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Augenzeugen des Terrors : Gefangen in Brüssel

Zwei Frauen umarmen sich nach den Anschlägen am Brüsseler Flughafen. Bild: dpa

Eingeschlossen im Flugzeug, während die Bomben explodieren oder im Büro, wo eine Kollegin nicht auftaucht. Während sich die Stimmung in Brüssel etwas beruhigt, realisiert mancher erst jetzt, wie knapp er der Katastrophe entronnen ist.

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          „Erst da habe ich realisiert, was geschehen ist und dass ich ein Beinahe-Opfer bin“

          Didem Akbaş, 33, Pressereferentin der Grünen, saß im Flugzeug während es passierte

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ich war am Dienstagmorgen am Flughafen in Brüssel, weil ich am Abend zuvor einen Termin mit Journalisten in der Stadt hatte. Ich bin vielleicht eine Viertelstunde vor den Explosionen am Flughafen angekommen und durch die Halle durch den Sicherheitscheck zum Gate gegangen. Als wir gerade ins Flugzeug steigen wollten, haben Passagiere von einem lauten Knall erzählt, von dem hatte ich aber gar nichts mitbekommen.

          Nach kurzer Zeit im Flieger habe ich dann aber schnell gemerkt, dass etwas nicht stimmt, weil das Flugzeug einfach am Gate stehenblieb und die Türen nicht geschlossen wurden. Irgendwann wurde durchgesagt, wir müssten aus dem Flugzeug raus und sollten alles zurücklassen. Wir wurden dann mit einem Bus in einen riesengroßen, offenen Hangar ganz am Rand des Flughafens gebracht. Da habe ich mit mehreren hundert Leuten dann bestimmt drei Stunden gesessen und gewartet. Spätestens da war dann auch jedem klar, dass das ein Terrorangriff war, der da gerade stattgefunden hatte. Schon bald hat sich eine Art „Raucherecke“ gebildet, und weil ich Raucherin bin, habe ich dort öfter gestanden. Da hat mir ein belgischer Herr irgendwann die Tweets des Premiers vorgelesen, der seine Erschütterung über die Anschläge zum Ausdruck brachte und von „Terror“ sprach. 

          Die Situation war total surreal, aber was mich im Nachhinein sehr berührt, ist die unglaubliche Solidarität in dieser Halle. Erwachsene haben angefangen, mit Kindern zu spielen, andere haben provisorische Bälle gebastelt, später wurden Babynahrung und Decken verteilt.Es wird ja immer gesagt, dass in solchen existenziellen Situationen ein großer Zusammenhalt herrscht, und das war in diesem Hangar wirklich so. In manchen Momenten habe ich deshalb fast vergessen, in was für einer schlimmen Lage wir dort waren, aber natürlich waren wir auch sehr ängstlich und traurig. Ich habe mich zum Beispiel immer wieder gefragt, ob in diesem Hangar nicht vielleicht doch auch noch ein Terrorist vorbeikommt und was wir dann machen sollen. Es hätte keine wirkliche Fluchtmöglichkeit gegeben außer der, auf die Rollbahn hinauszurennen. Wir wären ihm völlig ausgeliefert gewesen.

          Als wir dann mit dem Bus abgeholt und aus dem Flughafen gebracht wurden, wurden wir von Polizeimotorrädern eskortiert. Wir fuhren über menschenleere Straßen, nur unglaublich viele Kamerateams waren da. Erst da habe ich wirklich realisiert, was überhaupt geschehen ist und dass wir gerade gefilmt werden, weil wir die „Beinahe-Opfer“ dieses Terroranschlags sind, das kennt man aus dem Fernsehen ja eigentlich nur umgekehrt. Da hat es bei mir gerattert und ich musste zum ersten Mal weinen, das war so surreal.

          Ich glaube, dieser Tag in Brüssel wird mich noch länger beschäftigen. Ich will über Ostern eigentlich zu meinen Eltern fahren. Jetzt frage ich mich aber manchmal, wie: Kann ich mich einfach wieder in eine Bahn oder in einen Bus setzen? Ich will es aber versuchen, ich will einfach so weitermachen wie bisher. Eigentlich habe ich keine Angst.

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