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Treffen der Kreml-Apologeten : Wenn sich Putins Speichellecker in Washington versammeln

  • -Aktualisiert am

Wird teilweise auch in Amerika verehrt: Russlands Präsident Wladimir Putin Bild: AFP

Einst war das World Russia Forum eine respektable Angelegenheit. Jetzt ist die Veranstaltung nur noch ein Hort von Kreml-Apologeten, Verschwörungstheoretikern und anderen Irren. Ein Gastbeitrag.

          Andrei Sacharow würde sich im Grabe umdrehen. Der verstorbene russische Atomphysiker war der prominenteste Dissident der Sowjetunion. Für seine Warnungen gegen die Verbreitung von Kernwaffen und für die Verteidigung grundlegender Bürgerrechte, griff der Kreml ihn mit gezielten bösartigen Verleumdungskampagnen an und zwang ihn in die Verbannung.

          Als Sacharow 1975 den Friedensnobelpreis gewann, verhinderte die sowjetische Regierung, dass er nach Oslo reisen konnte; er schickte stattdessen seine Frau Elena Bonner, um den Preis entgegen zu nehmen. Zu seinen Ehren zeichnet das Europäische Parlament mit einem gleichnamigen Preis Aktivisten aus, die den Geist des verstorbenen russischen Menschenrechtsaktivisten verkörpern.

          Deshalb mutete es ein wenig seltsam an, als Edward Lozansky, der Präsident der amerikanischen Universität in Moskau, Sacharows Namen benutzte, als er das 35. jährliche World Russia Forum Ende März zur Ordnung rief. Das erste dieser informellen Treffen fand am 21. Mai 1981 zu Ehren von Sacharows Geburtstag statt - zu einer Zeit, als sich die amerikanisch-russischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt befanden. Ronald Reagan hatte gerade das Amt übernommen, die Sowjets begannen mit ihrer Intervention in Afghanistan und beide Seite starteten einen Stellvertreterkrieg in Angola. Es war der Anstieg dieser Spannungen, der Lozansky dazu veranlasste, das Forum als ein Mittel zur Förderung des Dialogs zwischen den rivalisierenden Großmächten einzuweihen.

          Wie nobel der Zweck dieser Veranstaltung auch in den impulsiven Tagen des Kalten Krieges gewesen sein mag, sie hat längst ihren Glanz verloren. Heute ist das World Russia Forum nicht viel mehr als eine Versammlung von Kreml-Apologeten, Verschwörungstheoretikern und anderen Irren.

          Die Eingangsworte kamen vom republikanischen Kongressabgeordneten Dana Rohrabacher, der sich in den mehr als drei Jahrzehnten seiner Karriere in Washington vom Kalten Krieger zu einem sklavischen Verteidiger des russischen Regimes gewandelt hat. Rohrabacher, der als Redenschreiber für Reagan ins Weiße Haus kam, hat nun eine ähnliche Laufarbeit für seine alten Erzfeinde im Kreml übernommen. Diese sind aus seiner Sicht wertvolle Verbündete in unserem gemeinsamen Kampf gegen den militanten Islamismus. „Wir hätten es ohne sie nicht schaffen können“, so beschrieb er die russische Kooperation beim Sieg über die Taliban. Dabei geht er wohl von der Annahme aus, dass die Gewährung von Überflugrechten an die Vereinigten Staaten, damit diese ein radikalislamisches Regime an der Südflanke Russlands stürzen konnten, in irgendeiner Art ein Zugeständnis seitens Moskaus gewesen sei.

          Dana Rohrabacher (l.) hat sich zum sklavischen Verteidiger des russischen Systems gewandelt

          Rohrabacher erzählte dem Publikum, wie er 2004 nach dem Beslan-Massaker – bei dem beinahe 200 Kinder getötet wurden, nachdem tschetschenische Terroristen sie als Geiseln genommen hatten – eine „ranghohe Person“ in der Regierung George W. Bushs anrief, damit sie dem Präsidenten vorschlug, „nach Beslan zu fahren und Schulter an Schulter mit Putin zu stehen.“

          Amerikas Kampf gegen den islamistischen Terror mit dem Russlands gleichzusetzen wäre aber auf mehreren Ebenen nicht ratsam. Dass Russland bei seinem Umgang mit dem Problem gern ganze Städte dem Boden gleichmacht, ist dabei nicht das kleinste Argument. In der Tat ist es eine erprobte russische Strategie, die bis zurück in die Zeit ihres Kriegs in Afghanistan datiert. Ein Krieg, in dem Rohrabacher selbst als Kämpfer auf Seiten der Mudschaheddin teilgenommen hat, und in dem die Russen  beinahe eine Million Tote verursacht haben.

