https://www.faz.net/-gpf-100n2

Anschlag in Algerien : Durch islamistischen Terror „in den Grundfesten bedroht“

Anschlag auf eine Polizeistation am 3. August in Tizi Ouzou, nur einer in einer langen Reihe Bild: dpa

Es war der verlustreichste Anschlag militanter Islamisten in diesem Jahr: Bei einem Selbstmordattentat vor einer Polizeischule in Issers im Osten des Landes sind am Dienstagmorgen 43 Personen getötet worden. Präsident Bouteflika scheitert mit seiner Politik der „nationalen Versöhnung“.

          Es war der verlustreichste Anschlag in Algerien seitdem militante Islamisten im Dezember 2007 in der Hauptstadt Algier ein UN-Büro und den Verfassungsrat angriffen. Damals kamen 37 Menschen um, am Dienstag wurden bei einem Selbstmordattentat vor einer Polizeischule in Issers im Osten des Landes nach algerischen Presseberichten 43 Menschen getötet.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Schon seit Juli haben die islamistischen Terroristen, die „Al Qaida im Islamischen Maghreb“ zugerechnet werden, den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten in den Osten des Landes verlegt, wo sie in Wäldern und Bergen traditionell ihre Rückzugesgebiete haben. Erst am Sonntagabend hatten mehr als 40 von ihnen einen Konvoi von Sicherheitskräften bei Skikda, 350 Kilometer östlich von Algier, überfallen und dabei 13 Menschen getötet.

          Bei Boumerdès verübten sie eine Woche zuvor einen Selbstmordanschlag auf ein Polizeigebäude, bei dem sieben Menschen umkamen. Gezielt wurden in den vergangenen Tagen auch mehrere führende Mitglieder des Sicherheitsapparats ermordet. In algerischen Zeitungen war deshalb am Dienstag davon die Rede, dass Algerien den Terrorismus noch längst nicht im Griff habe, wie es die Regierung behauptet, sondern noch immer dadurch „in den Grundfesten“ bedroht werde.

          Bouteflikas Versuch der „nationalen Versöhnung“

          Offenbar vergeblich versuchte Präsident Abdelaziz Bouteflika mit seiner Politik der „nationalen Versöhnung“ bisher die letzten Terroristen zu einer Umkehr zu bewegen. Statt dessen gelang es den algerischen Islamisten der „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC), die sich Ende 2006 in „Al Qaida im Islamischen Maghreb“ umbenannten, den Terror sogar wieder mitten in die Hauptstadt Algier zu tragen. Vor dem Doppelanschlag im Dezember 2007 griff im Frühjahr davor ein Selbstmordattentäter den Amtssitz des Ministerpräsidenten an. Im September scheiterte ein Mordanschlag auf den Staatspräsidenten.

          Auch Ausländer nehmen die Terroristen wieder verstärkt in ihr Visier, zuletzt Anfang Juni Mitarbeiter eines französischen Bauunternehmens; wegen seiner großen Gas und Ölvorräte ist Algerien ein auch von Deutschland umworbener Lieferant und Wirtschaftspartner. Doch das Hauptziel der militanten Islamisten, deren Zahl nur auf mehrere Hundert geschätzt wird, bleibt der Staatsapparat: Die meisten Opfer in diesem Jahr stammten aus den Reihen der Sicherheitskräfte.

          In den vergangenen Jahren fiel zudem auf, dass die algerischen Islamisten, die sich besonders mit Gleichgesinnten in Tunesien, Marokko und Mauretanien vernetzten, die Vorgehensweise von Al Qaida im Irak und in Afghanistan zunehmend kopierten. So hatte es bis 2007 in Algerien - mit einer Ausnahme in den neunziger Jahren - selbst in den schlimmsten Jahren des Terrors keine Selbstmordanschläge gegeben. Auch der häufigere Einsatz von ferngezündete Bomben, die am Straßenrand versteckt sind, ist eine neuere Entwicklung, die Fachleute in diesen Zusammenhang stellen.

          Weitere Themen

          G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

          Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

          Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

          Topmeldungen

          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.
          Unser Sprinter-Autor: Sebastian Reuter

          F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

          Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.