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Anschlag auf „Intercontinental“ in Kabul : Ein Schlag gegen das Übergabe-Pilotprojekt

Rauch steigt auf über dem Hotel Intercontinental am späten Dienstagabend Bild:

Mit dem Angriff auf das Hotel in Kabul haben die Aufständischen in Afghanistan deutlich gemacht, dass sie die „Übergangsphase“, von der nun die Rede ist, torpedieren wollen. Auch „Friedensgespräche“ lehnen die Taliban offiziell weiterhin ab.

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          Es war am späten Dienstagabend, als bis zu neun traditionell gekleidete Männer im Speisesaal des Hotels auftauchten und das Feuer eröffneten. Was danach geschah, verliert sich in den zum Teil widersprüchlichen Berichten von Augenzeugen, Taliban, afghanischer Polizei und Nato. Die Gefechte, in die im Laufe der Nacht afghanische Sicherheitskräfte und schließlich Nato-Soldaten eingriffen, endeten jedenfalls erst in den frühen Morgenstunden.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Zuletzt waren die verbliebenen Angreifer – einige hatten sich schon in die Luft gesprengt – auf das Dach des Hotels gedrängt worden, wo sie aus Nato-Hubschraubern beschossen wurden. Nach Regierungsangaben wurden in der Nacht neun Angreifer, zwei Polizisten und neun Unbeteiligte getötet, unter ihnen ein spanischer Pilot und ein türkischer Gast. Die Taliban, die sich des Anschlags bezichtigten (und traditionell überhöhte Zahlen nennen), sprachen von mehr als fünfzig Toten, viele von ihnen angeblich ausländische Gäste.

          Es war nicht der erste Angriff auf ein Hotel in Kabul, es war nicht einmal der erste auf das „Hotel Intercontinental“, aber er kommt zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt. An diesem Freitag beginnt die erste Phase des internationalen Truppenabzugs und der damit verbundenen Übergabe erster Provinzen in die Obhut der afghanischen Sicherheitskräfte. Afghanistan-Beauftragte mehrerer Staaten, unter ihnen der Deutsche Michael Steiner und der Amerikaner Marc Grossman, waren gerade erst in der Stadt gewesen. An diesem Mittwoch sollte eine große Konferenz zur Übergabe der Provinzen beginnen, deren Teilnehmer überwiegend im Inter-Continental untergebracht waren.

          Die Taliban wollen die „Übergangsphase“ torpedieren

          Deutlicher konnten die Taliban – oder, wie manche meinen, Kämpfer des talibannahen Haqqani-Netzwerks – nicht zeigen, dass sie die „Übergangsphase“, von der jetzt so viel die Rede ist, torpedieren wollen. Meldungen über Kontakte oder sogar „Friedensgespräche“ kommen bislang nur von Seiten Afghanistans und des Westens. Die Taliban lehnen sie offiziell weiterhin ab. Fachleute befürchten, dass die Aufständischen die schrittweise Übergabe von Provinzen in den kommenden Wochen und Monaten nutzen könnten, um in Sicherheitsvakuen vorzustoßen und so Erfolgsmeldungen der Nato zu verhindern.

          Mit ihrem Angriff in Kabul haben sich die Aufständischen gewissermaßen das Pilotprojekt der Übergabe als Ziel ausgewählt. Die afghanische Hauptstadt steht schon seit drei Jahren formal unter der Sicherheitsverantwortung der Regierung Karzai. Die in der Stadt verbliebene Internationale Schutztruppe (Isaf) mit ihren militärischen Einrichtungen stellt allerdings sicher, dass die Afghanen im Notfall nicht alleine sind. Nun entblößten die Aufständischen die Unzulänglichkeit der Afghanischen Nationalarmee, die in Ermangelung eigenen Geräts Kampfhubschrauber der Isaf anfordern musste.

          Wie konnten die Angreifer in das abgeschirmte Hotel eindringen?

          Der neue Isaf-Sprecher, der Bundeswehrgeneral Carsten Jacobsen, beeilte sich am Mittwoch, die Rolle der afghanischen Sicherheitskräfte während des Angriffs zu loben und die eigene als „unterstützend“ in den Schatten zu stellen. Offenbar soll dem Eindruck entgegengewirkt werden, dass die Afghanen in ihren eigenen Zuständigkeitsbereichen die Lage nicht im Griff haben.

          Dabei bleibt auch am Tag danach unklar, wie die Angreifer in das abgeschirmte – und seiner Höhenlage wegen relativ leicht abzuschirmende – Hotel eindringen konnten. Der „Ring of Steel“, der um Kabul herum gelegt wurde, ist nicht ganz so abweisend, wie sein Name nahelegt. Aber wie, fragen sich manche, konnten bis zu neun Männern mit Sprengwesten und Schusswaffen den Kontrollposten vor der langen Auffahrt zum Hotel passieren, um dann einen halben Kilometer später abermals durch einen schwer bewachten Eingang zu kommen? Seit dem Anschlag vom November 2003, als eine Bombe die Lobby in Schutt und Asche legte, galt das „Intercontinental“ als vergleichsweise gut gesichert. Fachleute in Kabul sprachen nun am Mittwoch von einer „Sicherheitslücke“, die möglicherweise durch Renovierungsarbeiten entstanden sei.

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