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Amerikas Truppen in Somalia : Nach der Bombe kamen die Drohnen

Die Überreste nach einer explodierten Autobombe in Mogadischu, Somalia. Bild: EPA

Amerika reagiert mit einem Vergeltungsangriff auf den Terroranschlag in Mogadischu. Seit 2007 beteiligt sich Amerika am Kampf gegen den Terror in Somalia. Doch wie hoch sind die Erfolgschancen im strategisch wichtigen Land?

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          Die amerikanische Antwort auf den verheerenden Terroranschlag in Somalia ließ nicht lange auf sich warten. Nur einen Tag, nachdem in der Hauptstadt Mogadischu bis zu hundert Menschen bei der Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Lastwagens starben, bestätigte das Afrikanische Kommando der Vereinigten Staaten (Africom) Angriffe auf Stützpunkte der Islamistenmiliz al Shabaab. Bei drei mit der somalischen Armee abgestimmten Luftangriffen auf Terroristenlager in den Orten Qunyo Barrow und Caliyoow Barrow seien Kampfdrohnen eingesetzt worden, so Africom, dessen Hauptquartier sich in Stuttgart befindet. Dabei seien vier Dschihadisten getötet und zwei Fahrzeuge der Miliz zerstört worden. Zivilisten kamen offenbar nicht zu Schaden. Bei der Vergeltungsaktion, hieß es in der Mitteilung weiter, habe es sich um „Präzisionsangriffe aus der Luft“ gehandelt – gegen Shabaab-Mitglieder, die für „terroristische Akte gegen unschuldige somalische Bürger“ verantwortlich seien und mit dem Terrornetzwerk al Qaida in Verbindung stünden.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Dem somalischen Geheimdienst zufolge war bei den Angriffen auch ein ranghoher Kommandeur der Miliz getötet worden. In Mogadischu gingen die Bergungsarbeiten unterdessen weiter. Große Teile jener Straßenkreuzung, an der sich am Samstagmorgen ein Selbstmordattentäter vor einem Armee-Checkpoint in die Luft sprengte, sind eine Ruinenlandschaft. Angehörige irren zwischen den Trümmern umher und suchen nach Vermissten. Sicher ist, dass 83 Menschen starben. Allerdings werden immer noch 20 Menschen vermisst. Die somalische Regierung geht davon aus, dass sie ebenfalls ums Leben kamen. Zwar hat sich die Terrorgruppe al Shabaab bislang nicht zu dem Anschlag bekannt, allerdings geht die somalische Regierung davon aus, dass die Miliz für das Blutbad verantwortlich ist. Sie führt seit Jahren einen Terrorkrieg gegen die Regierung und ihre Verbündeten im Westen und in der Afrikanischen Union und ist für mittlerweile Tausende von Toten verantwortlich.

          Die Luftangriffe nehmen zu

          Seit 2007 führen die amerikanischen Streitkräfte Luftangriffe gegen die Terroristen durch – in jüngster Zeit verstärkt. 2016, im letzten Jahr der Regierung von Amerikas Präsident Barack Obama, waren es insgesamt nur 15 Luftschläge gewesen – die meisten wurden von Drohnen ausgeführt, bisweilen aber auch mit Kampfflugzeugen und Hubschraubern. Im Jahr 2017 hatte es 31 amerikanische Luftangriffe gegen al Shabaab und vier gegen den die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Somalia gegeben, 2018 waren es schon 47 gewesen – mit 326 getöteten Terroristen. In diesem Jahr gab es mindestens 55 Angriffe mit bis zu 329 Toten. „Wir haben den Kampf gegen den Terror in Somalia verstärkt, und jetzt gibt es mehr Ressourcen dafür, also machen wir mehr“, erklärte Stephen Schwartz, der ehemalige amerikanische Botschafter in Somalia, der Zeitung „New York Times“, nachdem der „Islamische Staat“ in Syrien und Irak weitgehend gestürzt worden war.

          Ob die Amerikaner, die in Somalia auch mit Bodentruppen vertreten sind, in dem strategisch wichtigen Land am Indischen Ozean erfolgreich sein werden, ist fraglich. Seit dem Sturz Siad Barres im Jahr 1991 herrscht Anarchie. Damals übernahmen Clanmilizen die Kontrolle über den Trümmerstaat. Als wenig später eine Hungersnot ausbrach und eine „Restore Hope“ genannte Mission der Vereinten Nationen unter amerikanischem Kommando versuchte, einen Zustand von Ordnung herzustellen, wurden zwei Hubschrauber vom Typ „Black Hawk“ abgeschossen und insgesamt 19 Soldaten getötet. Die Bilder von Leichen amerikanischer Soldaten, die durch die Straßen Mogadischus geschleift wurden, gingen um die Welt; Hollywood verarbeitete das Trauma in Form eines Films.

          15 Jahre lang herrschten die Warlords. 2006 übernahm eine radikalmuslimische „Union islamischer Gerichte“ die Kontrolle über die Hauptstadt. Kurz darauf rückten äthiopische Truppen ein und bereiteten dem Spuk ein Ende – aus diesen Trümmern formte sich al Shabaab. Nach einer Schätzung des amerikanischen Council on Foreign Relations unterhalten sie mittlerweile eine Armee von 7000 bis 9000 Kämpfern. Finanziert wird der Terror durch Schutzgelder, Drogen- und Waffenhandel oder bisweilen auch Piraterie. In der Zwischenzeit hatte die Afrikanische Union 22.000 Soldaten in Somalia im Einsatz; überwiegend aus Burundi, Kenia, Uganda und Äthiopien. „Mission der Afrikanischen Union in Somalia“ (Amisom) nennt sich diese Friedenstruppe. Allerdings sollen diese Soldaten bis zum Jahr 2020 schrittweise abgezogen und durch somalische Streitkräfte ersetzt werden.

          So wächst die Sorge, dass sich die Lage in Somalia weiter verschärfen könnte. „Noch immer kontrolliert die Gruppe ungefähr ein Fünftel des somalischen Territoriums“, schreiben die Autoren Meressa Dessu und Dawit Yohannes vom südafrikanischen Thinktank „Institute for Security Studies“ in einem Bericht. Noch immer seien die Terroristen in der Lage, „tödliche Angriffe auf die Mission und ihre lokalen und internationalen Partner auszuüben“.

          Nach Angaben von Helfern wurden etliche Opfer von der Bombe am Samstag förmlich zerfetzt, die Identifikation ist schwierig. Viele Kinder sollen unter den Opfern sein, auch Studenten der Banadir-Universität. 148 Verletzte wurden in die Krankenhäuser der Stadt gebracht, 16 in die Türkei geflogen. Ankara hatte ein Militärflugzeug mit Ärzten nach Mogadischu geschickt. Unter den Toten hatten sich auch zwei türkische Straßenbauingenieure befunden. Mit den beiden Leichen wurden auch 16 Verwundete zur Behandlung in die Türkei geflogen. Mindestens ein Überlebender des Anschlags ist dort mittlerweile seinen Verletzungen erlegen.

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