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Erinnerung an Kriegsende : „Frieden über alles“

Macron und Merkel: Nationalismus gefährdet den Frieden. Bild: Reuters

Bei den Gedenkfeiern an den Ersten Weltkrieg erinnern Macron und Merkel vor allem daran, wie wichtig Frieden ist. Und diagnostizieren eine Gefahr dafür – Eigeninteresse und Nationalismus.

          Auf die Frage, ob sich auch die Urenkel-Generation noch an den Ersten Weltkrieg erinnern solle, hat Emmanuel Macron am Wochenende vielfältige Antworten gegeben. Vor Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie Staats- und Regierungschefs aus mehr als 60 Staaten der ehemaligen Kriegsparteien rief er dazu auf, „den Frieden über alles andere“ zu stellen. Er warnte davor, dass „die Dämonen der Vergangenheit zurückkommen“, und nannte „Faszination für Abschottung, Gewalt und eine beherrschende Stellung “. Patriotismus sei genau das Gegenteil von Nationalismus.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Für den 100. Jahrestag der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens organisierte der französische Präsident, dessen vier Urgroßväter im „Großen Krieg“ kämpften, eine weniger militärisch geprägte Gedenkfeier. Schüler aus Banlieue-Oberschulen lasen aus Briefen und Augenzeugenberichten von Soldaten unterschiedlicher Nationen zum Kriegsende vor. „Der Krieg ist zu Ende. In einer Stunde sollen wir abziehen. Es ist ein sonderbarer Moment. (...) Das war eine furchtbare Welt und ein schweres Leben“, las eine Gymnasiastin auf Deutsch aus Erich Maria Remarques „Der Weg zurück“ vor.

          Macron, der sich in seiner freien Zeit gern an den Flügel setzt, hatte das Programm zudem musikalisch unterlegen lassen, auch das eher ungewöhnlich für die 1920 eingeführte Zeremonie unter dem Triumphbogen. Der Violonist Renaud Capuçon und der Cellist Yo-Yo Ma spielten Auszüge einer Sonate des Komponisten Maurice Ravel, die dieser seinen Freunden in den Schützengräben gewidmet hatte. Ravel war aufgrund seiner fragilen Gesundheit nicht eingezogen worden. Kurz vor Schluss erklang auch sein berühmtestes Werk, der „Bolero“. Als Würdigung der „Schwarzen Armee“, der Soldaten aus den früheren afrikanischen Kolonien, stimmte die Sängerin Angélique Kidjo aus Benin das Dankeslied „Blewu“ an.

          Hatte Macrons Rede einen Hauptadressaten?

          Macrons Rede klang streckenweise wie eine Ermahnung an den amerikanischen Präsidenten, sich nicht aus dem erfolgreichen System multilateraler Vereinbarungen zurückzuziehen – ähnlich wie es die Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg getan hatten und die Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen, den Völkerbund, damit zum Scheitern brachten. Ausdrücklich erwähnte der Präsident das Weltklimaabkommen. Zugleich schien sich Macrons Rede an den russischen Präsidenten Putin zu richten, als er vor einem wiedererwachenden Imperialismus warnte. Mehrfach hob der 40 Jahre alte Präsident das „außergewöhnliche Friedensprojekt“ der Europäischen Union hervor. Unübersehbar war seine Absicht, die deutsch-französische Partnerschaft wieder in den Mittelpunkt des europäischen Einigungswerkes zu stellen.

          Die Bundeskanzlerin eröffnete das Friedensforum am Nachmittag im Kongresszentrum La Villette in Paris, das als Konferenzforum für einen multilateralen Austausch jährlich organisiert werden soll. Bereits der Vortag stand ganz im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft. Macron führte die Bundeskanzlerin an einen der letzten Orte, die von den Versöhnungsbesuchen seit Ende des Zweiten Weltkrieges ausgeschlossen geblieben waren. Im Wald von Compiègne, in der Lichtung von Rhetondes, schritten Merkel und Macron eine Ehrenformation der Deutsch-Französischen Brigade ab. Noch vor einiger Zeit wäre es unvorstellbar gewesen, dass deutsche Soldaten in der Lichtung Aufstellung nehmen. Eine Platte mit der französischen Inschrift „Hier unterlag am 11. November 1918 der verbrecherische Hochmut des Deutschen Reiches, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte“, zeugt vom früheren Revanchismus. An der Zufahrtsstraße zu der Lichtung ist zudem ein Denkmal aus elsässischem Sandstein erhalten, das die Rückgabe Elsass-Lothringens an Frankreich mit der Darstellung eines „vom französischen Schwert getöteten germanischen Adlers“ feiert. An der Gedenkplatte enthüllten Merkel und Macron eine neue Inschrift, mit der „die Bedeutung der deutsch-französischen Aussöhnung im Dienste Europas und des Friedens“ betont wird.

          Merkel und Macron nahmen dann an dem Verhandlungstisch in dem teakholzverkleideten Salonwagen Platz, um den 1918 und wieder 1940 die jeweiligen Waffenstillstandsdelegationen saßen. Der Wagen mit der Nummer 2419 D ist kein Nachbau, wie es oftmals heißt, sondern ein baugleiches Modell des Speisewagens aus dem Jahr 1914, das nach der Zerstörung des Originals im thüringischen Crawinkel im April 1945 der französischen Regierung zur Verfügung gestellt wurde. Zwischen Ohrdruf und Crawinkel wurden nach der Wiedervereinigung noch Überreste wie zwei bronzene Handläufe, das Emblem des Wagens sowie ein Speiseteller des Originalwagens gefunden. Sie werden in der erweiterten Ausstellung des Museums gezeigt. Dem „Goldenen Buch“, in das sich Merkel und Macron eintrugen, konnten sie die Bedeutung des Wagens für die „Siegermacht“ Frankreich entnehmen. Alle französischen Staatspräsidenten haben sich in dem Gästebuch verewigt, in der Ausstellung werden zudem Fotos von ihren Besuchen gezeigt. Mit der Wertschätzung für den damals von Marschall Ferdinand Foch ausgehandelten Waffenstillstand sollte lange auch die Erinnerung an 1940 ausgeglichen werden. Merkel sagte nach dem Besuch in Compiègne, dass sie die symbolische Geste Macrons „als Ansporn“ interpretiere, „alles zu tun, um eine friedlichere Ordnung auf der Welt zu schaffen“.

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