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George H.W. Bush ist tot : Der Präsident, „der nicht auf der Mauer tanzen“ wollte

Bundeskanzler Helmut Kohl und George Bush, im November 1990 in Speyer. Bild: Barbara Klemm

Nach dem Kollaps der Sowjetunion versagte sich Amerikas 41. Präsident jedes Triumphgeheul. Den Sieg über den Irak im Golfkrieg kostete George H.W. Bush dagegen genüsslich aus. Dennoch durfte er nur vier Jahre im Weißen Haus bleiben.

          George H.W. Bush, der 41. Präsident der Vereinigten Staaten, ist in der Nacht auf Samstag  in der texanischen Stadt Houston gestorben. Das teilte sein Sohn George W. Bush mit, Amerikas 43. Präsident. Bush senior wurde 94 Jahre alt. Seine Amtszeit von Anfang 1989 bis Januar 1993 war von welthistorischen Umwälzungen geprägt: dem Fall der Berliner Mauer, der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Ende der Sowjetunion. Bushs besonnene Führungsstärke bei der Überwindung der Teilung Europas wird weithin als seine bleibende historische Leistung betrachtet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Mit dem berühmten Wort, er werde „nicht auf der Mauer tanzen“, umschrieb Bush im November 1989 seine Überzeugung, dass der Sieg des Westens im Kalten Krieg kein Anlass zu Triumphgeheul sei. Auf das Ende der Sowjetunion vom 25. Dezember 1991 blickte er in seinen 1998 veröffentlichten Erinnerungen wie folgt zurück: „An diesem Tag waren wir alle Gewinner, der Osten wie der Westen. Ich glaube, dieser Prozess konnte überhaupt nur in Gang kommen, weil es dabei keine Verlierer gab.“

          Bush war ein Meister der persönlichen Diplomatie, der das Vertrauen und den Respekt der politischen Führer befreundeter wie auch gegnerischer Mächte zu gewinnen verstand. Selbst beim Massaker an protestierenden Studenten auf dem Tiananmen-Platz in Peking vom 4. Juni 1989 enthielt sich Bush einer harschen öffentlichen Verurteilung der kommunistischen Führung. Stattdessen übermittelte er die Kritik Washingtons über diplomatische Kanäle. Er setzte die Lieferung von Waffen an Peking sowie Kontakte zum chinesischen Militär aus, brach aber nicht die florierenden Wirtschaftsbeziehungen ab.

          George H.W. Bush, hier auf einem Foto von 2010 Bilderstrecke

          Noch im ersten Jahr seiner Amtszeit befahl Bush die Invasion in Panama zur Entmachtung des korrupten Diktators Manuel Noriega. Zur Befreiung Kuweits nach dem Überfall durch die irakischen Truppen Saddam Husseins vom August 1990 schmiedete Bush eine breite Koalition von fast drei Dutzend westlichen und arabischen Staaten. Die amerikanisch geführte „Operation Desert Storm“, legitimiert durch ein UN-Mandat, endete nach intensivem Luftkrieg und einer Hundert-Stunden-Bodenoffensive Ende Februar 1991 mit einem raschen Sieg der Koalition und der Befreiung Kuweits.

          Ungeachtet der diplomatischen und militärischen Erfolge, die dem Präsidenten bei Umfragen Anfang 1991 noch Zustimmungsquoten von 90 Prozent einbrachten, musste Bush im Januar 1993 schon nach einer Amtszeit wieder aus dem Weißen Haus ausziehen. Gegen einen von den oppositionellen Demokraten beherrschten Kongress hatte Bush seine innenpolitische Agenda nicht durchsetzen können. Ein Gesetz zur Luftreinhaltung und zur Gleichberechtigung von Behinderten blieben magere Erfolge im Innern. Schließlich stimmte Bush entgegen seinem zentralen Wahlkampfversprechen von 1988 einer Erhöhung der Steuern zu, um das von seinem Amtsvorgänger Ronald Reagan geerbte Haushaltsdefizit zu reduzieren.

          Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg

          Bushs demokratischer Herausforderer Bill Clinton stellte bei den Präsidentenwahlen von 1992 die schwierige Wirtschaftslage und das gebrochene Wahlkampfversprechen Bushs in den Vordergrund. Clinton gewann die Wahlen klar, wobei Bush zusätzlich Stimmen an den Milliardär Ross Perot verlor, der als unabhängiger Kandidat angetreten war.

          George Herbert Walker Bush wurde am 12. Juni 1924 als Sohn des späteren Senators Prescott Bush in Massachusetts an der Ostküste geboren. Im Zweiten Weltkrieg flog Bush als Kampfflieger der Kriegsmarine Bombereinsätze im Pazifik. Den Abschuss des von ihm gesteuerten Jagdbombers im September 1944 überlebte er als einziges Besatzungsmitglied. Nach Kriegsende studierte Bush wie einst sein Vater Wirtschaft an der Eliteuniversität Yale.

          Als Geschäftsmann reüssierte er im Ölgeschäft in Texas, ehe er in die Politik ging. Bush war Abgeordneter im Repräsentantenhaus, Vorsitzender der Republikanischen Partei, Botschafter bei den UN und in Peking, schließlich Direktor des Auslandsgeheimdienstes CIA. Unter Reagan diente er acht Jahre lang als Vizepräsident, ehe er sich im Januar 1989 selbst an den Schreibtisch im Oval Office setzen konnte.

          Herzliche Freundschaft mit Bill Clinton

          Den Schmerz der Wahlniederlage gegen Clinton, mit dem Bush später eine herzliche Freundschaft und die gelegentliche Zusammenarbeit für humanitäre Zwecke verband, überwand Bush bald. Dabei dürften ihm auch die politischen Erfolge seiner Söhne George und Jeb geholfen haben: Als erfolgreiche Gouverneure in Texas und Florida garantierten sie die Fortsetzung der Bush-Dynastie. Der älteste Sohn George W. Bush wurde im Januar 2001 nicht nur als 43. Präsident vereidigt, ihm gelang 2004 auch die Wiederwahl, die dem Vater zwölf Jahre zuvor versagt geblieben war.

          Sohn Jeb Bushs Anlauf auf das Weiße Haus – nach zwei Amtszeiten des Demokraten Barack Obama – endete 2016 jedoch schon in den Vorwahlen der Republikaner, die der spätere Präsident Donald Trump für sich entscheiden konnte. Dass dieser nie die Unterstützung seiner beiden republikanischen Amtsvorgänger genoss, daraus machten beide Bushs nie einen Hehl.

          Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte George H.W. Bush, von der Parkinson-Krankheit gezeichnet, zurückgezogen mit seiner Frau Barbara in Houston in Texas und vor allem in der Sommerresidenz der Familie Bush in Kennebunkport an der Atlantikküste des Bundesstaats Maine. Nach 73 Jahren Ehe war seine Frau Barbara am 16. April 2018 in Houston gestorben.

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