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Anschläge auf Israelis : Die Angst reist mit

Burgas am Donnerstag: Der zerstörte Bus wird abtransportiert. Bild: AFP

Israel beschuldigt Iran der Anschläge auf seine Touristen wie im bulgarischen Burgas. Und je tiefer Syrien im Chaos versinkt, desto größer wird unter den Israelis die Nervosität.

          Israelis verreisen mindestens genauso gern wie Deutsche. Doch für sie werden die Urlaubsziele knapp. Wegen akuter Anschlagsgefahr meiden sie schon seit einiger Zeit die ägyptische Sinai-Halbinsel. Seit dem Gaza-Konflikt fühlen sich israelische Urlauber in der Türkei nicht mehr wohl. Sie wichen nach Zypern und Bulgarien aus. Auf der Mittelmeerinsel wurde offenbar am vergangenen Wochenende ein Attentat vereitelt, wie es sich jetzt in Bulgarien ereignete. Nach ersten Erkenntnissen der bulgarischen Regierung zündete ein Selbstmordattentäter den Sprengsatz. In Israel weckt das schlimme Erinnerungen: Zum letzten Mal kamen Israelis während der zweiten Intifada durch Selbstmordattentäter im eigenen Land ums Leben. Dort gelang es, die Terroristen zu stoppen und für Ruhe zu sorgen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der verheerende Anschlag in Burgas zeigt, dass die Feinde Israels nicht aufgegeben haben. Sie haben Orte gefunden, an denen kaum geschützte Israelis ein leichteres Ziel abgeben - nicht nur in Bulgarien: In anderen beliebten Reiseländern wie Kenia und Thailand wurden in den vergangenen Monaten mehrere Iraner festgenommen. Die örtlichen Behörden werfen ihnen vor, Angriffe auf Israelis vorbereitet zu haben. Für den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu ist auch das Attentat in Burgas Teil einer weltweiten Terror-Kampagne Teherans. Konkrete Beweise blieb Netanjahu bisher schuldig; er bezichtigte Iran, während in Burgas noch nicht einmal die Zahl der Toten feststand.

          Da in Bulgarien bisher keine terroristischen Rechtsradikalen aufgefallen sind, spricht viel dafür, dass es sich um islamistischen Terrorismus handelt. Al Qaida gilt als geschwächt und ist eher in arabischen Staaten wie Syrien aktiv. Iran unterstützt schon seit langer Zeit Israel-feindliche Gruppen wie die Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad. Noch enger ist die Zusammenarbeit mit der libanesischen Hizbullah-Miliz. Die schiitische Miliz musste vor sechs Jahren schmerzhaft lernen, dass sie in einem offenen Krieg mit ihren Raketen gegen Israel nur verlieren kann. Israelis im Ausland lassen sich vergleichsweise einfach ins Visier nehmen. An Motiven dafür herrscht kein Mangel: Die Hizbullah sinnt immer noch auf Rache für den Mord an ihrem Militärchef Imad Mughnijeh, für den sie israelische Agenten verantwortlich macht. Teheran beschuldigt Israel, iranische Atomwissenschaftler ermordet zu haben.

          Verdeckter Krieg

          Treffen die israelischen Anschuldigungen zu, hat der verdeckte Krieg zwischen Israel, Iran und der Hizbullah jetzt Europa erreicht. Das geschieht zu einem sehr gefährlichen Zeitpunkt. Als die Bombe in Burgas explodierte, stand man auch in Israel noch ganz unter dem Eindruck des Attentats von Damaskus, dem gerade ein Teil der militärischen Führungsspitze des Assad-Regimes zum Opfer gefallen war. Je tiefer das Nachbarland Syrien im Chaos versinkt, desto größer wird die Nervosität in Israel. Militärs und Politiker fürchten dabei weniger, dass der bedrängte Präsident mit einem Entlastungsangriff auf Israel von eigenen Problemen ablenken könnte. Ähnliche Sorgen machten sich manche während der letzten Tage des irakischen Diktators Saddam Hussein. Tatsächlich verlegte die syrische Armee nach israelischen Erkenntnissen in den vergangenen Tagen Truppen von der Golan-Grenze nach Damaskus.

          Viel größer ist die Besorgnis, dass syrische Massenvernichtungswaffen in die Hände der Hizbullah oder radikaler Sunniten fallen könnten, die Al Qaida nahestehen. Syrien verfügt über ein größeres Arsenal von chemischen und biologischen Waffen. Sollten die israelischen Geheimdienste beobachten, dass die Hizbullah beginnt, einen Teil dieser Kampfstoffe in den Libanon zu bringen, könnte sich die Armee zum Eingreifen gezwungen sehen. Ein solcher Präventivschlag könnte Folgen haben, die sich schwer kontrollieren lassen.

          Ein heißer Sommer hat begonnen

          Seit Mittwoch gibt es zudem in Israel Forderungen, den Anschlag von Burgas zu vergelten, um der Hizbullah und Iran ihre Grenzen aufzuzeigen. Generalstabschef Benny Gantz hatte die libanesische Miliz schon vor einiger Zeit davor gewarnt, Israel durch einen Anschlag im Ausland herauszufordern. Nach seiner Ansicht sollte Israel in einem solchen Fall erwägen, militärisch zu reagieren, um nicht als ein „Papiertiger“ dazustehen. Israel will auch vermeiden, dass in Iran dieser Eindruck entsteht und die Führung in Teheran anfängt zu glauben, Israel schließe in seinem Kampf gegen eine nukleare Bewaffnung Irans jegliche Militäroption aus.

          Ungewöhnlich drastische Worte wählte jetzt der israelische Staatspräsident Peres. Israel habe „die Mittel und den Willen Terrororganisationen zum Schweigen zu bringen“, sagte der Friedensnobelpreisträger. Im Nahen Osten hat ein langer, heißer Sommer begonnen. Die Lage bleibt nicht nur in Syrien explosiv und kaum kalkulierbar. Fachleute schließen nicht aus, dass Terroristen weitere Anschläge auf Israelis vorbereiten. In den vergangenen Monaten waren mehrere Terrorkommandos etwa in Indien, Thailand und Georgien gleichzeitig unterwegs. Daher ist mit allem zu rechnen. Trotzdem bleibt nichts anderes übrig, als einen kühlen Kopf zu bewahren und alles zu tun, damit durch eine Überreaktion aus dem verdeckten kein offener Krieg wird.

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