, wäre ihr Überleben, gar eine mögliche Erholung vollends unwahrscheinlich gewesen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Überhaupt wird man lange nicht wissen, ob und wie die 40 Jahre alte Abgeordnete aus dem 8. Wahlkreis von Arizona den Mordanschlag überstehen wird. Um den Druck auf das geschwollene Gehirngewebe zu mindern, entfernten die Neurochirurgen die Hälfte der Schädeldecke. Man werde allenfalls in einigen Monaten, womöglich erst nach Jahren wissen, wie weit Frau Giffords genesen kann, sagen die behandelnden Ärzte. Vorausgesetzt, sie übersteht die ersten kritischen Tage nach der Notoperation vom Samstag.

          Wer am Samstagmorgen kurz nach zehn Uhr morgens auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt zunächst auf „Gabby“ Giffords geschossen hat, wer anschließend bei einem Amoklauf sechs Menschen erschoss und weitere 13 verletzte, ehe er beim versuchten Nachladen seines halbautomatischen Glock-Revolvers von Augenzeugen des Massakers überwältigt werden konnte, ist gesichert: Noch am Sonntag wurde gegen den 22 Jahre alten Jared Lee Loughner, wohnhaft bei seinen Eltern in einem bescheidenen Mittelklasseviertel von Tucson, Anklage wegen zweifachen Mordes und dreifachen versuchten Mordes erhoben.

          Die Klage bezieht sich auf die fünf Opfer, die Bundesbedienstete waren oder sind; weitere Mordanklagen der Strafverfolgungsbehörden des Bundesstaates Arizona werden folgen. Die Staatsanwälte des Bundes und des Teilstaates werden die Todesstrafe fordern. Doch war Loughner zum Zeitpunkt der Tat überhaupt zurechnungsfähig? Ist er ein kaltblütiger Mörder mit einer ideologischen Agenda, ein aufgehetzter Orientierungsloser oder ein geistig verwirrter Einzelgänger, der aus seiner Nebenwelt von Verschwörungstheorien und Verfolgungsphantasien nicht mehr herausfand? Was brachte ihn dazu, sich am 30. November - auf legalem Weg - die Waffe bei einem „Sportsman's Warehouse“ in Tucson zu kaufen, dazu mehrere Zusatzmagazine mit bis zu 30 Schuss Munition?

          Auch am Montag wehten die Flaggen vor dem Kapitol auf Halbmast. Um elf Uhr vormittags Washingtoner Ortszeit gedachten Präsident Barack Obama und die Nation in einer Schweigeminute der Opfer des Massakers. Das Repräsentantenhaus, in dem die zentristische „Blue Dog“-Demokratin Giffords ihren konservativ geprägten Wahlkreis im ländlichen Süden von Arizona seit Januar 2007 vertrat, setzte seine Agenda aus. Die für Mittwoch von der neuen republikanischen Mehrheit unter „Sprecher“ John Boehner angesetzte Abstimmung zur Rücknahme der umstrittenen Gesundheitsreform, die im März 2010 vom seinerzeit noch demokratisch kontrollierten Kongress verabschiedet worden war, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

          Doch zu einer Abkühlung der überhitzten Debatte kam es entgegen aller Aufrufe zur Besonnenheit angesichts der Tragödie von Tucson nicht. Buchstäblich über die Leichen der Erschossenen und die leblosen Körper der Verwundeten hinweg flogen sogleich die Anschuldigungen der verfeindeten politischen Lager. Den Anfang machte noch am Tatort der Sheriff des Landkreises Pima, Clarence Dupnik. Er beklagte, dass Arizona zu einem „Mekka des Hasses und der Vorurteile“ und zum einem Zentrum der Hassrede geworden sei. Der 74 Jahre alte Dupnik ist Demokrat und seit 1980 Sheriff des Landkreises. Als das Parlament in Phoenix im vergangenen Jahr das umstrittene Immigrationsgesetz verabschiedete, das Polizeibeante des Staates und der Landkreise dazu verpflichtet, bei Routinekontrollen den Einwanderungsstatus von mutmaßlich illegalen Immigranten zu überrüfen, weigerte sich Dupnik, das von ihm als „rassistisch und dumm“ gebrandmarkte Gesetz in grenznahen Landkreis Pima durchzusetzen.
          Am Montag wies Jon Kyl, seit 1995 republikanischer Senator für Arizona in Washington, die Äußerungen Dupniks als „bloße Spekulation“ zurück und wollte keinen Zusammenhang erkennen zwischen dem heftigen politischen Streit über die Einwanderungs- wie auch die Gesundeitspolitik und der Tragödie vom Samstag. Die Bundespolizei FBI hat festgestellt, dass Drohungen gegen Politiker beider Parteien und Fälle des Vandalismus im letzten Jahr sprunghaft zugenommen haben. Der demokratische Senator Dick Durbin aus Illinois bekräftigte seinerseits die weithin geäußerte Kritik an einem Wahlkampfslogan der früheren republikanischen Gouverneurin von Alaska und Vizepräsidentschaftskandidatin von 2008, Sarah Palin, die als eine Art Einpeitscherin der konservativen „Tea Party“-Bewegung vor den Kongresswahlen vom November die Parole ausgegeben hatten: „Gib nicht nach, lade nach!“

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