          Und um auf Beslan zurückzukommen: Bis zum heutigen Tage kritisieren die Eltern der Opfer Putin für seine Krisenhandhabung. Sie behaupten, dass ihre Kinder ihr Leben in Folge einer missglückten Rettungsaktion verloren haben, wie sie auch im Jahr 2002 stattfand, als Putin seinen Sicherheitskräfte befahl, Giftgas in ein Moskauer Theater zu pumpen, um  tschetschenische Terroristen zu ergreifen. Zum Glück haben sich klügere Köpfe im Weißen Haus durchgesetzt und verhindert, dass es ein Foto des Schulterschlusses zwischen Bush und Putin hätte geben können.

          (Rohrabacher war der einzige gewählte Abgeordnete, der bei der Veranstaltung auftauchte. Lozansky sagte, dass der Raum für die Veranstaltung von Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota  reserviert worden sei – eine seltsame Beziehung zu Minnesota deckte er damit auf: Beim World Russia Forum im vergangenen Jahr, das nur wenige Monate nach der Annexion der Krim stattfand, sprach sich Minnesotas Staatssekretär gegen Sanktionen aus, er beschwerte sich auch darüber, dass ein „Amerikanisch-Russisches Innovationsforum“, das in St. Paul (Hauptstadt des Bundesstaates Minnesota - Anm. d. Red.) stattfinden sollte, auf Anordnung des Außenministerium abgesagt werden musste.)

          Als nächstes sprach der gefürchtete Stephen Cohen, Amerikas berüchtigtester Kreml-Apologist. Während er den Ukraine-Konflikt fälschlicherweise als „Bürgerkrieg“ bezeichnete, sprach sich Cohen für eine „neue Entspannungspolitik“ zwischen Russland und den Vereinigten Staaten aus. Das könnte Cohen so passen, denn die alte Entspannungspolitik führte im Endeffekt dahin, dass die Sowjets über Osteuropa herrschten – genau das verlangt Cohen heute vom Westen. Cohen beklagte, dass vor nicht langer Zeit, „beide Seiten eine legitime Einflusssphäre hatten“ (oder wie er es nennt, „Zonen der nationalen Sicherheit“), und dass dennoch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunionen Amerika und seine Verbündeten das „Konzept der Parität“ missachteten und „Russland als eine geschlagene Nation behandelten“.

          Washingtons Beziehung zu Moskau bezeichnete er als „konstante Einmischung in Russlands innere Angelegenheiten“, und das Problem habe sich dadurch nur verschlechtert. „Diese Verunglimpfung einer russischen Macht“ habe in nichts anderem resultiert als in „einer Krankheit“. Cohen wäre es wohl lieber, dass alle diese Homosexuellen, Journalisten und Liberalen – im wahren Sinn des Wortes, und nicht in dem Sinn, den Cohen und andere „Progressive“ seines Schlags es pervertiert haben –endlich ihre Klappe hielten.

          Beschwatzt, erpresst und bedroht

          Nach dieser Schimpftirade stellte ich Cohen eine Frage: Lassen Sie uns feststellen, dass die Vereinigten Staaten eine „Interessensphäre“ in Europa haben, sie nennt sich Nato. Sie ist ein Verteidigungsbündnis, das aus demokratischen Nationen besteht, die ihre souveränen Entscheidungsbefugnisse einsetzen, um freiwillig einer Gruppe beizutreten. Die russische Interessensphäre, so wie vor ihr die sowjetische, besteht aus Ländern, die beschwatzt, erpresst und bedroht wurden, und dann – wenn diese Taktiken nichts geholfen haben – von den sowjetischen Truppen besetzt wurden. Das war der Fall 1956, als die Ungarn sich mutig gegen den von Sowjetseite oktroyierten Kommunismus wehrten, und es ist jetzt nicht weniger der Fall, als die Ukraine beschlossen hat, sich am Westen zu orientieren, und eine andauernde Annexion ihres Gebiets und ein blutiger Krieg die Konsequenzen sind. Die russische „Sicherheitszone“ produziert genau das Gegenteil von dem, was ihr Name verspricht: Unsicherheit, denn sie ist durch brutale Invasion etabliert worden und wird durch gewalttätige Unterdrückung erhalten.

          Es war nicht viel Zusammenhang aus Cohens mäandernder Antwort zu hören; allein seine Behauptung, dass „die eigentliche Intention der Nato verloren ist“; jetzt, da die Sowjetunion nicht mehr besteht. Vor Februar 2014 hätten dem wohl viele zugestimmt, doch ich würde Cohen einfach darum bitten, eine Umfrage unter den Bewohnern in Polen oder den Staaten des Baltikums zu machen, wo die Nato noch immer eine wichtige Aufgabe hat. Indem er sich dann die Kappe eines Nato-Strategen aufsetzte – eine bizarre Pose für ihn, bedenkt man, wie sehr er das Bündnis verabscheut – behauptete Cohen, dass das „einzige Kriterium“ für einen Beitritt sein sollte, „ob das Hinzufügen weiterer Länder die Sicherheit“ in Europa erhöhe.

