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Johannes Leithäuser (Lt.)

Annalena Baerbock : Die Außenministerin genießt ihr Amt

Offenkundig glücklich im neuen Job: Annalena Baerbock in der vergangenen Woche in Stockholm nach einer Arbeitssitzung der „Stockholm Inititiative“ zur nuklearen Abrüstung. Bild: dpa

Annalena Baerbock macht ihr Job als Außenministerin sichtlich Spaß. Sie hat wieder ein Stück jener Unerschrockenheit und Unbefangenheit zurückgewonnen, die sie im Wahlkampf verloren hatte.

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          Annalena Baerbock ist nicht das einzige Mitglied der neuen Regierung, das rasch aus den Startblöcken sprang. Karl Lauterbach hatte sofort mit der Corona-Lage zu tun, Christian Lindner mit dem umstrittenen Nachtragshaushalt – aber der neuen Außenministerin machte der Anfang sichtlich am meisten Spaß. Sie flog noch am Abend ihrer Vereidigung nach Paris, hatte dort am nächsten Morgen den ersten offiziellen Auftritt an der Seite ihres brummeligen Gegenübers Jean-Yves Le Drian und setzte dann die Reisestafette mit Stationen in Brüssel, Warschau, Liverpool, Brüssel und Stockholm fort.

          Ihre Auftritte in Europa zeigten: Baerbock hat offenkundig wieder ein Stück jener Unerschrockenheit und Unbefangenheit zurückgewonnen, mit deren Hilfe sie vor vier Jahren den Bundesvorsitz der Grünen eroberte. Baerbocks Selbstvertrauen und Entscheidungsfreude litten, als sie im Frühling dieses Jahres die Rolle der Kanzlerkandidatin übernommen hatte und sich für unpräzise bio­graphische Angaben und eine bestenfalls schlampige Buchautorenschaft verantworten musste.

          Baerbock konnte auf erfahrene Helfer vertrauen

          Ihr Ko-Parteivorsitzender Robert Habeck wurde zum Rivalen, das einstige grüne Prinzenpaar zu einem alternden missgünstigen Ehegespann. Nicht Baerbock, sondern Habeck durfte den Titel des Vizekanzlers beanspruchen, nicht sie, sondern er bekam das „Superministerium“.

          Doch seitdem die Aufgaben verteilt sind, wirkt Baerbock wieder entspannt und erleichtert. Dabei hilft ihr die neue Umgebung: Anders als die meisten anderen Ministerien arbeitet die diplomatische Maschinerie des Auswärtigen Amtes mit der Regelmäßigkeit eines Herzmuskels – auch ohne politische Führungskraft. Sicher, die Politiker an der Spitze werden gebraucht, um Ideen zu propagieren und Anstöße zu geben, manchmal sogar, um Entscheidungen zu fällen, aber im Wesentlichen läuft der Apparat entlang der Linien, die unter anderem der internationale Konferenzkalender zieht.

          Während in anderen Ressorts die Beamtenschaft nervös auf die neue „Spitze des Hauses“ wartet, dreht sich die Belegschaft im Auswärtigen Amt einfach weiter mit der Welt. Und während viele neue Minister zahlreiche Positionen umbesetzen, neu besetzen, Vertraute in die Leitungsebene holen, bietet das Auswärtige Amt weniger Möglichkeiten dafür. Zwar hat auch Baerbock eine persönliche Referentin und andere Mitarbeiter mitgebracht in ihren neuen Dienstsitz am Werderschen Markt. Die Leiterin ihres Ministerbüros stammt jedoch aus der Diplomatenbelegschaft, Gleiches gilt für ihre Pressesprecher.

          So konnte Baerbock vom ersten Tag an auf die Zuarbeit von Helfern vertrauen, die sich nicht erst selbst einarbeiten mussten. Trotzdem gibt es noch einige Personalentscheidungen zu treffen. Baerbock, die auf die Beförderung von Frauen achtet, hat schon die Abteilungsleiterin Baumann zur Staatssekretärin erhoben und muss nun insgesamt über vier freie Abteilungsleiter-Positionen entscheiden. Die wichtigste davon hatte bislang Jens Plötner inne, der die Krisen der Welt auf seinem Schreibtisch bearbeitete. Er wechselt ins Kanzleramt, um künftig als außenpolitischer Berater Olaf Scholz zur Verfügung zu stehen.

          Die Ministerin bringt einen Vorteil mit

          Es hat Vermutungen gegeben, damit verliere die neue Ministerin gleich zu Beginn ihren kompetentesten Helfer. Die trotzige Bemerkung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich, die Außenpolitik werde künftig im Kanzleramt gemacht, könnte in dieser Personalie ihre Bestätigung finden.

          Aber zum einen werden sich im Personalreservoir des Auswärtigen Amtes geeignete Nachfolger finden, und zum anderen bringt die Ministerin selbst einen Vorteil mit: Außenpolitik ist eine mündliche Angelegenheit, bei der Überzeugungskraft auch von Auftreten, Reaktionsschnelle und Charme bestimmt wird. Baerbock hat diese Eigenschaften schon in ihrer ersten Amtswoche erprobt. Sie hat in den wenigen Tagen rund 45 Außenminister getroffen und mit vielen von ihnen auch Gespräche unter vier Augen geführt.

          Mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow, der zu den unbequemsten diplomatischen Gesprächspartnern auf dem diplomatischen Tableau gehören kann, hat sie immerhin telefoniert. Das ergibt ein Fundament an persönlichen Begegnungen, das ihr in den nächsten Wochen und Monaten helfen wird, auch eigene Vorhaben voranzutreiben. Der Wunsch nach einem politischen Boykott der Olympischen Winterspiele in Peking war Baerbocks erster diesbezüglicher Versuch dazu. Sie hat sich damit im Kreis der ­EU-Außenminister vorerst nicht durchgesetzt, aber sie hat auch noch nicht aufgegeben. Ein Fazit bleibt nach der ersten Woche in jedem Fall: Die Ministerin hat Spaß an der Arbeit.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

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