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Amerikanischer Wahlkampf : Obamas clintonesker Augenblick

Das charismatische Gesicht der Zukunft der Partei: Barack Obama Bild: REUTERS

Auf dem Nominierungsparteitag in Boston entdecken die Demokraten einen neuen Star: Barack Obama könnte eine Führungspersönlichkeit vom Schlage eines Clinton oder gar Kennedy werden.

          Ja, er ist es. Jetzt kann man es mit Gewißheit sagen. Vor seiner Rede in der Nacht zum Mittwoch durfte man noch nicht ganz sicher sein, aber jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: Barack Obama ist eine der größten Hoffnungen, daß der Demokratischen Partei eine Führungspersönlichkeit vom Schlage eines Bill Clinton, vielleicht sogar eines John F. Kennedy zuwachsen wird. Gewiß, Senator John Kerry, auf den der ganze viertägige Parteitag in Boston zugeschnitten ist, wird am Donnerstag zum Kandidaten nominiert, und mit etwas Glück kann er am 2. November sogar zum Präsidenten gewählt werden. Aber eigentlich ist John Kerry schon nicht mehr das Thema. Denn Barack Obama ist das Thema. Dabei ist der Mann recht besehen noch gar nichts, jedenfalls fast nichts.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Seit 1996 ist er Senator in der zweiten Kammer des Bundesstaates Illinois, das bedeutet vielleicht soviel wie hierzulande ein Landtagsmandat in Baden-Württemberg. Und Obama ist ein Kandidat für die Wahl eines der beiden Senatoren aus Illinois für den Kongreß in Washington, die am gleichen Tag wie die Präsidentenwahl stattfindet. Obamas glückliches Geschick ist seit seinem Auftritt bei der "Democratic National Convention" besiegelt, wenn nicht irgendeine Katastrophe eintritt: Er wird mit großer Stimmenmehrheit zum Juniorsenator für Illinois gewählt - neben Richard Durbin, dessen Mandat noch bis Anfang 2009 läuft. Obama wird das dritte gewählte schwarze Mitglied der kleineren, aber wichtigeren Kammer des Kongresses sein.

          „Geisterkandidat“ Jack Ryan

          1966 wurde als erster schwarzer Senator der Republikaner Edward W. Brooke aus Massachusetts gewählt - und 1972 wiedergewählt. Zwanzig Jahre später gelang Carol Moseley Braun aus Illinois als erster schwarzer Frau der Sprung in den Senat, doch 1998 verlor sie ihren Posten an den Republikaner Peter Fitzgerald. Der wiederum entschied nach nur einer Amtszeit, sich nicht um die Wiederwahl zu bemühen, und so spricht derzeit alles dafür, daß Obama - als dritter Schwarzer - den Sitz im Senat für die Demokraten zurückgewinnen und mithin Carol Moseley Braun beerben kann. Denn in allen Umfragen führte er noch vor seiner mitreißenden Rede auf dem Parteitag mit 20 Prozentpunkten vor dem republikanischen "Geisterkandidaten" Jack Ryan. Der trat Ende Juni von seiner Kandidatur zurück, und es findet sich bei den Republikanern keiner, der jetzt noch gegen Obama antreten will.

          In Boston gewinnt Barack Obama die Sympathie der Delegierten

          Ryan war über einen recht markigen Skandal gestolpert: Seine ehemalige Frau, die Schauspielerin Jeri Ryan, hatte im Scheidungsprozeß gegen ihren früheren Mann vorgebracht, dieser habe sie bei mindestens drei Gelegenheiten zu Besuchen in Sex-Clubs überredet und sie dortselbst - offenbar stimuliert von den Darbietungen - genötigt, sich in der Halböffentlichkeit der Clubs körperlich sehr nahe zu kommen. Jeri Ryan widersetzte sich den Zudringlichkeiten ihres Mannes und brachte die Vorfälle im Scheidungsprozeß gegen ihren Mann vor. Die von der Tageszeitung "Chicago Tribune" gerichtlich erfochtene Freigabe der versiegelten Scheidungsakten mit den unfeinen Details wurde Ryan schließlich zum Verhängnis, und er trat zurück.

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