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Der Besitz einer Bibel kann in Sudan gefährlich sein, besonders für muslimische Konvertiten: Auf Apostasie steht die Todesstrafe. Foto: AFP

Um Gottes Willen

Von REINHARD BINGENER
Der Besitz einer Bibel kann in Sudan gefährlich sein, besonders für muslimische Konvertiten: Auf Apostasie steht die Todesstrafe. Foto: AFP

29.04.2019 · Die Anschläge in Sri Lanka haben ein erschreckendes Licht auf die Lage von Christen geworfen. In vielen Länder der Welt werden sie unterdrückt und Opfer von Gewalt und Terror.

D ie Anschläge mit mehr als 250 Toten in Sri Lanka fügen sich in ein Muster: Terroristen wählen immer wieder hohe christliche Feiertage aus, um ihre grausamen Taten zu begehen. Insbesondere in Ägypten hat der „Islamische Staat“ in den vergangenen Jahren seine Anschläge auf christliche Gotteshäuser auf die Weihnachtszeit oder die Tage um Ostern terminiert. Die Fanatiker können an solchen Festtagen in einer Kirche besonders viele Menschen töten. Ihre Absicht besteht vermutlich aber vor allem darin, dass die grausame Ermordung von Gläubigen dann weltweit noch größere Aufmerksamkeit erzielt.

In Sri Lanka ging dieses Kalkül des Schreckens auch deshalb auf, weil das Land bisher nicht als Hort des Dschihadismus galt und daher noch kein Effekt der Abstumpfung eingesetzt hat. Experten hatten den Inselstaat bisher eher im Blick, weil die buddhistische Mehrheitsbevölkerung die Minderheiten im Land unter Druck setzt, also Muslime ebenso wie Christen. Durch die Anschläge sehen sich die Christen in Sri Lanka nun einer weiteren Bedrohung ausgesetzt: der Terrorgefahr durch ein islamistisches Netz, das offenbar stärker ist als bislang angenommen.

Weitet man den Blick über Sri Lanka hinaus, zeigt sich, dass weltweit immer mehr Christen wegen ihrer religiösen Überzeugung verfolgt werden. In vielen islamischen Ländern in Nordafrika und im Nahen Osten ist die Situation der Christen schon seit einigen Jahren dramatisch. Zahlreiche christliche Glaubensgemeinschaften, deren Tradition dort oft bis weit in die vorislamische Zeit zurückreicht, sind scharfer Verfolgung ausgesetzt und leiden unter der Abwanderung großer Teile ihrer Mitgliedschaft in die westliche Welt. Es gibt zwar einige Länder mit religiöser Toleranz wie Oman. Von Religionsfreiheit nach westlichem Maßstab kann freilich selbst in den vergleichsweise liberalen Ländern Arabiens kaum die Rede sein.

Inzwischen erregt aber auch zunehmend Besorgnis, wie es Christen weiter östlich ergeht. Nach dem „Weltverfolgungsindex“, den die Organisation „Open Doors“ jährlich erstellt, trugen die Entwicklungen in Südasien maßgeblich dazu bei, dass sich die Zahl verfolgter Christen allein zwischen 2015 und 2016 von 100 Millionen auf 200 Millionen verdoppelt hat. Angeführt wird die Rangliste der für Christen schlimmsten Länder beinahe schon traditionell vom kommunistischen Nordkorea. Dahinter folgen Afghanistan und Somalia sowie eine Reihe weiterer islamisch geprägter Länder. Das hinduistisch geprägte Indien, der Staat mit der zweitgrößten Bevölkerung, ist auf Platz zehn vorgerückt; China, das bevölkerungsreichste Land, von Platz 43 auf Platz 27.

Man muss allerdings die Frage stellen, wie aussagekräftig solche Rankings sind. Ebenso wie „Open Doors“ erstellt auch das amerikanische Pew Research Center eine Rangliste der schlimmsten Länder, kommt jedoch zu anderen Ergebnissen: Bei Pew Research wird China auf Platz eins derjenigen Staaten geführt, welche die Religionsfreiheit am stärksten verletzen. Und Indien führt dort die Rangliste der Länder an, in denen der gesellschaftliche Druck auf religiöse Minderheiten am stärksten ist.

Im „Weltverfolgungsindex“ ist China in einem Jahr von Rang 42 auf 27 vorgerückt. Foto: Sim Chi Yin/The New York Times

Wie kommt es zu solchen Abweichungen? Zum einen nimmt „Open Doors“ die Situation der Christen in den Blick, während Pew Research generell nach Religionsfreiheit fragt. Und während die Daten von Pew Research unter Soziologen einen guten Ruf haben, muss sich „Open Doors“ immer wieder Fragen zur Methodik gefallen lassen. Dazu sollte man wissen, dass die Organisation dem radikalen Flügel des evangelikalen Spektrums zuzurechnen ist und ihre Methoden selbst von moderaten Anhängern dieser Strömung kritisch gesehen werden. Schon öfters wurde „Open Doors“ vorgehalten, mit fragwürdigen Daten ein generelles Misstrauen gegenüber Muslimen nähren zu wollen. Das bedeutet allerdings nicht, dass der „Weltverfolgungsindex“ als Quelle wertlos wäre. Gerade die evangelikalen Christen verfügen in vielen Ländern über von den dortigen Regierungen unabhängige Netze, um an Informationen zu gelangen.

