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Abschiedsbesuch in Spanien : Merkel erhält den Europapreis „Karl V.“

Abschiedsbesuch in Spanien: Angela Merkel am 14. Oktober zwischen Pedro Sanchez und König Felipe VI. in Yuste Bild: Reuters

Bei ihrem Abschiedsbesuch in Spanien ist Angela Merkel von König Felipe VI. mit dem Europapreis „Karl V.“ ausgezeichnet worden. Die Kanzlerin nutzte ihre Dankesrede für einen Mahnruf zu mehr europäischer Einigkeit.

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          Statt einer Laudatio gab es in der Klosterkirche von Yuste eine Präsentation mit Bildern aus der langen politischen Laufbahn von Angela Merkel. Dazu ertönte aus dem Off die Stimme der Kanzlerin mit ihren berühmten drei Worten „Wir schaffen das“. Während ihres Abschiedsbesuchs in Spanien hat sie König Felipe VI. am Donnerstag mit dem Europapreis „Karl V.“ ausgezeichnet – nicht im königlichen Schloss in Madrid, sondern in dem abgeschiedenen Hieronymiten-Kloster in der Extremadura, in das sich der Kaiser zurückgezogen hatte, um dort 1558 zu sterben.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Vor dem mittelalterlichen Gebäude empfing eine Schulklasse die Kanzlerin mit „Angela, Angela“-Rufen. Vor dem Hauptaltar würdigte der spanische Monarch dann die scheidende Kanzlerin als eine Politikerin, die wie wenig andere „den Geist Europas verkörpern“. Sie habe sich in Europa um „tiefgreifende Veränderungen und konstruktive Lösungen“ bemüht. Angela Merkel nutzte ihre Dankesrede für einen Mahnruf zu mehr europäischer Einigkeit. „Europa ist nur so stark, wie es einig ist“, sagte sie.

          Gute Zusammenarbeit mit Sánchez

          Die EU sei als Friedensgemeinschaft eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Aber Frieden und Freiheit seien alles andere als selbstverständlich und müssten geschützt und verteidigt werden. Sie warnte vor den „Fliehkräften“ in der EU, die aufträten, „wenn der Kitt der gemeinsamen Werte brüchig wird“.

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          In ihrer Rede erwähnte die Merkel die gute Zusammenarbeit mit dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, der ebenfalls nach Yuste gekommen war. Die Kanzlerin hatte es in den vergangenen 16 Jahren in Spanien mit drei Regierungschefs und zwei Königen zu tun. Auf den Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero folgte der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy von der Volkspartei. Er war für sie ein loyaler Partner, mit dem sie auf dem Jakobsweg wandern ging.

          Mit Rajoys sozialistischem Nachfolger Pedro Sánchez und dessen Familie verbrachte sie - zusammen mit ihrem Ehemann - ein Wochenende im Nationalpark von Doñana an der Atlantikküste. Anders als sein konservativer Vorgänger Rajoy war der Sozialist Sánchez seit 2018 außen- und europapolitisch aktiver. Dabei suchte er den Schulterschluss mit Deutschland: Bei der gemeinsamen Migrationspolitik wie bei der Bewältigung der Folgen der Pandemie. Nach ihrem Ausbruch war Sánchez eine der treibenden Kräfte hinter dem Covid-Wiederaufbaufonds der EU, der erstmals durch eine gemeinsame Schuldenaufnahme finanziert wird.

          Stabilität und Pragmatismus

          Angela Merkel unterstützte bald den Plan. Viele Spanier stimmt das Ende ihrer Amtszeit wehmütig. Die deutsche Kanzlerin verkörpert für sie die Stabilität, Beständigkeit und den Pragmatismus, die sie in der turbulenten Politik ihres Landes vermissen. Das zeigte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut „Yougov“ in sieben Ländern in diesem Sommer: Am häufigsten äußerten mit 78 Prozent die befragten Spanier eine positive Meinung über die deutsche Kanzlerin. Dass die CDU-Politikerin einen positiven Einfluss auf Deutschlands Ansehen im Ausland hatte, meinen wieder am häufigsten die Spanier mit 79 Prozent.

          Die Wurzeln des Vertrauens reichen bis in die achtziger Jahre zurück. Helmut Kohl hatte sich für den Beitritt Spaniens in die damalige EG eingesetzt, der sozialistische Ministerpräsident Felipe González für die deutsche Wiedervereinigung. Trotz ihrer unterschiedlichen politischen Herkunft waren beide nicht nur Verbündete, sondern auch Freunde. Im Jahr 2006 hielt González in Yuste die Laudatio auf Helmut Kohl, als der ehemalige Kanzler „Karl V.“-Preis erhielt. Am Donnerstag saß Felipe González im Kloster neben Javier Solana, der ebenso zu den Preisträgern gehört, wie Jacques Delors und Michail Gorbatschow.

          Der Europapreis „Karl V.“ wurde jetzt zum vierzehnten Mal von der 1992 gegründeten Europäischen und Iberoamerikanischen Akademie der Yuste-Stiftung vergeben. Ähnlich wie die Stadt Aachen mit ihrem Karlspreis werden damit verdiente Europäer gewürdigt – Merkel als „unerschütterliche Verfechterin des europäischen Integrationsprozesses und der wichtigen strategischen Rolle Europas“. In seiner Altersresidenz am Kloster hatte Kaiser Karl V. seine letzten Tage verbracht. Nach ihrer Israel-Reise macht sich Angela Merkel an diesem Freitag weiter nach Brüssel, wo sie zu Beginn der belgische König zu einem Mittagessen erwartet.

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