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Zum Todestag von Hugo Chávez : Ein Stelldichein der lateinamerikanischen Sozialisten

  • -Aktualisiert am

Hugo Chavez lässt Venezuela nicht aus den Augen: Zu seinem Todestag ist sein Antlitz allgegenwärtig im Land – ob auf riesigen Plakatwänden oder auf T-Shirts und Notebooks Bild: AFP

Zum Todestag des früheren venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez versammeln sich Castro und Co in Caracas. Sein Erbe, der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, scheint indes gescheitert zu sein.

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          Der kubanische Präsident Raúl Castro traf als einer der ersten Staatschefs in Caracas ein, um am Aschermittwoch an den Feierlichkeiten zum ersten Todestag des früheren venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez teilzunehmen. Auch die Präsidenten Boliviens, Evo Morales, und Nicaraguas, Daniel Ortega, hatten ihr Kommen zugesagt. Zusammen mit dem Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro wollte sich damit am Grab von Chávez jener „harte Kern“ der Staatschefs versammeln, deren Länder der „Ewige Comandante“ unter seiner Führung zu einem Bündnis zusammenschweißen wollte. Die Vision eines im Geiste des Befreiers Simón Bolívar von Chávez geeinten Lateinamerika ist nie Realität geworden. Im Gegenteil zeigt sein Erbe deutliche Zerfallserscheinungen, und Lateinamerika ist gespalten zwischen Anhängern und Kritikern des von Chávez propagierten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

          Trauern um den Comandante: Frauen vor einem Altar in Caracas zu Ehren des verstorbenen Präsidenten Chávez

          Die venezolanische Opposition rief für den Gedenktag explizit nicht zu weiteren Demonstrationen auf. An einigen Stellen von Caracas waren jedoch weiterhin Straßen mit Barrikaden blockiert. Die Regierung Maduro ehrte Chávez mit einer Militärparade. Schon Tage zuvor hatten Flugzeuge Caracas übungshalber im Tiefflug überquert, was angesichts der Proteste der Opposition offenbar auch einschüchternde Wirkung haben sollte. Eine Reihe von Feiern waren auch auf dem Gelände der „Bergkaserne“ vorgesehen, wo Chávez bestattet ist. Von dort aus hatte er 1992 seinen gescheiterten Putschversuch unternommen. Maduro will das offizielle Gedenken an Chávez auf insgesamt zehn Tage ausdehnen.

          Keine geeignete Führungsfigur im chavistischen Lager

          Kurz vor dem ersten Todestag von Chávez hat sich ein ehemaliger Berater und Weggefährte des Comandante zu Wort gemeldet und dessen sozialistisches Projekt für gescheitert erklärt. Dabei hatte der deutsche Soziologe Heinz Dieterich einst den Begriff des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ geprägt. Nun bekundet Dieterich auf dem chavistischen Internetportal „Aporrea“: „Es gibt weder eine Revolution noch einen Sozialismus in Venezuela.“ Der christlich-bolivarische Sozialismus, wie ihn Chávez praktizierte, habe zu einer Gesellschaft des „unterentwickelten, abhängigen Kapitalismus“ geführt, obwohl – dank des Ölreichtums des Landes – die besten Entwicklungschancen bestanden hätten, die je ein sozialistisches Modell in der jüngsten Geschichte gehabt habe, meint Dieterich. „Alles ist ein Slogan geblieben.“

          Der deutsche Soziologe Heinz Dieterich, der als Professor in Mexiko-Stadt lehrt und einst den Begriff „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ prägte, glaubt schon lange nicht mehr an das Projekt

          Noch härter geht der Wissenschaftler mit Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro ins Gericht, der sich seit Wochen mit Straßenprotesten der Opposition und Tausender Studenten konfrontiert sieht. „Wenn der aktuelle bolivarische Staat nicht einmal in der Lage ist, die adäquate Verteilung von Klopapier zu organisieren, was jede Bananenrepublik zuwege bringt, wie kann man von ihm verlangen, eine moderne, völlig internationalisierte Wirtschaft zentral zu verwalten?“, fragt Dieterich. Er sieht im zerstrittenen chavistischen Lager keine geeignete Führungsfigur, die das Land aus der schweren Krise herausführen könnte.

          Dieterich, der seit 1977 als Professor in Mexiko-Stadt lehrt, hatte sich bereits im Jahr 2007 von Chávez abgewandt, als der mit ihm befreundete General und frühere Verteidigungsminister Raúl Isaías Baduel bei Chávez in Ungnade fiel.

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