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Amerikanische Vorwahlen : Altertümlicher Zählappell

  • -Aktualisiert am

Er würde gerne amerikanischer Präsident werden: Howard Dean Bild: REUTERS

In Iowa findet die erste Runde im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur statt. Anders als im Internet hat dort der Wahlkampf von Howard Dean gerade erst begonnen.

          Auf nach Ankeny. So heißt ein Vorort im Norden von Des Moines, Hauptstadt des Bundesstaates Iowa. Es ist morgens gegen halb zehn, und im Wahlkampf-Hauptquartier von Howard Dean an der Locust Street 1314 ist die Hölle los. Hunderte Wahlkampfhelfer strömen in die ehemaligen Geschäftsräume eines Computerladens, die vom Wahlkampfteam des ehemaligen Gouverneurs von Vermont schon vor Monaten gemietet wurden.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch erst in den vergangenen drei Wochen ist der Wahlkampf Deans, des derzeitigen Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur der oppositionellen Demokraten, in Iowa richtig in Fahrt gekommen. Jedenfalls im traditionellen Sinne eines Wahlkampfes mit Plakaten, Flugblättern, Wahlwerbung in Fernsehen und Radio - und mit begeisterten Anhängern Deans, die von Haus zu Haus ziehen und die potentiellen Wähler im persönlichen Gespräch von ihrem Kandidaten zu überzeugen suchen.

          Die Spenden-Dollar rollen

          Im Internet läuft der Wahlkampf von Howard Dean, dem einstigen Außenseiter, über den jetzt alle sprechen, schon seit Monaten auf vollen Touren. Mit gut 41 Millionen Dollar hat er mehr Spenden gesammelt als alle anderen sieben Kandidaten, die noch im Rennen um die Nominierung zum Herausforderer von Amtsinhaber George W. Bush bei den Präsidentenwahlen vom 2. November sind. Ende Januar 2003 hatte der Stand von Deans Wahlkampfkonto gerade einmal 157.000 Dollar betragen. Seither fließt das Geld in Strömen, meist über die Website "DeanForAmerica.com" - von 535.000 Spendern in Stückelungen zu durchschnittlich 77 Dollar.

          Erklärtes Ziel Deans ist es, zwei Millionen Spender dazu zu bewegen, jeweils 100 Dollar zu geben. Nur so könne man Bush, der mindestens 170 Millionen Dollar für den Wahlkampf sammeln will und sich zudem nicht in Vorwahlen verzetteln und verzehren muß, Paroli bieten. Denn der "Cyber-Kandidat" Dean hat zwar sensationell viel Geld gesammelt und steht unter den demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch immer an der Spitze aller landesweiten Umfragen. Bush aber liegt mit derzeit 110 Millionen Spenden-Dollar ebenfalls deutlich über Plansoll - und in landesweiten Umfragen bis zu 20 Prozentpunkte vor Dean.

          "Cyberspace" als Wahlkampfinstrument

          Deshalb machen sich Donna Marcus aus Evanston in Illinois, Charlie Grapski aus Gainsville in Florida, James Lynne Moore aus Seattle im Bundesstaat Washington und Mehrdad Moayedzadeh aus Emeryville aus Kalifornien auf nach Ankeny in Iowa. Die vier sind sich vor zwei Tagen zum ersten Mal persönlich in Des Moines begegnet und bilden seither ein Team. Aus dem Internet, wo sie sich fleißig mit Diskussionsbeiträgen auf Deans Website beteiligt haben, sind sie sich seit Monaten bekannt.

          Das Quartett, eines unter Hunderten, ist Teil einer riesigen polit-strategischen Versuchsreihe der Wahlkampfstrategen Deans, das postmoderne Instrument des "Cyberspace" mit den prämodernen Mitteln des Türenklopfens und des persönlichen Gesprächs zu verbinden. Der weiträumige Agrarstaat Iowa mit nur 2,9 Millionen Einwohnern - es gibt mehr Schweine als Menschen in Iowa - ist dafür aus historischen Gründen das ideale Versuchslabor.

          Die "Stammesführer"

          In Iowa wie in sechs anderen Bundesstaaten werden Delegierte für den Nominierungsparteitag der Demokraten vom 26. bis 29. Juli in Boston nicht durch das übliche Verfahren der Abgabe von Stimmzetteln in geheimer Wahl (primaries) ausgewählt, sondern auf öffentlichen Parteiversammlungen in allen 1.993 Wahlkreisen des Bundesstaates durch eine Art "Hammelsprung"-Abstimmung (caucuses). Das Wort "caucus" ist vermutlich aus einer indianischen Bezeichnung für ein Treffen von Stammesführern abgeleitet. Die heutigen "Stammesführer" sind die registrierten Wähler der Demokraten - Unabhängige können sich noch am Wahlabend umregistrieren lassen, nicht jedoch registrierte Republikaner -, die sich abends um halb sieben in Schulen, Gemeindeverwaltungen oder auch in Privathäusern versammeln und zunächst Argumente für diesen oder jenen Kandidaten austauschen.

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