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Anschlag auf U-Bahn : Nach Berlin und London – Terror in Sankt Petersburg

Bild: AFP

Wer hinter dem heimtückischen Anschlag auf die U-Bahn in Sankt Petersburg steckt, ist noch unklar. Die Mordtat wurde verübt, während sich Russlands Präsident in seiner Heimatstadt aufhielt. Wollten die Terroristen ein Zeichen setzen?

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          Noch kann man nur darüber spekulieren, wer die Täter und ihre Hintermänner waren. Ja, man kann auch nur mutmaßen, dass es sich bei der Explosion in der U-Bahn von Sankt Petersburg um einen Terroranschlag  gehandelt hat. Die Art der Zerstörung und die Berichte vom Schauplatz des grausamen Geschehens deuten allerdings auf Terror hin – Terror, wie er vor zwei Wochen London, im Dezember Berlin, im Juli Nizza, im März vergangenen Jahres Brüssel und Paris im November 2015 heimgesucht hat. Jetzt die russische Metropole Sankt Petersburg: Mindestens zehn Personen wurden in den Tod gerissen, Dutzende verletzt. Sie wurden Opfer von – mutmaßlich – politkriminellen Extremisten, die mit der Ermordung unschuldiger, ahnungsloser Fahrgäste irgendein Zeichen in irgendeinem Krieg setzen wollten.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

          Die Opfer hielten sich an einem Ort auf, den Fachleute ein „weiches Ziel“ nennen, eines, das die Sicherheitsbehörden nicht vollständig zu schützen in der Lage sind. Was könnte daher hinter der Tat in einer Stadt stecken, die am Tag des Anschlags vom russischen Präsidenten Wladimir Putin besucht wurde? Ist es genau dieses Zeichen, dass die Täter setzen wollten: Am Tag des Besuchs des Präsidenten in Sankt Petersburg schlagen wir zu? Soll es um dessen Brüskierung gehen?

          Explosion in St. Petersburg : Täter offenbar gefilmt, weitere Bombe entschärft

          Mit den Anschlägen, die vor Jahren etwa auf die Moskauer U-Bahn verübt worden waren, wurden islamistische Tschetschenen in Verbindung gebracht, die sogenannte Selbstmordattentäter einsetzten. Möglich, dass auch die Mordtat von Sankt Petersburg einen tschetschenischen Hintergrund hat. Aus diesem Milieu könnten auch Täter stammen, die sich dem Dschihadismus des „Islamischen Staats“ verschrieben haben. Auf das Konto des IS geht wahrscheinlich der Anschlag auf ein russisches Verkehrsflugzeug Ende Oktober 2015. Kurz zuvor hatte Russland an der Seite des Diktators Assad in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen. Massenmord an Urlaubern als perverse Vergeltungsaktion.

          Viele Länder sind in den vergangenen Monaten das Ziel islamistisch inspirierter Terroristen geworden, westliche Demokratien ebenso wie autoritär regierte Staaten an der europäischen Peripherie. Die Gründe für die jeweilige Tat und die Motive der Täter mögen verschieden sein. Aber die Erschütterung über die Verbrechen ist grenzüberschreitend. Für Terror kann es keine Rechtfertigung geben.


          Anschläge der Vergangenheit in Russland

          24. März 2017
          Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) tötet bei einem Anschlag auf eine russische Militärbasis in Tschetschenien sechs Soldaten. In einem Feuergefecht sterben auch die sechs Angreifer.

          14. April 2016
          Bei einem Anschlag auf eine Polizeiwache nahe der südrussischen Stadt Stawropol werden drei Angreifer getötet. Zwei von ihnen seien erschossen worden, der dritte habe sich selbst in die Luft gesprengt. Stawropol liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu den muslimisch geprägten Teilrepubliken im Nordkaukasus, in denen es regelmäßig zu Kämpfen islamistischer Extremisten mit den Sicherheitskräften kommt.

          Dezember 2013
          Im Bahnhof der Millionenstadt Wolgograd zünden Terroristen am 29.12. eine mit Nägeln und Schrauben gefüllte Bombe. Bei dem Selbstmordanschlag sterben mindestens 17 Menschen.

          Oktober 2013
          Mit einer Bombe in einem Linienbus in Wolgograd tötet eine Selbstmordattentäterin sechs Insassen und sich selbst. Mehr als 30 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Fahnder vermuten, dass Islamisten aus dem Nordkaukasus der Frau die Bombe übergeben haben.

          Januar 2011
          Bei einem Selbstmordanschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Drahtzieher der Sprengstoffattacke ist der tschetschenische Terrorist Doku Umarow, der der russischen Regierung per Video mit weiteren Anschlägen droht.

          März 2010
          Selbstmordattentäterinnen sprengen sich in zwei Zügen der Moskauer U-Bahn in die Luft und reißen mindestens 40 Menschen mit in den Tod. Auch hinter diesem Anschlag steckt Umarow.

          November 2009
          Bei einem Sprengstoffanschlag auf den Schnellzug Moskau-St. Petersburg kommen mindestens 26 Menschen ums Leben. Umarow bekennt sich zu dem Anschlag und kündigt einen „Sabotagekrieg“ gegen die „blutige Besatzungspolitik“ Moskaus im Kaukasus an.

          September 2004
          Bewaffnete überfallen eine Schule in Beslan (Nordossetien) und nehmen 1100 Kinder, Eltern und Lehrer als Geiseln. Das Terrordrama endet mit 360 Toten. Als einer der Drahtzieher gilt der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew.

          17. August 2009
          Ein Selbstmordattentäter bringt im russischen Nazran in der autonomen Republik Inguschetien einen Lastwagen vor einer Polizeistationin zur Explosion. Mindestens 2o0 Menschen sterben und weitere 60 werden nach offiziellen Angaben verletzt.

          August 2004
          Zeitgleich stürzen zwei russische Passagiermaschinen ab. Alle 90 Menschen an Bord kommen ums Leben. In beiden Maschinen hatten Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien Bomben gezündet.

          Oktober 2002
          Tschetschenen überfallen ein Moskauer Musical-Theater und nehmen mehr als 800 Geiseln. Nach drei Tagen stürmt die Polizei das Gebäude. 129 Geiseln und alle 41 Terroristen sterben.

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