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Angebliche Telefonmitschnitte Erdogans : „Schaff das Geld weg“

Nur ein „niederträchtiger Angriff“? Erdogan ist in Bedrängnis. Bild: AP

Die Korruptionsaffäre in der Türkei erhält durch fragwürdige Tonbandaufnahmen neues Feuer: Angeblich soll Ministerpräsident Erdogan seinen Sohn Bilal gebeten haben, Geld zu verstecken.

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          Die fraglos authentischen Folgen eines Ereignisses von fragwürdiger Authentizität beschäftigten am Dienstag die Türkei: Ministerpräsident Tayyip Erdogan soll mit seinem Sohn Bilal telefoniert haben. Das allein wäre nicht erwähnenswert, wären im Internet nicht Aufnahmen aufgetaucht, von denen behauptet wird, es handele sich um fünf mitgeschnittene Gespräche, in denen sich Vater und Sohn Erdogan darüber unterhalten, wie man sehr schnell sehr viel Bargeld verschwinden lassen könne.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Glaubt man jenen, die sie als echt bezeichnen, wurden die Aufnahmen am 17. Dezember vergangenen Jahres zwischen 8.02 Uhr (erster Anruf) und 10.58 Uhr (letzter Anruf) angefertigt. Es war der Tag, an dem bekannt wurde, dass türkische Staatsanwälte umfangreiche Ermittlungen gegen mehrere Minister der Regierung Erdogan und deren Umfeld begonnen hatten. Häuser wurden durchsucht, Minister und Geschäftsleute verhaftet.

          „Was ich sage ist, dass Du alles rausbringst“

          Sie werden der Korruption in großem Stil bezichtigt – beziehungsweise wurden, denn die Regierung reagierte auf die Ermittlungen mit der Zwangsversetzung von mehreren hundert Polizisten und Staatsanwälten in andere Städte. Nun also Tonbandaufnahmen. Auf ihnen ist zu hören, wie ein älterer Mann (angeblich Erdogan) einen Jüngeren (angeblich Erdogans Sohn Bilal) morgens um acht aus dem Bett klingelt und sagt: „Bist Du zu Hause, Sohn?“. „Ja Vater“. „Gut. Heute morgen haben sie eine Operation gemacht“, sagt der Ältere, nennt Namen von Ministern und deren Söhnen und warnt: „All ihre Häuser werden derzeit durchsucht.“

          Er gibt Anweisungen und fragt: „Verstanden? Was ich sage ist, dass Du alles rausbringst, was Du im Haus hast. OK?“ Darauf der Jüngere: „Was kann ich schon bei mir haben, Vater? Da ist dein Geld im Safe“. „Davon spreche ich ja“, bestätigt der Ältere und gibt weitere Anweisungen. Ob die Sprecher wirklich Erdogan & Sohn sind, ist keinesfalls sicher. Klar aber war Erdogans Reaktion am Dienstag.

          Türkei : Erdogan weist neue Korruptionsvorwürfe zurück

          Er beschrieb den Vorfall als Beleg für die Berechtigung des jüngst verabschiedeten Gesetzes zur Verschärfung der Internetüberwachung. Er nannte die Aufzeichnungen eine „Montage“ und einen „niederträchtigen Angriff“. Da die Opposition ihn nicht in Wahlen besiegen könne, versuche sie es nun mit Hilfe „von der anderen Seite des Ozeans“. Erdogan und die Regierungspartei AKP bezichtigen die Bewegung des in den Vereinigten Staaten lebenden Predigers Fethullah Gülen, über ihr ergebene Justizangehörige eine Kampagne gegen die Machthaber in Ankara initiiert zu haben.

          Viele tausend Personen abgehört?

          Oppositionelle und Außenstehende Beobachter hegen indes den Verdacht, die Behauptung einer „Gülen-Verschwörung“ solle die Aufmerksamkeit von den Korruptionsvorwürfen ablenken. Bemerkenswert ist die Ouvertüre zu den am Montag von unbekannter Hand hochgeladenen Tonaufnahmen oder Tonmanipulationen.

          In ihren Montagsausgaben hatten die als Zeitungen getarnten Regierungsverlautbarungsblätter „Yeni Safak“ und „Star“ berichtet, die nach dem Abzug der alten Staatsanwälte in Istanbul neu eingesetzten Beamten seien auf Unterlagen gestoßen, laut denen in der Türkei viele tausend Personen abgehört werden, von Erdogan an abwärts. Der Lauschangriff sei von Gefolgsleuten Gülens gestartet worden, um Material über Erdogan und dessen Anhänger zu sammeln, das nach einem Sturz der Regierung in einem Gerichtsverfahren zur Anwendung hätte kommen sollen.

          Mehrere Staatsanwälte und Polizeibeamte wehrten sich: Die Polizei habe nicht die Kapazität, Tausende Leute gleichzeitig abzuhören. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu spielte die Aufnahmen seiner Fraktion vor und nannte Erdogan einen „Lügner“ und „Dieb“.

          Der Nationalistenführer Devlet Bahceli, dessen Parteizentrale angeblich auch abgehört wurde, spottete, da seine Partei keinen Zugang zu den Medien habe, sei es schön, wenn sie ihre Ideen wenigstens über solche Aufnahmen kundtun könne. Die Regierung nannte das (mutmaßliche) Erdogan-Gespräch eine „schamlose Montage“. Wer die schamlosen Monteure sind und woher sie ihr Material haben, blieb unklar. Früher waren es meist türkische Oppositionspolitiker, deren Privatsphäre unter der Veröffentlichung von Montagen oder auch authentischen Schlafzimmerbildern im Internet litten.

          Seit Wochen vergeht nun kaum ein Tag, an dem nicht Gespräche an die Öffentlichkeit gelangen, die AKP-Politiker geführt haben sollen. Längst müssen alle Politiker davon ausgehen, dass bei ihren Gesprächen stets ein Dienst das Band mitlaufen lässt. Auch alle Journalisten in der Türkei rechnen damit, dass jemand jeden ihrer Mausklicks archiviert und jedes Telefongespräch aufzeichnet, um daraus gegebenenfalls eine Auswahl der gelungensten Szenen veröffentlichen zu können.

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