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Angriff auf Schule in Kabul : „Dieser Irrsinn muss enden“

Teilnehmer einer Beerdigung eines der Opfer des Anschlags auf eine Kabuler Mädchenschule am Sonntag. Bild: EPA

Der perfide Angriff auf eine Mädchenschule in Kabul mit 58 Todesopfern ruft Entsetzen hervor. Im Verdacht stehen die Taliban. Die weisen die Verantwortung von sich – und setzen ihre Offensive fort.

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          Hunderte Menschen versammelten sich am Sonntag vor der Schule im Westen Kabuls, die am Tag zuvor Ort eines verheerenden Anschlags geworden war. Die teilweise blutbefleckten Gegenstände, die auf der Straße verstreut lagen – Schulbücher, Notizhefte, bunte Tücher und Mädchenschuhe –, machten deutlich, wer in erster Linie die Opfer der drei Detonationen waren: Schülerinnen, viele von ihnen im Teenageralter. Die Zahl der Todesopfer gab das afghanische Innenministerium am Sonntag mit 58 an, mehr als 150 weitere Menschen wurden verletzt. Menschen legten Blumen am Anschlagsort ab. Angehörige der Opfer zogen in Gruppen zum nahen, auf einem Hügel gelegenen „Friedhof der Märtyrer“, wo sie die Mädchen begruben.

          Christian Meier
          Redakteur in der Politik.

          In Afghanistan und auf der ganzen Welt herrschte am Sonntag Entsetzen über den Anschlag auf junge Mädchen, der mit ausgesuchter Perfidie verübt worden war: Als Erstes hatten die Attentäter laut Angaben des Innenministeriums eine Autobombe vor der Schule im Stadtteil Dasht-e Barchi gezündet – am frühen Abend, als viele Menschen Einkäufe erledigten. Viele Schülerinnen seien daraufhin in Panik aus dem Gebäude gelaufen. Kurz darauf wurden zwei weitere Sprengkörper zur Explosion gebracht. Die Regierung der Vereinigten Staaten sprach von einem „barbarischen“ Anschlag und rief zu einer Waffenruhe auf. In einer Erklärung der deutschen Botschaft hieß es: „Kinder zu töten, ist ein Anschlag auf die Zukunft Afghanistans.“

          Die Bevölkerung von Dasht-e Barchi, die überwiegend der schiitischen Minderheit der Hazara angehört, wird immer wieder das Ziel von Angriffen. Vor ziemlich genau einem Jahr, ebenfalls während des Fastenmonats Ramadan, waren mehrere Angreifer in ein Krankenhaus in dem Stadtteil eingedrungen. In der Geburtsstation töteten sie damals mehr als 20 Menschen: Neugeborene, Schwangere, Krankenschwestern.

          Damals wie heute wiesen die Taliban die Verantwortung für die Gewalttat von sich. Der Sprecher der Islamisten, Zabihullah Mudschahid, schrieb die Attacke noch am Samstagabend auf Twitter „sinistren Kreisen“ zu, die im Namen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) und mit Billigung der Regierung in Kabul operierten. Die sunnitischen IS-Dschihadisten nehmen häufig Schiiten ins Visier. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hingegen wies die Verantwortung den Taliban zu. Die Aufständischen hätten „durch die Eskalation ihres illegitimen Krieges und der Gewalt wieder einmal gezeigt, dass sie kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben“, hieß es in einer Erklärung.

          Die amerikanische Zeitung New York Times vermeldete – noch vor dem Anschlag in Dasht-e Barchi –, dass in der Woche bis zum 6. Mai mindestens 44 Zivilisten und 140 Soldaten getötet worden seien, mehr als in jeder anderen Woche seit Oktober. Shaharzad Akbar, die Vorsitzende der „Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans“, schrieb auf Twitter: „Ich habe aufgehört, die Angriffe zu zählen, bei denen Kindern Leid zugefügt wird.“ Das Gleiche gelte für Angriffe auf Bildungsinstitutionen, auf Hazara, auf Zivilisten generell. Der Krieg müsse enden. „Dieser Irrsinn, diese Verletzung, dieser Schmerz.“ Akbar rief die Taliban dazu auf, endlich in eine Feuerpause einzuwilligen. „Dementis und Verurteilungen stoppen das Blutvergießen nicht“, schrieb sie. Nur eine Waffenruhe könne das.

          Kein Wort über Waffenstillstand

          Davon war jedoch nichts zu vernehmen in der Mitteilung von Taliban-Führer Hibatullah Akhundzada, die am Sonntag veröffentlicht wurde. Darin wies er die Schuld am Tod von Zivilisten fast ausschließlich der Gegenseite zu. In dem Grußwort anlässlich des bevorstehenden Id-al-Fitr-Fests zum Ende des Ramadans rief Akhundzada in Taliban-üblicher Rhetorik alle Afghanen dazu auf, geschlossen am Aufbau eines islamischen Systems mitzuwirken. Denjenigen, die bislang in Opposition zum „Islamischen Emirat“ gestanden hätten, versprach er Amnestie.

          An die Adresse der Vereinigten Staaten gerichtet, rief Akhundzada abermals dazu auf, das Abzugsabkommen vollständig umzusetzen. Er lobte den vor einer Woche begonnenen Abzug der ausländischen Truppen als „guten Schritt“, warnte aber zugleich, die Taliban stünden bereit, die Unabhängigkeit ihres Landes zu verteidigen, koste es, was wolle. Der oberste Führer der Islamisten erneuerte auch die Forderung, dass weitere 7000 inhaftierte Taliban freigelassen und die Namen von Taliban-Offiziellen von Sanktionslisten gestrichen werden. Mit dieser Forderung verzögern die Aufständischen derzeit weitere Friedensgespräche.

          Militärisch verzeichnen sie hingegen offenbar weitere Geländegewinne. Unmittelbar nach dem 1. Mai – dem ursprünglich vereinbarten Abzugstermin – verstärkten sie landesweit ihre Angriffe auf die Kräfte der Regierung. Afghanische Militärs bemühen sich zwar, eigene Erfolge herauszustellen. Der Generalstabschef und amtierende Verteidigungsminister General Yasin Zia sagte in einer Pressekonferenz am Sonntag, mehr als tausend Taliban-Kämpfer seien in der vergangenen Woche getötet oder verwundet worden. Man sei in die Offensive gegangen. Dem gegenüber stehen Berichte, wonach die Taliban in der vergangenen Woche mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle gebracht hätten und ihre Kämpfer sich den Hauptstädten dreier Provinzen genähert hätten.

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