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Waffengewalt in Amerika : Schlimmer als zu Zeiten Al Capones

  • -Aktualisiert am

Viele Waffen können nach Mississippi zurückverfolgt werden

Die Lage in Chicago verdeutlicht das unübersichtliche Durcheinander des bestehenden Waffenrechts in den Vereinigten Staaten. Jeder Bundesstaat, jeder Landkreis, jede Stadt kann eigene Waffengesetze erlassen. Zwar ist in ganz Illinois das Tragen einer geladenen Waffe außerhalb der eigenen vier Wände verboten - der einzige der 50 Bundesstaaten mit einer so strengen Vorschrift -, doch können in den Landkreisen um Chicago Waffen und Munition gekauft werden, von wo sie dann ins Stadtgebiet kommen - ungeachtet des Waffenverbots in Chicago.

Untersuchungen haben zudem ergeben, dass eine hohe Zahl von beschlagnahmten Waffen in Chicago zu Waffenhändlern im Bundesstaat Mississippi zurückverfolgt werden können. Aus dem Südstaat mit ausgesprochen laxem Waffenrecht waren von den vierziger bis zu den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts viele Schwarze in den Großraum Chicago gezogen, und fortbestehende Familienbeziehungen sorgen offenbar bis heute dafür, dass legal in Mississippi erworbene Waffen nach Chicago kommen - und dort dann zu illegalen Waffen werden.

Befürworter strengerer Waffengesetze, etwa eines nationalen Verbots von halbautomatischen Sturmgewehren und von Magazinen mit mehr als zehn Schuss Munition, führen die Gewaltepidemie in Chicago als Argument an, dass es im ganzen Land schärfere Vorschriften geben müsse. „Chicago ist keine Insel“, sagt Bürgermeister Emanuels Chefberater David Spielfogel: „Wir können nur so stark sein wie die schwächsten Waffengesetze in unseren Nachbarstaaten.“ Auch Präsident Obama führte in einem Interview die Schusswaffengewaltepidemie in seiner Heimatstadt als Beispiel dafür an, dass die Nation eine umfassende Verschärfung des Waffenrechts brauche. Damit man ihn aber andererseits nicht als „Waffenfeind“ hinstellen kann, veröffentlichte das Weiße Haus jetzt ein Foto vom Präsidenten beim Tontaubenschießen in Camp David, dem Wochenendsitz amerikanischer Präsidenten in Maryland.

„Zu viele Kinder sterben“

Auch Gegner einer Verschärfung des Waffenrechts, allen voran die einflussreiche „National Rifle Association“ (NRA), bringen Chicago als Argument für ihre Haltung vor: In der Stadt New York gebe es ein ähnlich restriktives Waffenrecht wie in Chicago, während es in den umliegenden Bundesstaaten ebenfalls leichter sei, an Waffen und Munition zu kommen. In New York aber gehe die Gewalt zurück, in Chicago nehme sie zu. Ursache für die Gewalt seien kriminelle Banden, nicht Waffen. „Die Waffengesetze von Chicago schränken nur gesetzestreue Bürger ein und machen sie faktisch zum Freiwild“, sagte Richard A. Pearson von der NRA in Illinois.

In der vergangenen Woche kamen erstmals seit dem Massaker von Newtown Befürworter und Gegner von schärferen Waffengesetzen bei der Anhörung eines Senatsausschusses in Washington gemeinsam zu Wort. Die frühere Abgeordnete Gabrielle Giffords, noch immer gezeichnet von den Folgen einer beim Amoklauf eines geistig verwirrten Täters in Tucson vom Januar 2011 erlittenen Schussverletzung am Kopf, sagte in einer bewegenden Stellungnahme: „Zu viele Kinder sterben. Zu viele Kinder. Wir müssen etwas unternehmen!“

NRA-Chef Wayne LaPierre stimmte ihr zu, lehnte aber schärfere Gesetze ab und forderte stattdessen, bestehende Gesetze zur Überprüfung des Geisteszustands und möglicher Vorstrafen von Waffenkäufern anzuwenden: „Wir glauben nicht, dass die Regierung vorschreiben sollte, welche Waffen wir gesetzmäßig besitzen und nutzen dürfen, um unsere Familien zu schützen.“

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