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Angriffe in Israel und Gaza : Wenn man die Angst hören kann

Warum lässt die Hamas das Raketenfeuer weiterlaufen? 

Al-Aqsa ist ein einigendes Symbol für viele Schichten der palästinensischen Gesellschaft, ob fromm oder nicht. „Jeder Palästinenser träumt davon, dort zu beten“, sagt Layla, „vor allem, wenn man aus Gaza ist.“ Das erste Mal habe sie eine Genehmigung für den Grenzübertritt nach Israel überhaupt erst bekommen, als sie dreißig war. „Al-Aqsa ist nicht nur Religion, sondern auch das Zeichen unserer Anstrengung für die Selbstbestimmung und einen eigenen Staat.“ Als israelische Sicherheitskräfte in Jerusalem Palästinenser und arabische Israelis bis in die Moschee hinein verfolgten, die Gebetsteppiche in Stiefeln betraten und dort auch Blendgranaten zwischen die Betenden warfen, habe das alle erzürnt, sagt Layla. „Es war nicht respektvoll“, sagt sie, „es sendet uns die Botschaft, dass wir nie einen Staat haben werden.“

Sind die weit mehr als tausend seit Montag abgefeuerten Raketen der Hamas eine angemessene Reaktion darauf? „Ich bin wirklich enttäuscht von der Politik“, sagt Layla, „nirgendwo sollten unschuldige Menschen das Ziel sein.“ Aber weiter will sie die Frage nicht beantworten, denn die Medien würden nicht ausgewogen berichten, sagt Layla, das sei zu Kriegszeiten noch schlimmer als sonst. Und Facebook zensiere ihre Beiträge und die ihrer Bekannten.

Die Kampfhandlungen nehmen auch am vierten Tag vorerst kein Ende. Auf israelischer Seite wurde ein Soldat getötet, zudem sechs Zivilisten, unter ihnen ein fünf Jahre alter Junge und eine indische Gastarbeiterin. Auf palästinensischer Seite wurden laut Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza mindestens 83 Menschen getötet, unter ihnen 17 Kinder, rund 500 Personen wurden verwundet. Israelische Militärsprecher heben hervor, dass in Gaza deutlich mehr als 30 Kämpfer getötet worden seien.

Ein Grund für die Hamas und die Miliz Islamischer Dschihad, trotz hoher Verluste in der eigenen Führungsriege das Raketenfeuer weiterlaufen zu lassen, könnte in den Unruhen liegen, die gerade gleichzeitig in vielen gemischten arabisch-jüdischen Städten Israels toben. Der Palästina-Konflikt hat Israel in einer Heftigkeit erreicht wie lange nicht. Extremistische arabische und jüdische Gruppen ziehen auch in der Nacht zum Donnerstag durch die Straßen von Städten wie Lod, Haifa, Holon oder Bat Jam. Sie verprügeln Passanten der jeweils anderen Gruppe, setzen Fahrzeuge in Brand oder zerstören Ladengeschäfte und Besitz. In Lod erschossen Juden einen Araber, in derselben Stadt setzten Araber eine Synagoge in Brand.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, diese „Anarchie“ müsse ein Ende haben, und verurteilte die Gewalt beider Seiten. Nach Polizeiangaben wurden im ganzen Land mehrere hundert Menschen festgenommen. Verteidigungsminister Benny Gantz berief zehn Kompanien Reservisten der Grenzpolizei ein, um der Unruhen Herr zu werden.

Die Gewalt in Israel könnte dort ein Umdenken erzeugen

„Wir müssen unsere Probleme lösen, ohne einen Bürgerkrieg auszulösen, der unsere Existenz gefährden kann, mehr als alle Gefahren, die uns von außen bedrohen“, warnte Präsident Reuven Rivlin. Die Zeitung Haaretz berichtete unter Berufung auf Gespräche in der israelischen Militärführung, dort bereite man sich auf einen Befehl vor, die Kampfhandlungen in Gaza einzustellen, um so die Lage auch in Israel zu beruhigen.

Ein Mann in Gaza-Stadt geht am 12. Mai mit seinem Gepäck an einem durch einen Luftangriff zerstörten Gebäude vorbei.
Ein Mann in Gaza-Stadt geht am 12. Mai mit seinem Gepäck an einem durch einen Luftangriff zerstörten Gebäude vorbei. : Bild: AP

Zwar habe Israel Waffenstillstandsangebote aus Gaza abgelehnt, doch könnte die Gewalt im eigenen Land ein Umdenken erzeugen, zumal Israel der Hamas schon schweren Schaden zugefügt habe und die Abschreckung wiederhergestellt sei, hieß es unter Bezug auf Sicherheitskreise. Es gilt, die Hamas entscheidend zu schwächen, doch bleibt es bei diesem taktischen Ziel.

Die Hamas von der Macht zu vertreiben steht dagegen nicht auf dem Plan. Zumal dies eine mutmaßlich blutige Bodenoffensive nach sich ziehen müsste und selbst im unwahrscheinlichen Falle des Gelingens ein Machtvakuum in dem von radikaleren Milizen bevölkerten Gazastreifen herbeiführen könnte – was kaum im Interesse Israels wäre. Und so erwarten alle, dass auch diese „Runde“ früher oder später wieder zu Ende geht, ohne dass sich an der Ausgangslage in Jerusalem, dem ungleichen arabisch-jüdischen Nebeneinander in Israel oder im Gazastreifen Grundlegendes ändert.

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