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Waffengewalt in Amerika : Schlimmer als zu Zeiten Al Capones

  • -Aktualisiert am

Nicht Freund, nicht Feind: Waffennarren jedenfalls tröstet Obama mit Fotos vom Tontaubenschießen in Camp David Bild: REUTERS

In Chicago grassiert die Gewalt. Befürwortern wie Gegnern eines verschärften Waffenrechts dient die Lage in der Stadt als Beweis für ihre jeweilige Sicht der Dinge.

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          Der 29. Januar war ein milder Wintertag in Chicago, mit Temperaturen um 15 Grad. Ein gutes Dutzend Schüler der „King College Prep High School“, die meisten Spielerinnen des Volleyballteams der Schule, hatte sich nach Unterrichtsschluss im kleinen Vivian Gordon Harsh Park des Stadtteils South Side getroffen, um noch ein wenig „herumzuhängen“. Als es zu regnen begann, drängten sich die Mädchen und Jungen unter einem Baldachin zusammen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Ob jemand den jungen Mann beobachtet hatte, der über die Umzäunung des Parks sprang und wild feuernd auf die Gruppe zulief, ist nicht bekannt. Hadiya Pendleton, 15 Jahre alt, wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen. Sie starb noch am Ort der Bluttat. Ein 16 Jahre alter Mitschüler überlebte schwer verletzt. Der Täter flüchtete in einem Auto, in dem ein Komplize gewartet hatte.

          Dutzende Morde

          Der Park mit dem Spielplatz befindet sich vielleicht anderthalb Kilometer vom Wohnhaus der Obamas in der South Side entfernt. Freunde, Verwandte und Nachbarn von Hadiya Pendleton zeigten sich entsetzt, dass die Gewaltepidemie von Chicago nun auch mitten in einem Wohnquartier der schwarzen Mittelschicht Opfer fordert. Allein im Januar wurden in Chicago mindestens 42 Menschen ermordet, in den meisten Fällen handelte es sich - wie im Mordfall Pendleton - um schwarze Opfer von schwarzen Tätern.

          In New York kamen im gleichen Zeitraum 14 Menschen bei Gewaltverbrechen ums Leben, obwohl die Stadt rund dreimal so viele Einwohner hat wie Chicago. 2012 wurden in der „Windy City“ am Lake Michigan 506 Morde verzeichnet, im Vorjahr waren es noch 433. Die Aufklärungsquote liegt bei kaum 25 Prozent. Und nichts spricht dafür, dass sich die Lage in diesem Jahr bessern wird. Das tägliche Blutbad von Chicago ist schlimmer als zu Zeiten der Bandenkriege von Al Capone während der Prohibition der dreißiger Jahre.

          Auch heute gehen die meisten Morde auf das Konto verfeindeter Banden, denen nach Schätzungen der Polizei bis zu 100.000 meist schwarze Jugendliche und junge Männer angehören. Nach Angaben der Behörden musste Hadiya Pendleton sterben, weil der Todesschütze irrtümlich geglaubt hatte, unter dem Baldachin stünden Mitglieder einer verfeindeten Bande beisammen.

          Debatte über schärfere Waffengesetze

          Schon jetzt hat der Fall Pendleton die vom Schulmassaker in Newtown vom 14. Dezember mit 27 Toten ausgelöste Debatte über verschärfte Waffengesetze maßgeblich beeinflusst. Das hängt mit dessen zufälligen Verbindungen zum Präsidenten zusammen. Eine gute Woche vor ihrem jähen Tod war Hadiya Pendleton, die davon geträumt hatte, Anwältin zu werden, mit dem Blechblasorchester ihrer Schule nach Washington gereist, um bei Präsident Obamas zweiter Amtseinführung aufzutreten. Obamas erster Stabschef im Weißen Haus, Rahm Emanuel, ist seit Mai 2011 Bürgermeister von Chicago, und bisher hat er gegen die Welle der Gewalt nichts zu unternehmen gewusst. Und schließlich gibt es in der Stadt Chicago eines der strengsten Waffengesetze im ganzen Land. Waffen und Munition kann man nirgendwo kaufen, niemand darf die eigenen vier Wände mit einer geladenen Waffe verlassen. 2010 erstritt ein Schwarzer aus der South Side vor dem Obersten Gericht in Washington immerhin das Recht, eine Handfeuerwaffe zur Selbstverteidigung in seinem Eigenheim zu erwerben.

