https://www.faz.net/-gpf-oma1

Anschläge in Madrid : Ein Massaker

  • -Aktualisiert am

Morgen-Grauen in Madrid Bild: REUTERS

Der elfte März ist Spaniens elfter September. Madrid reagiert mit Ruhe, Kaltblütigkeit und Anteilnahme auf die brutalen Anschläge auf die Hauptstadt. Niemals hatte das Wort Morgengrauen an diesem Ort eine so düstere Bedeutung.

          8 Min.

          Es versprach, ein milder sonniger Frühlingsmorgen zu werden. Über Madrid wich die Dunkelheit der Röte des Horizonts, als ein seltsam beißender Geruch durch das halbgeöffnete Schlafzimmer in der Innenstadt drang. Es roch verbrannt, aber nicht wie aus den alten Kaminen der Nachbarhäuser. Noch vor den Nachrichten heulten die ersten Sirenen und bestätigten den Verdacht, daß Feuer und Sprengstoff in der Luft lagen. Was als Morgenspaziergang geplant war, wurde zu einem unsicheren Erkundungsgang durch die Verwüstung. Niemals hatte das Wort Morgengrauen an diesem Ort eine so düstere Bedeutung.

          Eta, die moribunde Mordbande aus dem baskischen Norden, hatte in der Hauptstadt zugeschlagen. Das war jedenfalls die erste Stellungnahme des spanischen Innenministers Acebes. Ein halbes Dutzend Mal waren in den vergangenen Monaten baskische Terroristen, die hier ein Exempel statuieren und nach zahlreichen Verhaftungen und Verurteilungen scheinbar ihre bloße Existenz beweisen wollten, auf halbem Weg abgefangen und unschädlich gemacht worden. Nun aber gelang ihnen drei Tage vor den Wahlen, was die Sicherheitsbehörden befürchtet und in erhöhter Alarmbereitschaft zu verhindern versucht hatten: der größte Massenmord in der Geschichte der spanischen Demokratie, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Diktators Franco. Zugeschrieben wurde er sogleich einer Organisation, die weder Demokratie noch Menschenrechte achtet, sondern mit allen Mitteln das Baskenland von Spanien "befreien" zu wollen vorgibt.

          Ins Herz

          Diese "Befreiungstat" tötete am Donnerstag mehr als 180 Menschen und forderte mehr als siebenhundert Verletzte. So wie der Rauch waren die Szenen des Schreckens zum Greifen nahe. Auf drei Madrider Bahnhöfen waren inmitten der Vormittagsstoßzeit Sprengladungen in vier Zügen explodiert. Die Namen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia, die für jedermann alltägliche Verkehrsknotenpunkte waren, standen nun für wunde Denkmäler des fanatisierten Irrsinns. Atocha, wo die meisten umkamen, liegt dem Herzen Madrids am nächsten. Nur einen Steinwurf vom Prado und den anderen glanzvollen Museen der Stadt entfernt, war der Bahnhof plötzlich Schauplatz von Blut und Schreien, Toten und Verstümmelten und Eisenbahnwaggons, die von einem riesigen Dosenöffner brutal aufgerissen schienen.

          Terrorerprobt bahnten sich die Rettungsmannschaften den Weg zu den Überlebenden, den unter Schock ins Freie taumelnden und - mit Plastiksäcken - den reglosen Opfern. Im nahen Retiropark und an der Puerta del Sol, dem Treffpunkt von Touristen aus aller Welt, wurden improvisierte Feldlazarette errichtet. Aus einer Messehalle wurde ein Leichenschauhaus, wohin Angehörige aus der ganzen Stadt und dem Umland strömten, um Familienmitglieder zu identifizieren. Am Empfang überfüllter Hospitäler sammelten sich tödlich Erschrockene, die Freunde oder Geschwister nicht erreichen konnten, weil die Mobiltelefone in den Attentatsvierteln vorübergehend nicht funktionierten.

          Am Brunnen der Kybele

          Der Straßenverkehr brach zeitweilig zusammen. Taxen und städtische Busse wurden zum Verletztentransport requiriert. U-Bahnlinien wurden unterbrochen. Die Polizei fand angeblich in einem Autotunnel eine weitere Bombe und brachte sie kontrolliert zur Explosion. Es dauerte Stunden, bis sich der weißgraue, die Nasenschleimhäute reizende Schleier über der Castellana, der Hauptarterie der Innenstadt, verzog. Dort, am Brunnen der Kybele, an dem Anhänger des Fußballklubs Real Madrid am Vorabend noch den knappen Sieg über Bayern München gefeiert hatten, war die griechische Göttin jetzt eingekreist von Ambulanzen, Streifenwagen und Feuerwehrautos.

          Weitere Themen

          Sanders gewinnt deutlich Video-Seite öffnen

          Demokraten-Vorwahlen in Nevada : Sanders gewinnt deutlich

          Mit einem eindeutigen Sieg bei der Vorwahl der Demokraten in Nevada hat der linksgerichtete Senator Bernie Sanders seine Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur weiter ausgebaut.

          Mehr Polizei vor Moscheen

          Gewalttat in Hanau : Mehr Polizei vor Moscheen

          Nach dem Attentat in Hanau hat die Polizei den Schutz von ausländischen Einrichtungen verstärkt. Gleichzeitig wehrt sich die Landesregierung gegen den Vorwurf, dass Hessen ein Problem mit Rechtsextremismus habe.

          Topmeldungen

          Problemimmobilien : Kaputte Verhältnisse

          Hochhausruinen, überbelegte Altbauwohnungen, verwahrloste Siedlungen: In Deutschland gibt es zigtausend Problemimmobilien, besonders viele in Nordrhein-Westfalen. Dort nennt man viele Ursachen und immer wieder den Namen eines Unternehmens.

          Keine Stadt wie andere : Hamburg wählt sich selbst

          An diesem Sonntag wird die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Die Stadt diskutiert, was sie ist, was sie bleiben und was sie werden will. Eine Geschichte über den Hafen, den Hundekot – und die Ungeduld.
          Ist das Gerede vom „großen Austausch“, die Drohung, dass man „sie“ jagen werde, Ausdrucksform eines grassierenden Wahnsinns?

          Der Hass und seine Stimmen : Sie sind nicht krank

          Warum die Verbindung zwischen den Morden in Hanau und der Propaganda der Rechtspopulisten die Taten nicht weniger unfassbar macht. Und wieso es falsch ist, die Neuen Rechten zu pathologisieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.