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Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

Rettungskräfte in der südisraelischen Stadt Sderot versorgen eine Frau nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am 12. Mai Bild: AFP

Die Heftigkeit der Angriffe der Hamas und des israelischen Militärs, aber auch der Gewalt in Israel selbst hat viele überrascht. Und alle fragen sich: Wird diese „Runde“ bald vorüber sein und wird sich etwas ändern?

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          In der zweiten Raketennacht nacheinander in Tel Aviv gehen auch die Kinder schon routiniert ins Treppenhaus, als die Sirenen heulen, die auf dem Dach gegenüber befestigt sind. Noch ein „Gewitter“. Weg von den Fensterräumen und dem Dach, zwei Stockwerke tiefer, die innen liegende Treppe ist sicherer. Es ist ein altes Haus, und die Wohnungen haben noch keine verstärkten Schutzräume. Bis in den Bunker im Keller gehen dann doch die wenigsten. Das Abwehrsystem Iron Dome fange mehr als neunzig Prozent der Geschosse aus Gaza ab, sagt die Armee. Die militärische Qualität der Hamas-Geschosse ist größtenteils primitiv, die Angriffe gelten auch der psychologischen Wirkung.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Tova, die alte Nachbarin, eine strenggläubige Jüdin mit Kopftuch, verbreitet gute Stimmung. Zwei Müttern mit Säuglingen bietet sie an, einen Plastikstuhl in den Flur zu stellen. Sie habe noch einen Kuchen im Ofen, erzählt sie, den könne man essen, sollte es länger dauern. Wieder und wieder erschüttern Explosionen das Haus leicht, wenn Abwehrraketen des Iron Dome die Geschosse aus Gaza in der Luft zerstören. Zehn Minuten soll man anschließend warten, bis alle Splitter und Schrapnellreste niedergegangen sind. „Fünf Minuten sind doch jetzt vorbei“, sagt Tova nach einer Minute und macht sich auf den Weg zurück in ihre Wohnung.

          In Gaza gibt es keine Sirenen

          In Gaza haben die meisten Bewohner keine Bunker, in die sie sich zurückziehen können. Jedenfalls lässt die islamistische Hamas, die den mit zwei Millionen Palästinensern überbevölkerten Küstenstreifen kontrolliert, normale Leute nicht in ihr weitverzweigtes Tunnelsystem, das sich in vielen Gebieten des Gazastreifens unter der Erde befinden soll. „Wir haben nicht einmal Sirenen, die uns vor israelischen Angriffen warnen“, sagt Layla aus Gaza-Stadt am Telefon. Zwischen den Angriffen der Flugzeuge und Drohnen herrsche mittlerweile absolute Ruhe auf den Straßen. „Die bekannte Geräuschkulisse von Gaza ist verschwunden“, sagt Layla, „man kann die Angst fast hören.“

          Israels Ziellisten sind lang: Das zerstörte Gebäude einer Hamas-Bank in Khan Younis im Süden des Gazastreifens am 13. Mai
          Israels Ziellisten sind lang: Das zerstörte Gebäude einer Hamas-Bank in Khan Younis im Süden des Gazastreifens am 13. Mai : Bild: AFP

          Niemand habe erwartet, dass es diesmal so heftig werden würde, berichtet die 37 Jahre alte Frau, die ihren Nachnamen nicht in einer Zeitung lesen will. Dass Israel von Anbeginn auch im Stadtzentrum von Gaza-Stadt, etwa der Rimal-Straße, Ziele angreift, wo sich das einzige moderne Einkaufszentrum der Stadt befindet. Im Viertel Rimal, wo die Streitkräfte etwa ein vielgeschossiges Apartmentgebäude zum Einsturz brachten, sollen sich allerdings auch viele Büros der Hamas und ihres Geheimdienstes befinden, in anderen Wohngebieten Raketenproduktions- und Lagerstätten für den Eigenbau.

          Bild: F.A.Z.

          Israel beschießt sie dieses Mal systematisch, die Ziellisten sind lang. 650 Ziele habe man bisher angegriffen, sagen die Streitkräfte. Mehrere ranghohe Führungspersonen der Hamas wurden gezielt getötet. Von Waffenstillstandsbemühungen will man hier öffentlich nicht sprechen. Ein über Russland übermitteltes Waffenstillstandsangebot der Hamas, die Kampfhandlungen „gegenseitig“ einzustellen, lehnte Israel ab. Auch die Hamas machte aber keine Anstalten, ihre Raketenangriffe proaktiv einzustellen.

          „Wir dachten, es gibt ein paar Luftangriffe, und dann ist diese Runde vorüber“, sagt Layla. Möglicherweise hatte das auch die Hamas vermutet, als sie Anfang der Woche mindestens fünf Raketen in Richtung Jerusalem schoss und versuchte, sich so an die Spitze der breiten Proteste um das Al-Aqsa-Plateau in Ostjerusalem zu stellen. Zuvor hatte die Autonomiebehörde des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas die angekündigte Parlamentswahl wegen fehlender Wahlmöglichkeit in Ostjerusalem abgesagt und sich in der Stadt damit selbst aus dem Spiel genommen.

          Warum lässt die Hamas das Raketenfeuer weiterlaufen? 

