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Amerikanisch-iranische Entspannung : Noch verstört Teheran das Werben Washingtons

Irans Staatspräsident Chatami: Abschied von Glaubenssätzen der Revolution Bild: dpa/dpaweb

Schon vor dem Beben in Bam hatten sich die Vereinigten Staaten und Iran angenähert. Doch erst nach den verheerenden Erdstößen kam es zu den ersten diplomatischen Kontakten zwischen beiden Regierungen seit 1979.

          5 Min.

          Seit Monaten hat jeder gesehen, der es sehen wollte, daß Washington im Irak auf die Schiiten setzt. Dort sind die Vereinigten Staaten und Iran aufeinander angewiesen. Doch erst nach den verheerenden Erdstößen, die die historische Stadt Bam zerstört und 50.000 Tote gefordert haben, kam es zu den ersten diplomatischen Kontakten zwischen beiden Regierungen seit 1979. Kurz danach landeten amerikanische Militärflugzeuge in Iran, obwohl auch zivile Flugzeuge hätten eingesetzt werden können. Sie brachten humanitäre Hilfsgüter aus amerikanischen Militärbeständen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nun prangt in Bam das Sternenbanner auf den Zelten der amerikanischen Helfer. Noch in den neunziger Jahren war in den Teheraner Hotels aber die Forderung zu lesen: „Down with the USA". Der amerikanische Finanzminister Snow lockerte für humanitäre Lieferungen die Sanktionen gegen Iran, und Außenminister Powell bewertet die Zeichen aus Iran als so "ermutigend", daß er hofft, sie könnten einen Dialog eröffnen. Präsident Bush sagte, die Amerikaner zeigten dem iranischen Volk mit ihrer Hilfe für die Erdbebenopfer, daß sie Anteil nähmen und großes Mitgefühl angesichts des Leidens in Bam hätten. Bevor Washington aber seine Politik gegenüber Iran ändere, müsse Teheran sein Atomprogramm aufgeben und alle Al-Qaida-Mitglieder ausliefern, die es in Gewahrsam habe, fügte Bush hinzu.

          Neue Atmosphäre und positive Signale

          Noch verstört Teheran das unerwartete Werben Washingtons. Der iranische Staatspräsident Chatami dankte zwar ausdrücklich für die Hilfe, sieht aber ebenfalls noch keine Basis für eine Normalisierung der Beziehungen. Andererseits wünscht sich Außenminister Charrasi, daß das amerikanische Verhalten dauerhaft werde und eine "neue Atmosphäre" schaffe. Nur der frühere Staatspräsident Rafsandschani, der kühlste aller iranischen Machtpolitiker und der am meisten proamerikanische, sagte jetzt, positive Signale der Regierung Bush gebe es ja schon seit Monaten.

          Im Juli hatte Washington seine humanitäre Hilfe für ein - weitaus kleineres - Erdbeben in Iran noch über das UN-Kinderhilfswerk (Unicef) laufen lassen. Erst danach wurden die Signale aus Washington stärker und die Antworten aus Teheran konkreter. So erkannte am 17. November Chatami den von den Amerikanern eingesetzten irakischen Übergangsrat als die Vertretung des irakischen Volkes an. Der Übergangsrat bedankte sich, indem er die iranische Exilgruppe Mudschahedin-e Chalq des Landes verwies.

          Den Schiiten Irans war diese linke Extremistengruppe ein Dorn im Auge, weil Saddam Hussein sie unterstützt und gezielt gegen Iran eingesetzt hatte; die irakischen Schiiten verabscheuten die Volksmudschahedin wiederum, weil sie im Frühjahr 1991 eine nicht unbedeutende Rolle bei der blutigen Niederschlagung ihres Aufstands durch Saddam Hussein gespielt hatten.

          Bush braucht die Schiiten

          Noch tanzen beide Seiten keinen Pas de deux. Aber niemand hatte wohl damit gerechnet, daß ausgerechnet der Irak-Krieg die Friedenstauben zwischen Washington und Teheran aufsteigen lassen würde. Präsident Bush ist im Wahljahr nicht an einer Konfrontation mit Iran gelegen. Zudem ist seine Regierung immer mehr zur Einsicht gelangt, daß im Irak die Stabilität nur mit den irakischen Schiiten und nicht gegen sie zu gewinnen ist. Diese Stabilität müssen die Vereinigten Staaten aber so rasch wie möglich herstellen, um sich ihrem eigentlichen und viel wichtigeren Krieg zuzuwenden: dem gegen Al Qaida.

          Iran kann dabei helfen. Bei der Stabilisierung des Iraks ebenso wie beim Kampf gegen den Terror. Denn Teheran hat nicht nur ein Interesse an einer sicheren Grenze im Westen zum Irak; dieses sieht es vor allem durch eine schiitisch dominierte und erstmals proiranischen Regierung in Bagdad gewährleistet. Teheran will auch Stabilität an seiner Ostgrenze, und die wird es nur geben, wenn im benachbarten Afghanistan Al Qaida das Handwerk gelegt ist.

          Auslieferung von Al-Qaida-Mitgliedern

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