Ebenso wie „Open Doors“ hilft auch das päpstliche Missionswerk „Missio“ bedrängten Christen und erstellt Berichte über deren Diskriminierung. „Missio“ verzichtet dabei aber auf die Erstellung eines Rankings. „Opferzahlen sind sehr schwer zu dokumentieren und Ranglisten oft instrumentell“, sagt Johannes Seibel von „Missio“. „Wenn in Nigeria Nomaden, die Muslime sind, mit Farmern um Weideland streiten, die Christen sind, ist das dann ein religiöser Konflikt oder ein ökonomischer?“, fragt er.


„Der Begriff ‚Christenverfolgung‘ darf keine ausgrenzende Wirkung entfalten und nicht missbraucht werden, um in Deutschland Identitätsdebatten zu befeuern“
Johannes Seibel, Mitarbeiter beim Missionswerk „Missio“

Der „Missio“-Mitarbeiter zögert auch beim Wort „Christenverfolgung“. „Der Begriff darf keine ausgrenzende Wirkung entfalten und nicht missbraucht werden, um in Deutschland Identitätsdebatten zu befeuern“, warnt Seibel. Das bedeute jedoch nicht, dass Christen nicht in vielen Ländern drangsaliert würden, hebt Seibel hervor. „Wir haben Grund zur Annahme, dass Christen heute weltweit stärker leiden als früher. Die Zahl der Länder, in denen ihre Religionsfreiheit verletzt wird, ist gestiegen.“

D ie Diskriminierung zeigt dabei von Land zu Land sehr verschiedene Gesichter. Der „Ökumenische Bericht zur Religionsfreiheit“, den die beiden großen Kirchen gemeinsam erstellen, kommt zu dem Schluss, dass die Religionsfreiheit am stärksten in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas bedroht ist. Dort gibt es sowohl staatliche Repressionen durch Regime, die sich durch den Islam legitimieren, als auch religiös motivierte Terroranschläge durch Islamisten.

Ganz anders stellt sich die Lage in China dar: Die Unterdrückung der Christen hängt dort mit der religionsfeindlichen kommunistischen Doktrin zusammen, die in dem Land über Jahrzehnten herrschte. Mittlerweile ist weniger die repressiv-atheistische Ideologie das größte Problem, sondern das Streben der Führung nach umfassender staatlicher Kontrolle. Davon sind neben vielen Millionen Christen auch buddhistische Tibeter oder muslimische Uiguren betroffen. Unter Präsident Xi Jinping hat der staatliche Druck noch einmal zugenommen. Ein Bericht von Human Rights Watch kam unlängst zu dem Schluss, dass Peking in nur eineinhalb Jahren ein gewaltiges Zwangslagersystem für eine Million Uiguren aufgebaut hat. Eine der wohl eklatantesten Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart.

Besorgniserregend ist auch die Entwicklung in Indien. Das Land ist auf dem Papier zwar eine säkulare Demokratie mit garantiertem Grundrecht auf Glaubensfreiheit. Die soziale Realität des Kastenwesens stand dem allerdings schon immer entgegen. Durch das Erstarken der radikalen Hindu-Partei BJP in den vergangenen 25 Jahren steht inzwischen aber auch der säkulare staatliche Rahmen in Frage. Die Partei von Premierminister Narendra Modi tritt für einen kulturellen Nationalismus ein. Und der Hinduismus, von dem manche Religionswissenschaftler sagen, dass er nicht eine Religion sei, sondern ein Sammelbecken vieler Religionen, bildet die Klammer dieser Ideologie. Christen und Muslime sind in Indien deshalb neben ihrer traditionellen gesellschaftlichen Diskriminierung auch wachsender staatlicher Repression ausgesetzt.

In noch größerem Ausmaß gilt das in Burma. Dort ist es allerdings nicht eine hinduistische, sondern eine buddhistische Mehrheitsbevölkerung, welche die religiösen Minderheiten, die muslimischen Rohingya, aber auch die christlichen Karen systematisch unterdrückt und verfolgt. Die Vertreibung von Rohingya in den vergangenen Jahren zählt ebenfalls zu den großen Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart. Das Beispiel Burma belegt auch, dass die im Westen verbreitete Annahme, der Buddhismus sei friedfertiger als die monotheistischen Religionen, sich nicht mit der Wirklichkeit deckt. Auch das Beispiel Sri Lanka ist geeignet, solche pauschalen Grundannahmen in Frage zu stellen.

