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Angriffe auf Synagogen in Frankreich : Innenminister verurteilt antisemitische Proteste

Gewaltsame Ausschreitungen im Anschluss an eine pro-palästinensische Demonstration im Pariser Vorort Sarcelles am 20. Juli Bild: AP

Im Pariser Vorort Sarcelles eskalieren Proteste gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen. Demonstranten liefern sich vor zwei Synagogen Straßenschlachten mit der Polizei. Der französische Innenminister Cazeneuve verurteilt die antisemitischen Exzesse.

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          Es ist ein Bild der Verwüstung, das sich den Straßenkehrern in Sarcelles am Montag bietet. Sie sind ausgerückt, um die schlimmsten Spuren des Vorabends zu beseitigen: zerbrochene Flaschen, die Scherben zerschlagener Schaufenster und zertrümmerter Bushaltestellen, ausgebrannte städtische Mülleimer und andere Trümmer. Über ihnen kreisen Polizeihubschrauber, die sicherstellen sollen, dass alles ruhig bleibt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Vor der Synagoge, einem wie die umliegenden Wohnblöcke in den frühen siebziger Jahren entstandenen Betonbau, liegen besonders viele Überreste der urbanen Schlacht zwischen pro-palästinensischen Banden und Angehörigen der „Ligue de la défense juive“ (LDJ) vom Sonntagabend. Die im Jahr 2000 in Frankreich als Ableger der amerikanischen „Jewish Defense League“ gegründete radikale Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, jüdische Interessen und Einrichtungen auch unter Einsatz von Gewalt zu verteidigen. Am Sonntagabend hatten sich etwa 30 mit Eisenstangen und anderen Schlagobjekten bewaffnete LDJ-Mitglieder vor der Synagoge in Stellung gebracht - zur Abwehr möglicher Angriffe durch die Teilnehmer der verbotenen pro-palästinensischen Demonstration am Bahnhof vom Sarcelles.

          „Kommt mit Schlagstöcken, Feuerlöschern und Granatwerfern! Kommt zahlreich, es geht zum Judenviertel von Sarcelles“, hatte es in dem Aufruf zu der Demonstration zuvor geheißen. Trotz eines verstärkten Polizeiaufgebots kam es dann tatsächlich zu bürgerkriegsartigen Szenen vor der Synagoge.

          Zwar war es den Einsatzkräften noch gelungen, die Demonstration vor dem Bahnhof in Sarcelles/Garges unter Einsatz von Tränengas aufzulösen. Aber die Demonstranten, überwiegend junge Männer mit Migrationshintergrund, zogen daraufhin in kleinen Gruppen randalierend durch die Straßen der Sozialbausiedlung im Norden von Paris. Sie entzündeten Feuer im Bahnhof, so dass dieser zwischenzeitlich geschlossen werden musste, und setzten auf ihrem Weg zum Zentrum Mülleimer und Autos in Brand. Sie zertrümmerten die Schaufenster mehrerer Geschäfte, darunter eine Apotheke und ein Bestattungsunternehmen. Auch Journalisten wurden tätlich angegriffen. Der Dienstwagen des stellvertretenden Bürgermeisters von Sarcelles, auf dessen Seitentüren das Logo des Rathauses prangte, wurde von den Randalierern angehalten und mit Eisenstangen zertrümmert. Der stellvertretende Bürgermeister Gérard Uzan ergriff zu Fuß die Flucht.

          „Es ist eine Schande“, sagte der sozialistische Bürgermeister von Sarcelles, Francois Pupponi am Montag. „Wir haben noch nie so einen Ausbruch von Gewalt und Hass in unserer Stadt erlebt“, sagte er. Sarcelles sei Opfer „einer Horde von Wilden“, die von einem blinden Judenhass geleitet würden. Zielstrebig zogen die Demonstranten in das „Klein-Jerusalem“ genannte jüdische Wohnviertel. In Sarcelles lebt die größte sefardische Gemeinde Frankreichs. Ihr Wohnviertel wurde „La Petite Jérusalem“ getauft, nicht weil es architektonisch an Jerusalem erinnerte, sondern weil sich die jüdischen Franzosen hier so wohl fühlten.

          Das ist lange her, jetzt geht in der jüdischen Gemeinde die Angst um. Der Gemischtwarenhandel „Naouri Market“, der nur koschere Lebensmittel verkauft, wurde von den Demonstranten in Brand gesteckt und geplündert. Schon vor zwei Jahren war der Naouri-Market zum Symbol für das gestörte Zusammenleben zwischen den arabisch-muslimischen und den jüdischen Bewohnern der 80 Nationalitäten zählenden Vorstadt von Paris geworden. Mitglieder einer islamistischen Terrorgruppe hatten eine selbstgebastelte Granate in den Laden geschleudert. Einer der Täter wurde später bei seiner Festnahme von Polizisten getötet. Jetzt machten die Randalierer nicht einmal mehr vor dem Polizeikommissariat halt. Zwei Polizeifahrzeuge gingen in Flammen auf.

          Innenminister Bernard Cazeneuve besuchte am Montag die Beamten in dem Polizeirevier. Elf Polizisten wurden bei den Unruhen verletzt. Cazeneuve sprach den Polizisten seine volle Unterstützung aus und sagte, die „antisemitischen Übergriffe“ seien inakzeptabel. „Wer eine Synagoge schändet oder einen Gemischtwarenhandel anzündet, weil er einem Juden gehört, begeht eine antisemitische Tat“, sagte der Innenminister.

          Der neue Großrabbiner Frankreichs, Haim Korsia, besuchte am Montag die Synagoge in Sarcelles. Er sagte, es sei Aufgabe der Republik für ein friedliches Miteinander aller Religionen einzutreten. Sarcelles sei früher ein Vorbild für das harmonische Zusammenleben von Juden und Muslimen gewesen. Der Vorsitzende des Dachverbands der jüdischen Organisationen Crif, Roger Cukierman sagte am Montag, die Eskalation im Nahen Osten sei nur ein Vorwand für den antisemitische Übergriffe. „Sie schreien nicht ,Tod den Israelis', sondern ,Tod den Juden'“, sagte er über die pro-palästinensischen Demonstranten in Frankreich. Der Rektor der Großen Moschee von Paris und Vorsitzende des muslimischen Repräsentativrates, Dalil Boubakeur, forderte am Montag alle Muslime zu „Frieden und Aussöhnung, Ruhe und Zurückhaltung“ auf.

          Premierminister Manuel Valls beklagte eine „neue Form“ des Antisemitismus, die sich „über das Internet und in den Sozialwohnbauvierteln“ ausbreite. Ein Teil der französischen Jugend „ohne Orientierung und ohne Geschichtsbewusstsein“ sei der antizionistischen Propaganda erlegen, die nichts anderes als „die alte europäische Krankheit“ des Antisemitismus darstelle, sagte Valls. Die linken Veranstalter der pro-palästinensischen Demonstrationen schrecken jedoch weder diese Kritik noch die Ausschreitungen ab. Für Mittwoch hat das „Kollektiv für gerechten und dauerhaften Frieden zwischen Palästinensern und Israelis“ eine Demonstration in Paris geplant. Am Samstag will die Neue Antikapitalistische Partei (NPA) wieder im Pariser Stadtteil Barbès protestieren. „Niemand wird uns daran hindern, die Palästinenser zu verteidigen“, sagte NPA-Sprecher Alain Pojolat.

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