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Anhörung in Neuseeland : Terrorist von Christchurch wollte Moscheen niederbrennen

„Dir wird nie vergeben werden“: Maysoon Salama am Montag in der Anhörung vor Gericht. Sie verlor bei den Anschlägen ihren 33 Jahre alten Sohn. Bild: AP

In einer Anhörung in Christchurch kommen die Angehörigen der Opfer zu Wort. Der rechtsextreme Attentäter Brenton Tarrant erscheint erstmals seit seinem Schuldeingeständnis wieder vor Gericht.

          3 Min.

          Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hat am Montag die Anhörung von Opferangehörigen und Überlebenden des Terroranschlags vor eineinhalb Jahren auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch begonnen. Berichten lokaler Medien zufolge waren Zufahrtsstraßen um das Gerichtsgebäude gesperrt und Scharfschützen auf den Dächern stationiert. Der aus Australien stammende, 29 Jahre alte Rechtsextremist Brenton Tarrant war am Vortag aus der Haftanstalt in Auckland eingeflogen worden. Tarrant hatte sich im März des Mordes in 51 Fällen, des versuchten Mordes in 40 Fällen sowie der Durchführung eines Terrorakts für schuldig bekannt. Wegen des Schuldbekenntnisses entfällt der eigentliche Prozess.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Anhörung in Christchurch ist zunächst auf vier Tage angelegt. Im Mittelpunkt stehen die Erklärungen von 66 Opfern und Angehörigen, die vor Gericht verlesen werden sollen. Am Ende wird der Richter das Strafmaß verkünden. Das rege Interesse von Angehörigen und Opfern zeigt, wie wichtig dieser Teil in der muslimischen Gemeinde genommen wird. Sie steht seit dem Anschlag auf die Al-Nur-Moschee und die Linwood-Moschee am 15. März 2019 unter Schock. Schon in den Morgenstunden hatten sich am Montag einige Menschen an den Eingängen des Gerichts versammelt. Aufgrund der Corona-Pandemie gelten erhöhte Schutzmaßnahmen. Nur eine kleine Zahl an Pressevertretern kann an der Anhörung teilnehmen. Eine Live-Übertragung gibt es nicht. Der Angeklagte soll die Anhörung nicht als Forum missbrauchen können, um sein rechtsextremes Gedankengut verbreiten zu können.

          „Du bist erbärmlich gescheitert“

          Seine kruden Theorien hatte er auch in einem vor der Tat veröffentlichten und per E-Mail verschickten „Manifest“ ausgebreitet. Tarrant vertritt sich vor Gericht selbst. Einem Bericht zufolge saß er während der Anhörung still und ohne erkennbare Gefühlsregung im Gerichtssaal. Er trug Handschellen, einen grauen Gefängnisanzug und war von Wächtern umringt.

          Zeigt keine Reue: der geständige Attentäter Brenton Tarrant in der Anhörung
          Zeigt keine Reue: der geständige Attentäter Brenton Tarrant in der Anhörung : Bild: AFP

          Einer der ersten, die sich vor Gericht äußern durften, war Gamal Fouda, der Imam der Al-Nur-Moschee. „Du warst irregeführt und hast Dich getäuscht. Wir sind eine friedliche und liebevolle Gemeinde. Wir haben Deine Tat nicht verdient“, sagte der Imam laut „Radio New Zealand“ an die Adresse des Angeklagten. Sein Hass habe sein Ziel aber nicht erreicht. „Wenn Du etwas erreicht hast, dann nur, dass Du unsere Gemeinde mit Deiner bösen Tat noch enger zusammengebracht hast,“ sagte der Imam.

          Maysoon Salama, deren 33 Jahre alter Sohn Ata Elayyan bei dem Anschlag getötet wurde, verurteilte vor Gericht den „unmenschlichen“ Mord. Der Täter habe „ganz Neuseeland terrorisiert und die ganze Welt traurig gemacht.“ An den Angeklagten gerichtet fügte sie hinzu: „Du dachtest, Du könntest uns zerbrechen. Aber Du bist erbärmlich gescheitert.“ Ihm werde für seine Tat nie vergeben werden.

          Tarrant bereitete die Tat penibel vor

          Die Anhörung hatte am Morgen mit einer 26 Seiten langen Schilderung des Tathergangs begonnen. Sie wurde damit zum ersten Mal in detaillierter Weise öffentlich gemacht. Demzufolge hatte Tarrant seine Tat penibel vorbereitet. So habe der Australier, der zuvor einige Zeit in der neuseeländischen Stadt Dunedin verbracht hatte, die Moscheen wenige Wochen vorher unter anderem mit Hilfe einer Drohne gezielt ausgespäht. Er habe sich im Internet Informationen über die Moscheen, die Gebetszeiten sowie Fotos der Innenräume herausgesucht. In den Monaten zuvor habe er sich Schusswaffen besorgt und sei in Schützenvereinen aktiv gewesen. Seine Waffen habe er so modifiziert, dass sie eine höhere Schussgeschwindigkeit ermöglichten, und sich mit rund 7000 Schuss Munition eingedeckt.

          Dem Bericht zufolge hatte Tarrant bei seinem Anschlag außerdem Brandsätze dabei, mit denen er die Moscheen niederbrennen wollte. Zu ihrem Einsatz war es dann aber nicht gekommen. Das hatte Tarrant später im Verhör mit der Polizei bedauert, ebenso wie die Tatsache, dass er nicht mehr Menschen getötet habe.

          Dem Bericht zufolge war Tarrant am 15. März schwer bewaffnet und mit Schutzweste bekleidet während des Freitagsgebets in die Al-Nur-Moschee eingedrungen. Dort hatte er sofort das Feuer eröffnet. Zu dem Zeitpunkt sollen etwa 190 Gläubige anwesend gewesen sein. Als sie den Angreifer bemerkten, seien die Menschen panisch in Richtung der beiden Ausgänge gerannt. Nacheinander habe Tarrant auf die zwei sich drängenden Gruppen geschossen. In der Moschee waren 44 Menschen getötet und 35 verletzt worden.

          Der Australier hatte seine Tat live auf Facebook übertragen. Von der Al-Nur-Moschee war er in seinem Auto zum zweiten Tatort gefahren, um sie dort fortzusetzen. Laut Ankläger Barnaby Hawes hatte er dabei das Geschehen kommentiert. „Er fuhr mit Hochgeschwindigkeit davon. Auf dem Weg sprach er und lachte über verschiedene Aspekte dessen, was passiert war und was passierte, wie eine Art von Kommentar“, sagte Hawes laut „Radio New Zealand“. Tarrant war später von zwei Polizeibeamten verhaftet worden, nachdem er in der Linwood-Moschee weitere sieben Menschen getötet hatte. Dem Bericht nach hatte er vorgehabt, in einer dritten Moschee im Vorort Ashburton weitere Menschen zu töten, war daran aber von der Polizei gehindert worden.

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