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Angst vor der freien Presse? : Der eine fragt, der andere droht

  • -Aktualisiert am

ORF-Moderator Armin Wolf Bild: THOMAS RAMSTORFER/ORF/HANDOUT/EP

Niemand muss Angst vor Nachrichtenmoderatoren haben. Respekt aber wäre gut. Andersrum wird es nämlich unschön. Nicht nur in Österreich.

          Wer Angst hat vor der freien Presse, hat meist auch Grund dazu. Allerdings nur selten einen akzeptablen. Ein gutes Beispiel hierfür kommt aktuell aus Österreich. Der Politiker einer Regierungspartei zeigt Angst vor einem Nachrichtenmoderator, so große, dass er ihn aus dem Dienst entfernt sehen will. Warum?

          Auf der Liste der gefährlichsten Berufsgruppen stehen Nachrichtenmoderatoren ziemlich weit unten. Das Gefährlichste, was sie tun, ist Politikern Fragen zu stellen. Üblicherweise freuen sich die Politiker darüber, weil sie vor laufenden Kameras reden dürfen. Tun sie dann auch. Wenn sie sich über Fragen ärgern, können sie das sagen. So wie Sigmar Gabriel vor ein paar Jahren Marietta Slomka anfuhr, ihre Argumente seien „Blödsinn“, er könne die „nicht wirklich ernst nehmen“. Sie protestierte. Er auch. Schlechte Stimmung, steinerne Gesichter. Fertig.

          Niemand muss Angst haben vor Nachrichtenmoderatoren. Respekt aber wäre gut. Andersrum wird es nämlich unschön: Wenn also jemand Angst hat vor einem Nachrichtenmoderator, aber keinen Respekt. Das war gerade in Österreich zu beobachten. Dort strahlt das ORF die Nachrichtensendung „Zeit im Bild 2“ aus, so etwas wie die „Tagesthemen“ der Ösis. Der Moderator heißt Armin Wolf. Oft hat er einen Politiker zu Gast im Studio, der sich einige Minuten lang seinen Fragen stellt. Dieses Format ist in Österreich eine Institution; diese Woche war etwa Bundeskanzler Kurz da.

          Einige Tage zuvor war ein anderer einflussreicher Politiker zu Gast gewesen: Harald Vilimsky von der FPÖ; die regiert zusammen mit der Partei von Kurz. Vilimsky ist ihr Spitzenkandidat für die Europawahl. Ein Mann im Wahlkampf, froh über jede Gelegenheit, für sich zu werben. Wolf spielte dabei aber nicht den Cheerleader, sondern erlaubte sich kritische Fragen, sogar solche, die gar nicht direkt mit dem Wahlkampf zu tun hatten. Er kam auf eine Karikatur zu sprechen, die von der Jugendorganisation der FPÖ verbreitet worden war. Was die von einer Zeichnung aus dem „Stürmer“ unterscheide, wollte Wolf von seinem Gast wissen.

          War diese Frage ein Affront? Nein. Erstens kam sie nicht aus heiterem Himmel; die Karikatur war im Netz zirkuliert, nachdem ein FPÖ-Parteiblatt an Hitlers Geburtstag ein Gedicht veröffentlicht hatte, das Menschen mit Ratten vergleicht. Da passte die Karikatur aus dem vergangenen Jahr ins Bild: Sie zeigt ein hellhäutiges Pärchen in Tracht, umgeben von Schemen mit Hakennasen und dunklen Bärten. Im Hintergrund ein Minarett – alles klar. Dazu der Slogan „Steiermark, berufen für das Schöne, nicht für Asylantenströme“. Schön sind die Österreicher, hässlich die Zuwanderer: Während Erstere lieblich wie Müsli-Werbeträger gezeichnet sind, heben die Männer drum herum grabschbereit die Hände, ballen Fäuste, ziehen Augenbrauen zusammen, einige haben dämonisch rote Pupillen. Im „Stürmer“ wurden Juden herabsetzend karikiert, hier sind es Asylbewerber. Eine Deutung, die einige Tage nach Wolfs Bemerkung der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien unterstützte; wohin das Herabwürdigen von Menschengruppen führe, zeige die Geschichte.

          Der Politiker im Fernsehstudio jedoch empörte sich über Wolfs „Stürmer“-Vergleich. „Das ist etwas, das nicht ohne Folgen bleiben kann.“ Eine offene Drohung; sie war dem FPÖ-Mann nicht bloß herausgerutscht, er legte in den folgenden Tagen nach: Wolf solle gefeuert werden. Parteifreunde solidarisierten sich. Einer von ihnen: der oberste Gremienchef des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er riet Wolf, ein Sabbatical zu nehmen. Nach dem Motto: Hau ab, solange du noch kannst.

          Die AfD arbeitet sich an ARD und ZDF ab

          Wolf hat angekündigt zu bleiben. Jetzt bekommt er E-Mails. Viele ermutigen ihn. Andere nicht. „Du verdammte Judensau, begib dich in ein KZ! Dort ist DEIN Platz!!“ Wolf hat diese Nachricht öffentlich gemacht; ohne Angabe des Absenders, obwohl der mit vollem Namen gemailt hat. Als wäre es ganz normal, so etwas zu schreiben, nicht verfänglicher als eine Tischreservierung im Restaurant.

          So etwas passiert nicht einfach so. Es ist die Folge jahrelanger Kampagnen der FPÖ gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich. In Deutschland arbeitet die AfD sich auf ähnliche Weise an ARD und ZDF ab. Alexander Gauland setzt die Moderatoren des „heute“-Journals Marietta Slomka und Claus Kleber mit Karl-Eduard von Schnitzler gleich, der im DDR-Fernsehen die Propaganda-Sendung „Der schwarze Kanal“ moderierte. Das ist nicht in erster Linie das Problem der Journalisten, die eingeschüchtert werden sollen, sondern der Öffentlichkeit, die solche Journalisten braucht. Armin Wolf hielt kürzlich eine Rede, in der er für einen unabhängigen, mutigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk warb: „Zu Tode gefürchtet ist auch tot.“

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