Mit Blick auf die Christen bereitet aber auch die Entwicklung in den muslimisch geprägten Ländern Südasiens Sorgen. Aktuell wirft die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle in Brunei ein Schlaglicht auf eine Politik, die zunehmend auf Repression setzt. Die Lage verschlechtert sich aber auch in Indonesien, das mit seinen gut 260 Millionen Einwohnern das größte mehrheitlich von Muslimen bevölkerte Land der Erde ist. Im Kontrast zu den meisten anderen islamischen Staaten wurde Indonesien über Jahrzehnte als Beispiel dafür angeführt, dass sich Islam und religiöse Toleranz nicht ausschließen müssen. Seit einigen Jahren ist jedoch eine schleichende islamische Fundamentalisierung Indonesiens zu beobachten. Die Schikanen für Christen und andere religiöse Minderheiten nehmen auf allen Ebenen zu: in der Politik, der staatlichen Verwaltung, den Medien und im alltäglichen sozialen Miteinander.

T ritt man einen Schritt von der Betrachtung einzelner Länder zurück, ergibt sich trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Muster. In mehr und mehr Staaten gewinnen Strömungen die Oberhand, die auf die Schaffung einer einheitlichen Identität setzen, so konstruiert und ahistorisch diese oft auch ist. Dies kann unter dem Vorzeichen eines Staatsatheismus wie in China geschehen, aber auch unter Bezug auf ein national-religiöses Erbe wie im mehrheitlich hinduistischen Indien, dem mehrheitlich buddhistischen Myanmar oder dem mehrheitlich islamischen Indonesien. Zu leiden haben unter dieser Entwicklung jeweils ethnische und religiöse Minderheiten, und dazu zählen in Asien häufig die Christen.

Neben stärkere staatliche und gesellschaftliche Repressalien tritt die Gefahr durch länderübergreifende Terrornetze. Identitätspolitik ist nämlich nicht nur eine innere Angelegenheit von Staaten, sie begünstigt auch den „Clash of Cultures“ in einer globalisierten Welt. Die Anschläge in Sri Lanka, deren aufwendige Vorbereitung vermutlich nicht nur lokal vonstattenging, folgten exakt dieser Logik: Die islamistischen Terroristen griffen neben Kirchen auch Luxushotels an. Die Christen wurden nicht nur als Anhänger einer Religion zur Zielscheibe, sondern sie mussten zugleich als Vertreter des verhassten westlichen Lebensstils herhalten.

So frei wie hier an Ostern können syrische Christen ihren Glauben nur in Kurdengebieten leben. Foto: Getty

Diese doppelte Kodierung lässt sich häufig auch bei der Gewalt gegen Christen im Nahen Osten und in Nordafrika beobachten. Orientalische Christen aus Kriegsgebieten in Syrien oder dem Irak beklagen sich oft bitterlich darüber, dass sie für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten und deren Einmarsch in den Irak herhalten müssten, obwohl sie diesen Feldzug ebenso falsch gefunden hätten wie die meisten Muslime. Sie seien als Unbeteiligte in eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt hineingezogen worden.


„Die Extreme brauchen sich wechselseitig, um ihre Propaganda legitimieren zu können“
erklärt Johannes Seibel

Genau darauf zielt der islamistische Terror. „Solche Anschläge wie in Sri Lanka sind professionelle Öffentlichkeitsarbeit und politisch rational durchkalkuliert“, sagt „Missio“-Mitarbeiter Seibel. Die Terroristen nehmen sogar wechselseitig Bezug aufeinander. Die Morde auf Sri Lanka werden von den Islamisten als Reaktion auf die jüngste Ermordung von Muslimen in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch vermarktet. Und der Attentäter von Christchurch war wiederum ein Sympathisant des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, der seine Morde unter anderen an knapp siebzig jungen Sozialdemokraten mit einer Kreuzzugs-Ideologie begründete. Breivik sah sich in scharfem Kontrast zu den gemäßigten Volkskirchen und begriff das Christentum, zu dessen Verteidigung vor dem Islam er sich berufen sah, nicht als primär religiöse, sondern als kulturelle Größe.

Neben Breivik und Christchurch gibt es eine Reihe weiterer Beispiele für solchen identitären Terror im Namen des Christentums, die den Dschihadisten in die Hände spielten. Die Terroristen hassen einander – in gewissem Sinn kooperieren sie aber auch. „Die Extreme brauchen sich wechselseitig, um ihre Propaganda legitimieren zu können“, erklärt Seibel. Das ist auch einer der Gründe, warum „Missio“ darauf verzichtet, von „Christenverfolgungen“ zu sprechen und Ranglisten zu erstellen. Die Organisation möchte vermeiden, dass Gruppen einseitig zu Opfern und Tätern erklärt werden. „Man sollte keinen Weltbürgerkrieg herbeireden“, warnt Seibel.

Das Leid der verfolgten Christen müsse jedoch beim Namen genannt werden, fordert Seibel. In Deutschland hat man sich damit lange schwer getan und tut es teils noch heute. Seibel sieht angesichts des Terrors aber auch die Anführer aller Religionen in der Pflicht, mäßigend auf die Menschen einzuwirken und die Gesellschaften nicht weiter zu polarisieren. Denn am meisten wäre den verfolgten Christen in aller Welt geholfen, wenn sich die Spirale des Hasses nicht noch weiter drehte.

Eine Reportage aus der „Frankfurter Allgemeine Woche“, dem Nachrichtenmagazin der F.A.Z.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Die Woche

Veröffentlicht: 29.04.2019 19:33 Uhr