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Angriffe vor Westafrikas Küste : Im Golf der Piraten

Der norwegische Frachter „MV Bonita“ Bild: dpa

Westafrika ist zum Hort der Piraten aufgestiegen – der Golf von Guinea ist für Öltanker und Frachtschiffe zum gefährlichsten Gewässer auf der Welt geworden. Das liegt an mehreren Faktoren.

          2 Min.

          Für die Crew der „MV Bonita“ war es kein schöner Samstag. Das Frachtschiff aus Norwegen lag vor Benin, als Piraten es überfielen und neun Mitglieder der Besatzung verschleppten, darunter den Kapitän. Das Schiff hat Gips an Bord, der in das westafrikanische Land geliefert werden sollte. Jetzt lautet die Frage: Wie hoch wird das Lösegeld sein, das die Piraten fordern? Kurz darauf wurde der griechische Öltanker „Elka Aristotle“ vor der Küste des Nachbarlandes Togo mit Waffen angegriffen.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Es sind nicht die ersten Angriffe vor Westafrikas Küste. Allein im vergangenen Jahr gab es 112 solcher Vorfälle. Im August dieses Jahres wurde vor Kamerun ein Schiff aus einer deutschen Reederei entführt. Doch verglichen mit Somalia findet die Piraterie vor Ghana, Togo, Benin, Nigeria und Kamerun bisher wenig Beachtung.

          Lange Zeit galt das Horn von Afrika vor Somalia als gefährlichstes Gewässer für Entführungen. Piraten, vornehmlich aus dem Bürgerkriegsland, überfielen Schiffe, kidnappten ganze Besatzungen und forderten Lösegelder in Millionenhöhe. Die Hochzeiten waren um das Jahr 2011, als über 170 Piratenangriffe und Geiselnahmen gezählt wurden. 2018 sank die Zahl auf neun Überfälle, 2019 wurde dort noch kein Schiff entführt. Die multinationale EU-Mission „Operation Atalanta“, an der Deutschland seit Beginn beteiligt ist, hat sich ausgezahlt. Das Mandat wurde bis 2020 verlängert.

          Warum steigen die Piratenangriffe?

          Mit dem Angriff auf das norwegische Frachtschiff steht nun jedoch eine andere Region auf der Karte. Die Nichtregierungsorganisation „One Earth Future“ hat den Golf von Guinea in ihrem Bericht vor wenigen Monaten zum gefährlichsten Gewässer der Welt erklärt. 2018 stieg die Zahl der Piratenangriffe und Überfälle auf Schiffe um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders vor Nigeria gab es demnach eine erhöhte Konzentration an Piraterie.

          Die meisten Angriffe zielten auf Tanker, die Öl oder Gas transportierten. Das trifft auch die Ölindustrie von Nigeria, wo durch Überfälle an Land und auf See ein monatlicher Milliardenverlust entsteht. Selbst im Hafen von Lagos finden Angriffe statt – andernorts werden Ölleitungen gekappt und Rohöl gestohlen. Hintergrund der „Petro-Piraterie“ ist die ungleiche Aufteilung der Öleinnahmen. Im Rentierstaat Nigeria profitiert nicht die breite Bevölkerung vom sprudelnden Öl, sondern Ölfirmen, der Zentralstaat und lokale Eliten.

          Ein Grund, warum Westafrika nun als „Hotspot“ genannt wird, ist einerseits, dass das Piratengeschäft in Ostafrika stark nachgelassen hat. Andererseits führen Armut, politische Instabilität, fehlende Strafverfolgung und zu geringe Mittel für die Marine dazu, dass sich nun westafrikanische Piraten ausbreiten können. Vor allem das Nigerdelta bietet sich den Piraten als sicherer Zufluchtsort an.

          Laut „One Earth Future“ nimmt nicht nur die Quantität der Piratenangriffe zu, sondern auch die Qualität: Die Piraten im Golf von Guinea seien gut organisiert und stammten meist aus Nigeria. Auch heißt es in dem Bericht, dass die Männer „aggressivere Techniken übernommen“ hätten. Sie seien in der Lage, auf Schiffe zu steigen, deren Oberkante 16 Meter über dem Wasserspiegel liege. Angriffe seien grundsätzlich „höchst unberechenbar“.

          Als Piratenangriffe zählen Überfälle in internationalen Gewässern, also außerhalb der Zwölf-Meilenzone. Im Schnitt wurden 2018 im Golf von Guinea vier Crew-Mitglieder rund 36 Tage als Geisel genommen. Für den norwegischen Betreiber Ugand insgesamt keine guten Nachrichten: Das Unternehmen erwägt nun, den Golf von Guinea nicht mehr anzusteuern.

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