          Al-Aqsa ist ein einigendes Symbol für viele Schichten der palästinensischen Gesellschaft, ob fromm oder nicht. „Jeder Palästinenser träumt davon, dort zu beten“, sagt Layla, „vor allem, wenn man aus Gaza ist.“ Das erste Mal habe sie eine Genehmigung für den Grenzübertritt nach Israel überhaupt erst bekommen, als sie dreißig war. „Al-Aqsa ist nicht nur Religion, sondern auch das Zeichen unserer Anstrengung für die Selbstbestimmung und einen eigenen Staat.“ Als israelische Sicherheitskräfte in Jerusalem Palästinenser und arabische Israelis bis in die Moschee hinein verfolgten, die Gebetsteppiche in Stiefeln betraten und dort auch Blendgranaten zwischen die Betenden warfen, habe das alle erzürnt, sagt Layla. „Es war nicht respektvoll“, sagt sie, „es sendet uns die Botschaft, dass wir nie einen Staat haben werden.“

          Sind die weit mehr als tausend seit Montag abgefeuerten Raketen der Hamas eine angemessene Reaktion darauf? „Ich bin wirklich enttäuscht von der Politik“, sagt Layla, „nirgendwo sollten unschuldige Menschen das Ziel sein.“ Aber weiter will sie die Frage nicht beantworten, denn die Medien würden nicht ausgewogen berichten, sagt Layla, das sei zu Kriegszeiten noch schlimmer als sonst. Und Facebook zensiere ihre Beiträge und die ihrer Bekannten.

          Die Kampfhandlungen nehmen auch am vierten Tag vorerst kein Ende. Auf israelischer Seite wurde ein Soldat getötet, zudem sechs Zivilisten, unter ihnen ein fünf Jahre alter Junge und eine indische Gastarbeiterin. Auf palästinensischer Seite wurden laut Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza mindestens 83 Menschen getötet, unter ihnen 17 Kinder, rund 500 Personen wurden verwundet. Israelische Militärsprecher heben hervor, dass in Gaza deutlich mehr als 30 Kämpfer getötet worden seien.

          Ein Grund für die Hamas und die Miliz Islamischer Dschihad, trotz hoher Verluste in der eigenen Führungsriege das Raketenfeuer weiterlaufen zu lassen, könnte in den Unruhen liegen, die gerade gleichzeitig in vielen gemischten arabisch-jüdischen Städten Israels toben. Der Palästina-Konflikt hat Israel in einer Heftigkeit erreicht wie lange nicht. Extremistische arabische und jüdische Gruppen ziehen auch in der Nacht zum Donnerstag durch die Straßen von Städten wie Lod, Haifa, Holon oder Bat Jam. Sie verprügeln Passanten der jeweils anderen Gruppe, setzen Fahrzeuge in Brand oder zerstören Ladengeschäfte und Besitz. In Lod erschossen Juden einen Araber, in derselben Stadt setzten Araber eine Synagoge in Brand.

          Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, diese „Anarchie“ müsse ein Ende haben, und verurteilte die Gewalt beider Seiten. Nach Polizeiangaben wurden im ganzen Land mehrere hundert Menschen festgenommen. Verteidigungsminister Benny Gantz berief zehn Kompanien Reservisten der Grenzpolizei ein, um der Unruhen Herr zu werden.

          Die Gewalt in Israel könnte dort ein Umdenken erzeugen

          „Wir müssen unsere Probleme lösen, ohne einen Bürgerkrieg auszulösen, der unsere Existenz gefährden kann, mehr als alle Gefahren, die uns von außen bedrohen“, warnte Präsident Reuven Rivlin. Die Zeitung Haaretz berichtete unter Berufung auf Gespräche in der israelischen Militärführung, dort bereite man sich auf einen Befehl vor, die Kampfhandlungen in Gaza einzustellen, um so die Lage auch in Israel zu beruhigen.

          Ein Mann in Gaza-Stadt geht am 12. Mai mit seinem Gepäck an einem durch einen Luftangriff zerstörten Gebäude vorbei.
          Ein Mann in Gaza-Stadt geht am 12. Mai mit seinem Gepäck an einem durch einen Luftangriff zerstörten Gebäude vorbei. : Bild: AP

          Zwar habe Israel Waffenstillstandsangebote aus Gaza abgelehnt, doch könnte die Gewalt im eigenen Land ein Umdenken erzeugen, zumal Israel der Hamas schon schweren Schaden zugefügt habe und die Abschreckung wiederhergestellt sei, hieß es unter Bezug auf Sicherheitskreise. Es gilt, die Hamas entscheidend zu schwächen, doch bleibt es bei diesem taktischen Ziel.

          Die Hamas von der Macht zu vertreiben steht dagegen nicht auf dem Plan. Zumal dies eine mutmaßlich blutige Bodenoffensive nach sich ziehen müsste und selbst im unwahrscheinlichen Falle des Gelingens ein Machtvakuum in dem von radikaleren Milizen bevölkerten Gazastreifen herbeiführen könnte – was kaum im Interesse Israels wäre. Und so erwarten alle, dass auch diese „Runde“ früher oder später wieder zu Ende geht, ohne dass sich an der Ausgangslage in Jerusalem, dem ungleichen arabisch-jüdischen Nebeneinander in Israel oder im Gazastreifen Grundlegendes ändert.

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