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Anschlag in Afghanistan : Gequetscht und ausgewichen

Verteidigungsminister Thomas de Maiziere bei seinem Antrittsbesuch in Afghanistan nebem dem gestern verwundeten Kommandeur des Regionalkommandos Nord, Markus Kneip (Foto vom 26.03.2011) Bild: dpa

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Isaf den Norden Afghanistans als beschauliche Nische ihres Krieges ansah: Ein Angriff, der einem kommandierenden General so nahe kommt, hat auch für die Nato eine neue Qualität. Die Taliban reagieren flexibel auf alle neuen Strategien des Bündnisses.

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          Der Anschlag von Talokan war offensichtlich sorgfältig geplant. Soweit es sich am Sonntag anhand der Berichte von Militärs und afghanischen Medien nachzeichnen ließ, war mindestens ein Selbstmordattentäter in der Uniform eines afghanischen Polizisten ins Innere des Dienstsitzes des Provinzgouverneurs von Takhar gelangt. Die Bundeswehr sprach von mehreren Explosionen, so dass es wahrscheinlich ist, dass noch weitere Aufständische in das Gebäude gelangten, wo am Samstag ein „Sicherheitstreffen“ auf der regional höchsten Ebene abgehalten wurde. Dort waren unter anderen der Gouverneur Abdul Dschabar Takwa, sein Polizeichef Schah Dschahan Nuri, der Polizeichef für die gesamte Nordregion, Daud Daud, der kommandierende General des 109. Korps der afghanischen Armee, General Zalmai Weza, und der Regionalkommandeur der internationalen Isaf-Truppe, der deutsche Generalmajor Markus Kneip.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Die Attentäter warteten auf den Moment, als die Würdenträger in die Empfangshalle kamen, um die Bomben zu zünden. Die beiden Polizeikommandeure wurden getötet, der Provinzgouverneur und der deutsche General verwundet. Getötet wurden insgesamt mindestens sieben Personen, darunter zwei Bundeswehrsoldaten. Die beiden deutschen Gefallenen waren ein 43 Jahre alter Major aus dem Führungsunterstützungsbataillon 282 in Kastellaun und ein 31 Jahre alter Hauptfeldwebel des Feldjägerbataillons 152 aus Hannover. Die Verwundung von General Kneip war nicht lebensgefährlich. Doch wie knapp es für ihn war, zeigen die anderen Opfer: Der Major, der ums Leben kam, war ein enger Stabsmitarbeiter, der gefallene Hauptfeldwebel sein Personenschützer.

          Der Angriff galt nicht oder nicht allein den westlichen Soldaten. Dennoch traf er auch die internationale Isaf-Truppe schwer. Ein Angriff, der einem kommandierenden General so nahekommt, hat auch für die Isaf eine neue Qualität, zumal im Norden Afghanistans. Wie ernst der Anschlag von Talokan genommen wird, zeigte der Rang der Besucher, die sich am Sonntagmorgen in Mazar-i-Scharif einfanden, dem regionalen Hauptquartier der internationalen Truppen im Norden Afghanistans. General Rodriguez und dann auch General Petraeus, die beiden ranghöchsten Offiziere der Isaf, kamen, um den Soldaten für ihre Leistung zu danken. Der Besuch der beiden Amerikaner zeigt zugleich, welche Bedeutung inzwischen der Nordregion beigemessen wird, die bis vor drei Jahren eher als beschauliche Nische galt, verglichen mit dem Süden und Osten des Landes.

          Getötet: Daud Daud in Kabul im November 2008
          Getötet: Daud Daud in Kabul im November 2008 : Bild: dpa

          Doch sagten schon damals Nato-Strategen voraus, dass die aufständischen Taliban und andere Gruppen ihre Aktivitäten auch in den Norden verlegen könnten, angesichts des zunehmenden militärischen Drucks, der anderswo durch die massive amerikanische Truppenaufstockung entstand. Ein amerikanischer Offizier der im Süden eingesetzten Marineinfanterie gebrauchte das Bild eines Luftballons, der von einer starken Hand gequetscht wird: Zwar gelingt es, den Ballon zusammenzudrücken, doch weicht die Luft nach links und rechts und bildet dort neue Blasen.

          Ein weiterer Faktor ist die gestiegene strategische Bedeutung der Nord-Süd-Verkehrsverbindung für den Nachschub der Isaf. Die Amerikaner setzten zunächst auf den Verbündeten Pakistan, doch sind sie angesichts zunehmender Angriffe dort auch auf Nordkurs. Daher wird das lange Zeit militärisch nicht sehr schlagkräftige, deutsch geführte Isaf-Kontingent im Norden mit knapp 5000 Bundeswehrsoldaten nun durch annähernd so viele amerikanische Truppen verstärkt.

          In offensiven Operationen wurden Hochburgen der Aufständischen bei Kundus und bei Baghlan im vergangenen Jahr den Taliban und anderen Milizen - etwa der aus der Mudschahedin-Zeit verbliebenen HIG - eingenommen und auch militärisch mehr oder weniger gehalten. Doch wiederholt sich offensichtlich im kleineren Maßstab der Nordregion der Luftballon-Effekt. Zu registrieren sind zunehmende Aufstandsaktivitäten in Mazar-i-Scharif, der Hauptstadt der Provinz Balkh, und in Talokan in der Provinz Takhar. Diese Orte galten bislang als weitgehend gesichert, allenfalls durch Kriminalität und Rauschgiftverkehr beeinträchtigt. In Talokan wurde im Rahmen der zivil-militärischen Aktivitäten („Cimic“) eine Außenstelle des PRT (Provincial Reconstruction Team) Kundus eingerichtet, ein sogenanntes PAT (Provincial Advisory Team) von etwa 30 Mann. Eine größere Truppe zur Sicherung schien nicht erforderlich, das Lager befindet sich mitten im Ort.

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