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Anschlag auf Atomwissenschaftler : Teheran: Eine westliche Verschwörung

  • Aktualisiert am

Bild: afp

Das iranische Regime hat den tödlichen Bombenanschlag auf einen iranischen Atomwissenschaftler in Teheran als westliche Verschwörung dargestellt. Im Atomstreit zeigt sich Teheran stur. Die amerikanische Außenministerin Clinton fordert Sanktionen gegen die „iranische Elite“.

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          Das iranische Regime hat den tödlichen Bombenanschlag auf einen iranischen Atomwissenschaftler in Teheran als westliche Verschwörung dargestellt. Das Staatsfernsehen zitierte einen Sprecher des Außenministeriums mit den Angaben, nach ersten Ermittlungen gebe es Hinweise, dass das „Dreieck der Bösartigkeit aus dem Zionistenregime, Amerika und ihren gekauften Agenten“ in den „Terroranschlag“ verwickelt sei. Als „zionistisches Regime“ bezeichnet die iranische Führung Israel. Zudem war im Staatsfernsehen von Agenten der „globalen Arroganz“ die Rede, wie der Westen bezeichnet wird, und von „antirevolutionären Kräften“. Laut dem staatlichen Sender Press-TV wurde Masud Ali Mohammadi durch eine an einem Motorrad versteckte ferngezündete Sprengfalle getötet. Die Bombe sei gezündet worden, als Mohammadi sein Haus im Norden Teherans verließ. Der Anschlagsort wurde zur Spurensuche von der Polizei abgeriegelt. Festnahmen wurden zunächst nicht gemeldet. In der Opposition gibt es die Befürchtung, das Regime könne den Anschlag als Vorwand missbrauchen, die Repressionen gegen Regimegegner zu verstärken.

          Das Regime in Teheran stellt den getöteten 50 Jahre alten Mohammadi als einen Nuklearphysiker und Anhänger der islamischen Revolution dar. Indes wurde berichtet, der Name des Wissenschaftlers, der an der Universität in Teheran tätig war, habe vor der Präsidentenwahl im Juni vergangenen Jahres auf einer Liste von etwa 240 Unterstützern des Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi gestanden. Mohammadi habe zur Wahl Mussawis aufgerufen. Der britische Sender, BBC zitierte einen Mitarbeiter der Universität Teheran, an der Mohammadi tätig war, mit der Einschätzung, der Professor sei keine „politische Figur“. Nach Agenturberichten wird Mohammadi von westlichen Fachleuten als als theoretisch arbeitender Physiker beschrieben. In seinen Publikationen befasste er sich demnach vor allem mit Kosmologie, Hochenergie-Physik und Quantenphysik. Die Nachrichtenagentur AP zitierte einen Sprecher der iranische Atomenergiebehörde mit der Angabe, Mohammadi sei nicht in das umstrittene Atomprogramm Irans verwickelt gewesen.

          Iran beharrt auf Position im Atomstreit

          In dem Streit über das Atomprogramm reagierte Teheran in der vergangenen Woche offiziell auf den Vorschlag der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) für einen Nuklearhandel. Die Reaktion aus Teheran kam kurz vor einem Treffen hoher Diplomaten der fünf UN-Vetomächte und Deutschlands am Samstag in New York, die über neue Sanktionen gegen Iran beraten wollen. Wie Diplomaten dieser Zeitung in Wien bestätigten, beharrt Iran demnach darauf, schwach angereichertes Uran aus seinen Beständen allenfalls auf eigenem Territorium gegen Brennelemente zu tauschen, die Iran dringend für den Weiterbetrieb seines Teheraner Forschungsreaktors benötigt.

          Anschlag in Teheran: Szenebild des staatlichen Senders Press TV

          Die Forderung Russlands und Frankreichs (welche die Brennelemente für Iran herstellen würden) sowie Amerikas, Iran müsse dafür zuerst einen Großteil (1200 Kilogramm) seines angereicherten Urans ins Ausland liefern, lehnt Teheran weiter ab. Vielmehr verlangt Iran gemäß der nun - mehr als zwei Monate nach Fristablauf - der IAEA übermittelten Antwort einen Tausch in zwei Phasen. So sollen zuerst nur 400 Kilogramm iranisches Spaltmaterial gegen Brennelemente getauscht werden. Das lässt darauf schließen, dass Teheran weiterhin auf seiner Auffassung beharrt, es müsse insgesamt nur 800 Kilogramm seines Spaltmaterials abgeben, um dafür die benötigten Brennelemente zu erhalten; das entspräche etwa der Hälfte des bekannten iranischen Vorrats.

          Clinton fordert Sanktionen gegen die „iranische Elite“

          Europäische Diplomaten sind dagegen, Iran an dieser Stelle entgegenzukommen; Teheran müsse in Vorleistung treten, damit der Westen Zeit im Atomstreit gewinne. Auch Washington, dessen Präsident Obama Iran nur bis Ende 2009 Zeit gegeben hatte, seine „ausgestreckte Hand“ zu ergreifen, hält einen Austausch auf iranischem Boden für inakzeptabel. Doch scheint es in Teilen der amerikanischen Regierung eine Offenheit für einen Tausch in mehreren Etappen zu geben, falls Iran damit für das Abkommen zu gewinnen wäre. Außenministerin Clinton forderte am Montag allerdings Sanktionen gegen die „iranische Elite“; insbesondere würden die westlichen Staaten gern die Revolutionsgarden ins Visier nehmen, die inzwischen auch weite Teile der iranischen Wirtschaft kontrollieren.

          Dem Vernehmen nach trug der Vertreter Irans die lang erwartete Antwort dem IAEA-Generaldirektor Amano zunächst nur mündlich vor; erst auf dessen Verlangen hin wurde sie schriftlich formuliert. Das hat in Wien Zweifel verstärkt, ob Irans Führung geschlossen hinter der Antwort steht. In Wien hieß es am Dienstag, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Iran tatsächlich „als Geste“ seine Urananreicherung für zwei Monate suspendiert habe, wie es das Außenministerium kürzlich behauptet hatte. Als wahrscheinlich gilt, dass Iran mit solchen und ähnlichen Äußerungen dafür sorgen will, dass die Verantwortung für ein Scheitern des Handels im Land dem Westen angelastet wird.

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