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Wirtschaftskrise in Venezuela : Der Revolution geht die Milch aus

Das lange Warten: vor einem Supermarkt in Caracas Bild: AFP

Venezuela rutscht immer tiefer in die Mangelwirtschaft. Präsident Nicolás Maduro reagiert mit absurder Propaganda – und verbietet Fotos leerer Supermarktregale.

          Hernán hat einen guten Job. Das war nicht immer so. Nicht, dass er seinen Arbeitsplatz gewechselt oder sich fortgebildet hätte. Sein Job ist von selbst immer besser geworden, je tiefer Venezuela in die Misere rutschte. Als Packhelfer an der Kasse des Supermarktes „Central Madeirense“ im Reichenviertel Altamira verdient Hernán offiziell zwar nur den Mindestlohn von 5600 Bolívar monatlich. Aber in Zeiten dauerhafter Versorgungsengpässe ist sein Job lukrativ.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Denn Hernán weiß, wann die nächste, seltene Lieferung von Mangelwaren wie Milch, Mehl, Kaffee oder Klopapier kommt. Gegen eine Zahlung an den Filialleiter, den Lagermeister und die Kassiererin kann sich der Packhelfer vor Ladenöffnung mit Waren eindecken, um sie sodann mit einem schönen Aufschlag an seine Stammkundschaft weiterzuverkaufen, die aus wohlhabenden Venezolanern, aber auch ausländischen Diplomaten und Geschäftsleuten besteht.

          Auf den ersten Blick ist die schwere Wirtschaftskrise Venezuelas hier in Altamira, einem der wohlhabendsten Viertel der Hauptstadt Caracas, kaum sichtbar. Um die prächtige Plaza Francia, vom ehrgeizigen Stadtplaner Luis Roche (1888 bis 1965) in den vierziger Jahren nach französischem Vorbild mit Springbrunnen, Parkbänken und einem Obelisken angelegt, ragen Bürohäuser mit Glasfassaden und schmucke Apartmentanlagen mit klingenden Namen wie Mayflower oder Helena in die Höhe.

          Die Restaurants von Altamira sind an den Wochenenden gut gefüllt. Dann stehen auf den Parkplätzen die sportlichen Geländewagen amerikanischer Hersteller dicht an dicht. Und das obwohl die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um vier Prozent geschrumpft ist. Mit einer Geldentwertung von gut 65 Prozent hat das Land eine der höchsten Inflationsraten weltweit erreicht. Für dieses Jahr wird in Venezuela eine noch schlimmere Rezession erwartet, von einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit um sieben Prozent ist die Rede. Manche Ökonomen erwarten dazu eine dreistellige Geldentwertung.

          Vor dem staatlichen Bicentenario-Supermarkt in Caracas: Hunderte stehen für Hühnchen, Putzmittel und andere Waren des täglichen Gebrauchs an. Bilderstrecke

          Vor dem Supermarkt „Central Madeirense“ nahe der Plaza Francia gibt es an diesem Morgen keine Warteschlange. Auch an den Kassen, wo Hernán die Tüten für die Kunden bepackt, geht es ruhig zu. „Central Madeirense“ wirbt mit dem Slogan „Besser leben für weniger (Geld)“ um die Kunden aus der Mittelschicht und ist mit mehr als 50 Filialen im ganzen Land die größte private Supermarktkette Venezuelas. Viele Regale der Filiale von Altamira sind gefüllt – aber nicht mit dem, was auf den Hinweisschildern über den Gängen steht. Waschmittel zum Beispiel gibt es nicht. Dafür haben die Angestellten Unmengen des Fleckenlösers „Vanish“ in allen möglichen Verpackungsgrößen fein säuberlich nebeneinandergereiht.

          So sehen die Regale zwar voll aus, aber hinter der Fassade von knallpinken „Vanish“-Plastikflaschen ist es eben doch leer. Auch im Gang für Tee und Kaffee gibt es allerlei – nur keinen Kaffee. Dafür viele Packungen mit Kaffeefiltern. Im Kühlregal für Milchprodukte stehen Unmengen eines stark gesüßten Trinkjoghurts neben Birnennektar. Aber keine Milch. Auch Zucker ist aus. Aber vom Tomaten-Ketchup der amerikanischen Marke „Heinz“, hergestellt unter Lizenz in Venezuela, wurde offenbar auf einen Schlag so viel geliefert, dass die Mitarbeiter des Supermarkts noch lange nicht alle Flaschen in die Regale räumen konnten. Überall stehen deshalb Paletten mit „Heinz“-Ketchup herum.

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