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Anschlag in Afghanistan : Gequetscht und ausgewichen

Nahe der Stadt Mazar-i-Scharif liegt zwar das größte Militärcamp der Isaf im Norden, doch dient es im Wesentlichen als Logistikzentrum, Luftstützpunkt und Basis; Gouverneur Mohammed Atta, ein alter Anführer der Mudschahedin-Nordallianz, gilt als starker Mann. Das Stadtgebiet von Mazar wurde vom afghanischen Präsidenten Karzai Ende März als eine der Regionen ausgerufen, wo in diesem Sommer die Sicherheitsverantwortung auf die afghanischen Stellen übergehen solle. Doch ereignete sich ausgerechnet dort gut eine Woche später der gewaltsame Angriff eines Mobs auf den Stützpunkt der zivilen Afghanistan-Mission der UN, Unama, bei dem sieben Personen getötet wurden. Anfang Mai schließlich wurde der Flughafen von Mazar mit Raketen angegriffen. Dabei entstand zwar kein nennenswerter Schaden, doch bewerteten Militärs es als beunruhigend, dass die Angreifer sich der sensiblen Einflugschneise so weit nähern konnten. Am Sonntag teilte die Isaf wiederum mit, dass ein gemeinsamer Trupp von afghanischen und Koalitionskräften einen Talibanführer - kampflos - festgesetzt hätten, der für Angriffe auf die afghanische Polizei (und Rauschgiftschmuggel) verantwortlich sei.

Ein erstes, aber ernstes Zeichen, dass auch die Taliban in Talokan aktiv sind, war der Mordanschlag auf den Gouverneur der Nachbarprovinz Kundus im Oktober 2010. Das Opfer, Mohammed Omar, war eine durchaus schillernde Figur, doch bei der Verdrängung der Taliban aus ihrer Hochburg bei Kundus arbeitete er mit der Isaf zusammen. Nach dem Freitagsgebet, das er in seiner Heimatstadt Talokan besuchte, wurde er vor der Moschee in die Luft gesprengt. Dann ereignete sich vor zwei Wochen der Vorfall, als eine aufgebrachte Menschenmenge auf das PAT zusteuerte und von Polizisten, aber auch Bundeswehrsoldaten beschossen wurde. Das war möglicherweise ein gezielter Angriff auf das PAT. Jedenfalls sahen sich die Soldaten von Männern mit Handgranaten und Brandflaschen bedroht.

Anlass für die Demonstration war ein nächtlicher Angriff der Isaf auf vermutete führende Aufständische, bei dem zwei Frauen getötet wurden - eine führte laut den Militärberichten eine Waffe. Auffällig ist jedenfalls die Parallele zu dem Vorfall in Mazar-i-Scharif. Denn den Militärs liegen geheimdienstliche Erkenntnisse vor, wonach ein radikaler Geistlicher aus dem Süden Afghanistans die dortige Menge aufgewiegelt habe - als Anlass oder Vorwand dienten die im Internet verbreiteten Bilder einer Koranverbrennung in Amerika.

Die Aufständischen rücken ab von Hinterhalten und Feuergefechten mit den internationalen Truppen, in denen sie vor allem dann hoffnungslos unterlegen sind, wenn Kampfflugzeuge oder gar Kampfhubschrauber beteiligt sind. An die Stelle treten Nadelstiche mit vor allem psychologischer Wirkung. Männer in der Uniform der Polizei oder Armee richten plötzlich die Waffe auf die westlichen Soldaten, mit denen sie eigentlich als Partner zusammenwirken. Ein ziviler Mob wird gegen die „Besatzer“ aufgewiegelt. Immer öfter wird auch von Frauen berichtet, die die Waffe erheben - zuletzt in einer Isaf-Meldung vom Sonntag über eine Frau mit Panzerfaust in der Provinz Khost. Wird aber eine Frau erschossen, ergibt das weiteres Propagandamaterial.

Hinzu kommt das „klassische“ Mittel der vergrabenen Sprengfallen. Bundeswehrsoldaten haben in den vergangenen Wochen außergewöhnlich schwere Ladungen entdeckt - von bis zu 300 Tonnen TNT ist die Rede. Das ZDF berichtete jetzt über Unmut in der Truppe, weil die militärische Führung es unter Berufung auf die deutsche Rechtsauslegung verhindere, die Bombenleger mit Artillerie zu beschießen, wenn sie während ihres Tuns entdeckt würden. Befürchtet werden zivile Opfer und deren Propagandapotential für die andere Seite. Doch in der vorigen Woche kam durch eine solche, unentdeckt gebliebene Sprengfalle ein 33 Jahre alter Hauptmann ums Leben.

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