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Kommentar zu Merkel und Macron : Erinnerungsort der Freundschaft

Gemeinsam im Wald von Compiège: Merkel und Macron Bild: Reuters

Die deutsch-französische Beziehung braucht Symbole. Der gemeinsame Gang mit Merkel zum Denkmal im Wald von Compiègne zeugt von Macrons ungebrochenem Willen zur Zusammenarbeit.

          Die Welt hat sich in Paris eingefunden, um am Triumphbogen des Waffenstillstandsabkommens vor hundert Jahren zu gedenken. Gastgeber Emmanuel Macron formulierte schon während seiner Reise entlang der früheren Frontlinien treffend, warum der Tag auch für die einstigen Siegermächte keinen Grund zum Jubeln bot: „Wir haben den Krieg gewonnen, aber den Frieden verfehlt.“ Solch kritische Töne zum Versailler Vertrag waren in Frankreich lange nicht selbstverständlich. Noch immer muss sich Macron deswegen der Entrüstung der Rechtspopulistin Marine Le Pen erwehren, seiner in Umfragen wieder erstarkten Gegnerin aus dem Wahlduell um die Präsidentschaft. An der Anwesenheit der Bundeskanzlerin, über deren ersten Besuch in der französischen Hauptstadt zum 11. November 2009 noch heftig diskutiert wurde, stört sich indessen niemand mehr.

          Im Gedenken verharrte Macron nicht in der Vergangenheit. Er richtete den Blick auf die Zukunft. Der Präsident hat wiederholt den Bestseller des australischen Historikers Christopher Clark, „Die Schlafwandler“, zitiert, um vor einem ungewollten Zusammenbruch der multilateralen Nachkriegsordnung zu warnen. Ihn treibt die Vorstellung um, dass der Weg in den Ersten Weltkrieg von verpassten Chancen und von einem fahrlässigen Vabanquespiel der politisch Verantwortlichen gekennzeichnet war.

          In seiner Rede an die geladenen siebzig Staats- und Regierungschefs unter dem Triumphbogen warnte Macron vor den „Dämonen der Vergangenheit“, die unter anderem „Faszination für Abschottung“ und „nationaler Egoismus“ heißen. Aus seiner Sicht ist auch Europa dabei, leichtfertig das Errungene aufs Spiel zu setzen. Es droht nicht Krieg, sondern Zerfall. Der Brexit ist einer der Vorboten. Wachsam hat Macron die Verwerfungen analysiert, die den europäischen Kontinent aus einer scheinbar festgefügten Welt des Freihandels, Multilateralismus und kollektiver Sicherheit zu katapultieren drohen.

          Die Kanzlerin, nicht der Gastgeber, hielt die Eröffnungsrede

          Als brauche es noch eines Beweises, dass die Pax Americana in Europa sich dem Ende zuneigt, blieb der amerikanische Präsident Donald Trump dem Friedensforum in Paris ostentativ fern. Macron hatte die Konferenz der Staats- und Regierungschefs mit Vertretern internationaler Organisationen bewusst als Schaufenster fortgesetzter multilateraler Friedens- und Abrüstungsanstrengungen angelegt. Die geplante Aufkündigung des INF-Vertrages durch Washington war ein wichtiges Thema. Die landgestützten Mittelstreckenwaffen mit Nuklearsprengköpfen, die dieser Vertrag regelt, bedrohen in erster Linie Europa.

          Die Bundeskanzlerin, nicht der Gastgeber, hielt die Eröffnungsrede. Trump hatte zum Auftakt seines Besuches von neuem Deutschland ins Visier genommen, als er sich im Elysée-Palast über die Nato-Partner in Europa beklagte, die ihren „gerechten Anteil“ am Verteidigungsbudget nicht zahlten. „Sehr gekränkt“ zeigte sich der Amerikaner aber auch über Macrons Vorstoß zum Aufbau einer europäischen Armee. Der Franzose hat zwischenzeitlich präzisiert, dass er damit verstärkte europäische Verteidigungskapazitäten und eine gemeinsame Sicherheitskultur meinte. Trump versteht unter einer besseren Lastenteilung aber offensichtlich, dass die Europäer mehr zahlen, aber nicht mehr Entscheidungsgewalt in Verteidigungsfragen erringen.

          Für Macron gilt mehr denn je die Äußerung der Bundeskanzlerin in einem Bierzelt in München, dass die Europäer ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen müssen. Deshalb wirbt er so unermüdlich um Unterstützung aus Deutschland für sein europäisches Projekt, die ihm bislang verwehrt blieb. Der gemeinsame, versöhnliche Gang zum Denkmal der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“, in den Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne, zeugt von seinem ungebrochenen Willen zur Zusammenarbeit. 1918 und 1940 wurden an dieser Stelle der jeweils Schwächere vom Stärkeren gedemütigt. Jetzt haben Macron und Merkel den Wagen zu einem Erinnerungsort der Freundschaft erhoben.

          Die deutsch-französische Beziehung braucht Symbole. Das Bild des französischen Präsidenten François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl, die sich über den Gräbern von Verdun die Hand reichen, hat beide überdauert. Die historische Geste hat sich im kollektiven Bewusstsein festgesetzt, weil ihr konkrete Taten zugunsten des europäischen Einigungsprozesses folgten: die deutsch-französische Brigade, das Eurokorps, der Binnenmarkt, die Reisefreiheit im Schengen-Raum und der Euro.

          Das Foto aus der Lichtung von Compiègne wird keine ähnliche Symbolkraft entfalten können, wenn der im Koalitionsvertrag vereinbarte „Aufbruch für Europa“ weiter wie geduldiges Papier in der Schublade bleibt. Bislang bilden Macron und Merkel ein deutsch-französisches Duo des Unvollendeten. Anders als seine drei Vorgänger, mit denen die Bundeskanzlerin zusammenarbeitete, flüchtet sich Macron nicht in politisch bequemes Aufschieben oder Vertagen. Es wäre bedauerlich, wenn das Bild von Compiègne in ein paar Jahren als verpasste Chance zur deutsch-französischen Zusammenarbeit erinnert würde.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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