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Kommentar : Wechsel in Kanada

Justin Trudeau setzt eher auf traditionelle kanadische Politik. Bild: dpa

Nach dem Wechsel im Amt des kanadischen Ministerpräsidenten wird es auch ein Wechsel der Politik geben. Der „Amerikanismus“ von Stephen Harper ist vorbei. Unter Justin Trudeau kehrt kanadischer Traditionalismus zurück.

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          Der Wechsel hatte sich angekündigt; aber dass der Wahlsieg der Liberalen so groß ausfallen würde, hatten die wenigsten erwartet. Die Partei unter dem jugendlichen Justin Trudeau wird im Parlament in Ottawa künftig sogar über die Mehrheit verfügen. Ihr gelang damit das Kunststück, die Zahl ihrer Mandate um mehr als das Fünffache zu erhöhen. Das ist ein spektakulärer Erfolg, wie er in westlichen Demokratien nicht so oft vorkommt.

          Drei Gründe dürften eine Rolle gespielt haben: Viele Wähler waren nicht nur unzufrieden mit der Regierung des Konservativen Stephen Harper, sie waren seiner offenkundig überdrüssig. Nach mehr als neuneinhalb Jahren im Amt des Regierungschefs ist das auch nicht unbedingt verwunderlich. Daneben spielte die aktuelle Rezession der kanadischen Wirtschaft als Folge des Preisverfalls an den Rohstoffmärkten eine Rolle. Und dann, das ist der dritte Grund, gelang es Trudeau, sich in einer langen Kampagne bekannt zu machen, den Vorwurf der Unerfahrenheit zu neutralisieren und den linkspopulistischen Neuen Demokraten viele Wähler abspenstig zu machen. Das Ergebnis von alldem ist das Ende einer Ära und der Wiederaufstieg der Liberalen zur Mehrheits- und damit Regierungspartei.

          Was wird der künftige Regierungschef, Sohn des früheren Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, mit seiner neuen Macht anfangen? Er wird eine sozialdemokratische Politik verfolgen, zu der Steuererleichterungen für die Mittelschicht, Steuererhöhungen für Bezieher hoher Einkommen, Mehrausgaben für Infrastrukturprojekte und Haushaltsdefizite gehören. In der Außen- und Sicherheitspolitik dürfte er zu größerer Zurückhaltung neigen als sein Vorgänger. Überhaupt wird Trudeau, ganz generell, Akzente setzen, die sich vom selbstbewussten und robusten Konservatismus Harpers unterscheiden. Unter dem war das Land etwas „amerikanischer“ geworden; jetzt kehrt der kanadische Traditionalismus zurück. Für Deutschland war Harper, der ein paar Monate nach Angela Merkel ins Amt kam, ein verlässlicher Partner. Angesichts der Weltlage bleibt die enge, verlässliche Partnerschaft mit dem Kanada Justin Trudeaus eine Notwendigkeit.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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