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Anschläge in Istanbul : Überleben durch Glück und Zufall

  • -Aktualisiert am

Besiktas ist Istanbuls Ausgehviertel

Knapp anderthalb Stunden nach Abpfiff war vor dem Fußballstadion eine Autobombe in unmittelbarer Nähe eines Polizeibusses explodiert, fast gleichzeitig hatte sich im nahe gelegenen Macka-Park ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Ort und Datum des Anschlags waren offenbar bewusst gewählt. Besiktas ist eines der beliebtesten Ausgehviertel der Stadt und an allen Wochenenden hochfrequentiert, insbesondere aber an Spieltagen des Erstligisten Besiktas. Das Spiel gegen Bursaspor galt zudem als Hochrisikospiel, bei dem Ausschreitungen zwischen Fangruppen befürchtet wurden. Deshalb waren am Samstagabend besonders viele Polizisten rund um das Fußballstadion im Einsatz. Der nahe gelegene Macka-Park ist eine der grünen Oasen der Stadt und tagsüber voll mit Familien und Kindern.

Der türkische Vizeministerpräsident Numan Kurtulmus, der kurz nach dem Doppelanschlag nach Istanbul gereist war, wies lange vor dem offiziellen Bekennerschreiben der PKK-Splittergruppe TAK in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN Türk darauf hin, dass die Verwendung eines Fahrzeugs typisch für die PKK sei. Insgesamt seien 300 bis 400 Kilogramm Sprengstoff bei der Autobombe verwendet worden, sagte Kurtulmus und beschrieb die Zerstörung am Tatort folgendermaßen: „Wo das Auto in die Luft gesprengt wurde, ist ein Graben entstanden, von dem Auto ist nichts mehr übrig.“ Auch der gezielte Angriff auf Polizeikräfte habe auf die PKK hingedeutet. Immer wieder auch in den letzten Monaten richteten sich die Anschläge der kurdischen Terrororganisation gegen türkische Soldaten und Polizisten. Keine Zivilisten anzugreifen gehört zum Credo der PKK – auch wenn immer wieder normale Bürger bei ihren Anschlägen ums Leben kommen.

Erdogan: „Attentäter werden einen hohen Preis bezahlen“

In einer offiziellen Stellungnahme des türkischen Präsidenten, die noch in der Nacht der Anschläge veröffentlicht wurde, vermied Erdogan es noch, sich auf eine verantwortliche Gruppe festzulegen. Egal, ob es sich um PKK, IS oder FETÖ – die angebliche Terrororganisation des islamischen Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich macht – handele, die Türkei werde sich dem Terror nicht beugen. Am Sonntag bekräftigte der Staatspräsident diese Entschlossenheit vor Journalisten in Istanbul: „Meine Nation und mein Volk können sich sicher sein: Wir werden die Geißel des Terrorismus bis zum Ende bekämpfen“, sagte Erdogan. Die Attentäter würden „einen hohen Preis zahlen“. Erdogans Kritiker weisen indes auch nach den jüngsten Anschlägen darauf hin, dass der Präsident und die Regierungspartei AKP die Unruhe und Instabilität im Land mit geschürt hätten und Erdogan selbst davon am allermeisten profitiere.

Der verheerende Anschlag in Besiktas hatte sich am Abend desselben Tages ereignet, an dem die türkische Regierung einen Verfassungsentwurf für ein Präsidialsystem vorgelegt hatte, das Staatschef Erdogan erlauben würde, Dekrete mit Gesetzeskraft zu erlassen. Einem Bericht von CNN Türk zufolge unterbreitete die regierende AKP den Entwurf dem Parlamentssprecher in Ankara nach einem Treffen mit dem Chef der Oppositionspartei MHP am Samstag. Die AKP braucht die Unterstützung der MHP-Abgeordneten im Parlament, damit das Dokument den Bürgern in einem Referendum vorgelegt werden kann. Das Parlamentsvotum wird im neuen Jahr erwartet. Geht es durch, steht der Alleinherrschaft von Präsident Erdogan auch offiziell nichts mehr im Weg. Um den Präsidenten zu überstimmen, wäre eine qualifizierte Mehrheit notwendig. Die beiden anderen Oppositionsparteien im Parlament – die Mitte-links-Partei CHP und die prokurdische HDP – haben wiederholt vor einer „Diktatur“ gewarnt, da das Parlament von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen würde. AKP-Funktionäre wiederum betonten in der Vergangenheit immer wieder, dass ein präsidiales System dem Land „Sicherheit und Stabilität“ bringen werde.

Nach den Terroranschlägen von Samstagnacht waren von den Oppositionsparteien jedoch keine Schuldzuweisungen zu hören. Die CHP organisierte einen Protestmarsch in Besiktas, und die prokurdische HDP, die immer wieder von der Regierung beschuldigt wird, sich nicht ausreichend vom Terror der PKK zu distanzieren, verurteilte die Anschläge uneingeschränkt.

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