          Viele Waffen können nach Mississippi zurückverfolgt werden

          Die Lage in Chicago verdeutlicht das unübersichtliche Durcheinander des bestehenden Waffenrechts in den Vereinigten Staaten. Jeder Bundesstaat, jeder Landkreis, jede Stadt kann eigene Waffengesetze erlassen. Zwar ist in ganz Illinois das Tragen einer geladenen Waffe außerhalb der eigenen vier Wände verboten - der einzige der 50 Bundesstaaten mit einer so strengen Vorschrift -, doch können in den Landkreisen um Chicago Waffen und Munition gekauft werden, von wo sie dann ins Stadtgebiet kommen - ungeachtet des Waffenverbots in Chicago.

          Untersuchungen haben zudem ergeben, dass eine hohe Zahl von beschlagnahmten Waffen in Chicago zu Waffenhändlern im Bundesstaat Mississippi zurückverfolgt werden können. Aus dem Südstaat mit ausgesprochen laxem Waffenrecht waren von den vierziger bis zu den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts viele Schwarze in den Großraum Chicago gezogen, und fortbestehende Familienbeziehungen sorgen offenbar bis heute dafür, dass legal in Mississippi erworbene Waffen nach Chicago kommen - und dort dann zu illegalen Waffen werden.

          Befürworter strengerer Waffengesetze, etwa eines nationalen Verbots von halbautomatischen Sturmgewehren und von Magazinen mit mehr als zehn Schuss Munition, führen die Gewaltepidemie in Chicago als Argument an, dass es im ganzen Land schärfere Vorschriften geben müsse. „Chicago ist keine Insel“, sagt Bürgermeister Emanuels Chefberater David Spielfogel: „Wir können nur so stark sein wie die schwächsten Waffengesetze in unseren Nachbarstaaten.“ Auch Präsident Obama führte in einem Interview die Schusswaffengewaltepidemie in seiner Heimatstadt als Beispiel dafür an, dass die Nation eine umfassende Verschärfung des Waffenrechts brauche. Damit man ihn aber andererseits nicht als „Waffenfeind“ hinstellen kann, veröffentlichte das Weiße Haus jetzt ein Foto vom Präsidenten beim Tontaubenschießen in Camp David, dem Wochenendsitz amerikanischer Präsidenten in Maryland.

          „Zu viele Kinder sterben“

          Auch Gegner einer Verschärfung des Waffenrechts, allen voran die einflussreiche „National Rifle Association“ (NRA), bringen Chicago als Argument für ihre Haltung vor: In der Stadt New York gebe es ein ähnlich restriktives Waffenrecht wie in Chicago, während es in den umliegenden Bundesstaaten ebenfalls leichter sei, an Waffen und Munition zu kommen. In New York aber gehe die Gewalt zurück, in Chicago nehme sie zu. Ursache für die Gewalt seien kriminelle Banden, nicht Waffen. „Die Waffengesetze von Chicago schränken nur gesetzestreue Bürger ein und machen sie faktisch zum Freiwild“, sagte Richard A. Pearson von der NRA in Illinois.

          In der vergangenen Woche kamen erstmals seit dem Massaker von Newtown Befürworter und Gegner von schärferen Waffengesetzen bei der Anhörung eines Senatsausschusses in Washington gemeinsam zu Wort. Die frühere Abgeordnete Gabrielle Giffords, noch immer gezeichnet von den Folgen einer beim Amoklauf eines geistig verwirrten Täters in Tucson vom Januar 2011 erlittenen Schussverletzung am Kopf, sagte in einer bewegenden Stellungnahme: „Zu viele Kinder sterben. Zu viele Kinder. Wir müssen etwas unternehmen!“

          NRA-Chef Wayne LaPierre stimmte ihr zu, lehnte aber schärfere Gesetze ab und forderte stattdessen, bestehende Gesetze zur Überprüfung des Geisteszustands und möglicher Vorstrafen von Waffenkäufern anzuwenden: „Wir glauben nicht, dass die Regierung vorschreiben sollte, welche Waffen wir gesetzmäßig besitzen und nutzen dürfen, um unsere Familien zu schützen.“

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