          „Zwanzig Jahre sind Beweis genug, um zu zeigen, dass das nicht der Fall war“, behauptete er. Dann formulierte er wörtlich die Kreml-Argumente, dass „die Ukraine-Krise eine direkte Auswirkung der Expansionsentscheidung der Nato ist“. Dabei beklagte er die „Unsicherheit, die durch die rücksichtslose Nato-Erweiterung herbeigeführt“ worden sei. Das Gegenteil ist der Fall: Wären die Staaten des Baltikums und ehemaligen Mitglieder des Warschauer-Paktes nicht der Nato beigetreten, wäre die Sicherheitslage in Europa noch fragiler als sie heute sowieso schon ist. Vor der Mitgliedschaft war der Status dieser Nationen vis à vis Russlands zweideutig und bildete eine sicherheitspolitische Grauzone. Heute haben sie alle – zumindest theoretisch – eine felsenfeste Sicherheitsgarantie als Mitglieder der stärksten Militärallianz der Welt.

          Der frühere CIA-Analyst Ray McGovern nennt den amerikanischen Außenminister einen „notorischen Lügner“

          Doch das ganze Gerede über die Nato und ihre Rolle lenkt von der grundlegenden moralischen Frage ab: Wer ist Stephen Cohen eigentlich, dass er über das Schicksal von Millionen Menschen in Mittel- und Osteuropa entscheidet? Was Cohen wirklich ärgert ist, dass nach dem Fall der Sowjetunion niemand mehr übrig ist, der Amerikas Status als einzige Supermacht herausfordert. Diese Unipolarität können Linke wie Cohen nicht akzeptieren. Deshalb sind sie gewillt, jeden Verbrecher und Tyrannen zu unterstützen, der sich Amerika in den Weg stellt – ganz egal wie illiberal er ist.

          Es sagt einiges über Cohens intellektuelle Glaubwürdigkeit als Russland-Wissenschaftler aus, wenn die einzigen Publikationen, die seine Arbeiten veröffentlichen, „Russia Today“ und „The Nation“ sind – ein Magazin, das Cohens Gattin herausgibt. Während ihrer Ansprache beim Forum lobte Herausgeberin Katrina van den Heuvel ihre Publikation als eine, die „immer wieder Ideen vertritt, die als ‚häretisch‘ verschrien sind, nur um sie wenig später als konventionelle Weisheiten verfochten zu sehen.“ Menschen, die die konventionellen Weisheiten über die Situation in der Ukraine herausfordern, würden in den Vereinigten Staaten „an den Rand gedrängt und verunglimpft“, beschwerte sie sich.(Das steht wohl im Gegensatz zu denjenigen, die „häretische“ Ideen in Russland vertreten, und dort im Gefängnis landen- wenn ihnen nicht gleich vier Mal in den Rücken geschossen wird wie Boris Nemzow.)

          Wie ihr Ehemann zuvor kritisierte van den Heuvel die „Dämonisierung“ Putins, als wenn die Kritiker dieses Mannes sich Fakten über seine furchtbaren Taten ausdenken müssten. Überraschenderweise schlug sie verbal auf die „Washington Post“ ein, in der sie eine Kolumne schreibt, und nannte sie „Prawda am Potomac. Eine Zeitung des Regimewechsels“ (Was wohl mehr ist als man über „The Nation“ sagen kann, denn das ist die „Prawda“, nur auf Englisch.)

          Kanalisierte Verbitterung

          Van den Heuvel führte eine Gesprächsrunde der Ehemaligen ein, „ehemalige“ wohin man nur sah: der ehemalige AP-Reporter Robert Parry, der ehemalige UPI-Redakteur Martin Sieff, der ehemalige Asien-Büroleiter der „International Herald Tribune“ Patrick Smith und der ehemalige CIA-Analyst Ray McGovern, der jetzt Inhaber der international renommierten Nachrichtenquelle RayMcGovern.com ist. Wie alle Gäste kanalisierten die Männer ihre Verbitterung über geschlagene Karrieren in Kritik der „Mainstream Medien“.

          Parry beschuldigte die amerikanische Regierung, Informationen zurückzuhalten über den Abschluss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 über der Ukraine; er beschwerte sich darüber, dass ihn niemand aus dem Außenministerium zurückrufe. McGovern sprach über Russlands „so genannte Aggression“ in der Ukraine und fragte dann: „Wie kann Russland überhaupt einem notorischen Lügner trauen? Und damit meine ich John Kerry.“ Irgendwo in der Mitte von Sieffs Geschichte darüber, dass die Westmächte uns zurück in das Blutbad des ersten Weltkriegs führten, beschloss ich, dass ich bessere Dinge zu tun habe.

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