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Amerikanisches Gesundheitssystem : Teuer und gut - aber nicht für alle

  • -Aktualisiert am

Jubel in Washington: Anhänger von „Obamacare“ nach dem Urteil Bild: AFP

Das amerikanische Gesundheitssystem ist eine Mischung aus öffentlicher und privater Vorsorge. Die Mittelschicht kann damit gut leben. Bei der Säuglingssterblichkeit hingegen schneiden die Vereinigten Staaten schlechter ab als Kuba.

          3 Min.

          Weil Amerika das Land des kategorischen Superlativs ist, muss in Amerika immer alles am besten sein. Die stärksten Streitkräfte, die klügsten Wissenschaftler, die erfinderischsten Unternehmer, die erfolgreichste Filmindustrie. Und das beste Gesundheitswesen? Auf jeden Fall das teuerste.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Kein Land der Welt gibt so viel Geld aus für die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung wie die Vereinigten Staaten - in absoluten Zahlen wie relativ zur Einwohnerzahl. Die Gesamtausgaben für die Gesundheitsversorgung belaufen sich derzeit auf rund 2,6 Billionen Dollar jährlich. Die Pro-Kopf-Ausgaben für die fast 314 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten sind fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

          Seit 1980, als in Amerika noch etwa 226 Millionen Menschen gezählt worden waren, haben sich die Kosten im Gesundheitswesen mehr als verzehnfacht. Zwar hat sich die Kostenzunahme seit der Jahrtausendwende verlangsamt. Doch noch immer übersteigt der Anstieg um jährlich rund sieben Prozent das Wachstum des Nationaleinkommens. Derzeit machen die Kosten im Gesundheitswesen fast 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

          Ganze Politikergenerationen scheiterten

          Auch die rund 50 Millionen Menschen ohne private oder staatliche Krankenversicherung - unter ihnen sind etwa elf Millionen illegale Einwanderer - tragen zu den immensen Kosten bei. Denn auch die Unversicherten nehmen Leistungen von Ärzten und Krankenhäusern in Anspruch: Wer auch immer wegen eines medizinischen Notfalls in den „Emergency Room“ eines Krankenhauses kommt, muss dort behandelt werden. Die Rechnungen, welche die Krankenhäuser für die Behandlungen verschicken, können die meisten Unversicherten nicht bezahlen. Die Kosten in Milliardenhöhe teilen sich die Krankenhäuser, die Kommunen, die Teilstaaten, die Bundesbehörden - und die Versicherten der privaten und öffentlichen Versicherungsträger sowie die Steuerzahler.

          An dem Versuch, den Kostenzuwachs im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, den Versicherungsschutz auf möglichst alle Einwohner auszudehnen und zugleich die Qualität der Gesundheitsversorgung zu sichern oder zu erhöhen sind schon ganze Politikergenerationen gescheitert. Das amerikanische Gesundheitswesen ist ein Mischsystem aus privatem und öffentlichem Versicherungsschutz. Marksteine bei der öffentlichen Versicherung sind die Schaffung der staatlichen Versicherungen für Senioren (Medicare) und Arme (Medicaid), die 1965 geschaffen wurden und seither unentwegt gewachsen sind.

          Kaum überschaubare Vielfalt

          Die Kosten nehmen vor allem bei der Medicare-Versicherung zu, in die neben Senioren mit 65 Jahren auch Behinderte und unheilbar Kranke aufgenommen werden. Gegenwärtig sind 48 Millionen Amerikaner über Medicare versichert, 40 Millionen Senioren und acht Millionen Jüngere mit Behinderungen. Weil immer mehr Menschen immer älter werden und immer länger medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, ist die Kostenzunahme bei Medicare kaum zu bremsen. Daneben gibt es weitere öffentliche Versicherungssysteme des Bundes sowie der Bundesstaaten für Militärangehörige, Angestellte im öffentlichen Dienst sowie für Kinder und Jugendliche.

          Der zweite Pfeiler sind die privaten Versicherungen und Versorgungspläne, von denen es eine kaum überschaubare Vielfalt gibt. Die meisten Amerikaner sind durch ihre Arbeitgeber versichert, die von 50 Prozent bis mitunter 100 Prozent der Versicherungsprämie übernehmen. Die privaten Arbeitgeber versuchen, durch Gruppenverträge mit Versicherungen und Pharmazieunternehmen die Kosten zu reduzieren. Gut vier Fünftel der amerikanischen Versicherten geben den Leistungen ihrer Krankenversicherung die Noten „gut“ oder „ausgezeichnet“.

          Erst „Hillarycare“, nun „Obamacare“

          Was das amerikanische Gesundheitswesen leistet, ist dennoch umstritten. Zwar bringt es Spitzenleistungen hervor, und mehr als 80 Prozent der Versicherten fühlen sich gut bis bestens versorgt. Wer in Amerika zur Mittelschicht gehört, leistet sich für seine Kinder eine erstklassige kieferorthopädische Behandlung. Bei der Säuglingssterblichkeit dagegen schneiden die Vereinigten Staaten nach Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO schlechter ab als Kuba.

          Der Wille, den Versicherungsschutz auf alle Amerikaner auszudehnen, war seit je der wichtigste Grund für alle Versuche, das amerikanische Gesundheitswesen zu reformieren. Dieser Wille stand schon im Zentrum von „Hillarycare“, dem früh am Widerstand des Kongresses gescheiterten Reformvorhaben des demokratischen Präsidenten Bill Clinton und der damaligen „First Lady“ und Gesundheitsbeauftragten Hillary Clinton in den Jahren 1992 und 1993. Der neue Anlauf unter Präsident Barack Obama vom März 2010, der weithin „Obamacare“ genannt wird, soll mittels allgemeiner Versicherungspflicht den Krankenversicherungsschutz auf 97 Prozent der Amerikaner ausdehnen. Die allgemeine Versicherungspflicht soll erst 2014 in Kraft treten, andere Bestimmungen des Gesetzes - etwa dass junge Erwachsene bis zum Alter von 26 Jahren bei ihren Eltern versichert bleiben können - gelten schon jetzt.

          Die Klage von 26 Bundesstaaten gegen „Obamacare“ sowie der geeinte politische Widerstand der Republikaner waren vor allem gegen die allgemeine Versicherungspflicht gerichtet. Die Obersten Richter ließen mit ihrer Entscheidung vom Donnerstag mit fünf zu vier Stimmen diese Pflicht faktisch bestehen. Der konservative Vorsitzende Richter John Roberts, der gemeinsam mit den vier linksliberalen Richtern votierte, taufte die Versicherungspflicht aber in eine vom Kongress in Washington neu eingeführte Bundessteuer um, die damit verfassungskonform sei. Im politischen Streit darum, ob „Obamacare“ eine Machtanmaßung der Bundesregierung gegenüber den Einzelstaaten sei, ob staatlicher Dirigismus oder marktwirtschaftlicher Wettbewerb mehr Menschen einen Krankenversicherungsschutz bieten und die Kosten reduzieren könne, nahm das Oberste Gericht keine Stellung.

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