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Matthias Rüb (rüb)

Vor der WM : Brasilianische Träume

  • -Aktualisiert am

Sitzt das Hemd? Zumindest der Verkäufer dieses brasilianischen Straßenverkaufsstandes scheint das zu glauben. Bild: AFP

Die Fußball-WM findet in einem Land statt, das von nationaler Größe träumt und in dem doch Vieles im Argen liegt. Mit Beginn der Weltmeisterschaft kümmert das aber erst einmal niemanden mehr.

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          Von diesem Donnerstag an schaut die Welt, jedenfalls der fußballbegeisterte Teil von ihr, auf Brasilien. Was man aus einer solchen eigentlich unbezahlbaren Gelegenheit machen kann, haben die Deutschen vor acht Jahren gezeigt. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als sich das Land in jeder Hinsicht von der Sonnenseite zeigte, ist das Ansehen Deutschlands fast überall weiter gestiegen. Auch Brasilien wollte mit der WM 2014 einen globalen Volltreffer erzielen.

          Vor sieben Jahren, als Brasilien den Zuschlag des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) erhielt, reagierten die meisten Brasilianer begeistert. Präsident Lula da Silva hatte sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, damit Brasilien die WM 2014 (und Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele 2016) würde ausrichten können: „Wir brauchen eine Gelegenheit, um zu zeigen, was für eine große Nation wir sind. Brasilien hat es verdient.“ Er hatte Tränen in den Augen, als er das sagte. Heute haben viele Leute wieder Tränen in den Augen.

          Vor sieben Jahren blickten die Leute zuversichtlich in die Zukunft. Das Wirtschaftswachstum war groß, selbst während der Weltfinanzkrise wuchs die Wirtschaft. Millionen brasilianische Familien konnten sich dank staatlicher Transferzahlungen erstmals einen Fernseher oder ein Auto leisten. Immer mehr Eisenerz, Sojabohnen und Rindfleisch wurden exportiert – vor allem nach China. Dazu wurden vor der Atlantikküste riesige Ölvorkommen entdeckt.

          Von einem Extrem ins andere

          Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass das brasilianische Stimmungspendel wieder einmal weit ausschlug: vom Gefühl der Minderwertigkeit zur Hybris. Um das Land in seinen kontinentalen Ausmaßen zu präsentieren, sollten in zwölf Städten moderne Stadien für die Spiele entstehen, nicht nur in acht, wie die Fifa vorgeschlagen hatte. Deshalb sowie wegen der üblichen Misswirtschaft und Korruption kostet die WM in Brasilien mehr als die beiden vorherigen Turniere in Deutschland 2006 und in Südafrika 2010 zusammen. Zusammen!

          Den Wirtschaftsaufschwung nicht beflügelt: der damalige brasilianische Präsident Lula da Silva und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff
          Den Wirtschaftsaufschwung nicht beflügelt: der damalige brasilianische Präsident Lula da Silva und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff : Bild: AFP

          Doch selbst die in die Höhe geschossenen Kosten sind nicht der Grund dafür, dass nach jüngsten Umfragen zwei Drittel der Brasilianer sagen, die Wirtschaft sei heute in schlechter Verfassung. Nachhaltig, und zwar negativ, wirkt der Umstand, dass nur ein kleiner Teil der versprochenen Infrastrukturprojekte – Flughäfen, Straßen, Bahnlinien – vor dem Anpfiff zur WM fertiggestellt sein wird. Die Investitionen Brasiliens in die Infrastruktur belaufen sich auf nur rund zwei Prozent seiner Wirtschaftskraft; notwendig wären mehr als fünf Prozent – so viel geben im Durchschnitt die entwickelten Staaten aus. Die unzulänglichen öffentlichen Verkehrsmittel in den brasilianischen Ballungsräumen können den immer größeren Ansturm nicht bewältigen: Annähernd neunzig Prozent der Brasilianer leben inzwischen in Städten.

          Zeichen einer heraufziehenden Krise

          Dafür steigt die Steuerlast für Bürger, Geschäftsleute und Unternehmer immerzu, auf mittlerweile gut 36 Prozent des Wirtschaftsprodukts. Für Steuererleichterungen sieht Präsidentin Dilma Rousseff, seit deren Amtsantritt 2011 das Wirtschaftswachstum spürbar geringer geworden ist, gegenwärtig keinen Spielraum. Die Leistungen eines aufgeblähten und ineffizienten Staatsapparats sind aber auf allen Ebenen ungenügend. Das staatliche Gesundheitswesen ist unterfinanziert und überlastet. In den öffentlichen Schulen erhalten Brasiliens Kinder und Jugendliche nicht das Rüstzeug, das sie für das Arbeitsleben in einer globalisierten Ökonomie brauchen. Das Gewaltmonopol des Staates ist ausgehöhlt, Diebstähle und Raubüberfälle nehmen zu. In den gefährlichsten Städten des Landes bleiben die meisten Gewaltverbrechen unaufgeklärt.

          Das kräftige Wirtschaftswachstum der Lula-Jahre von 2003 bis Ende 2010 war wesentlich dem gesteigerten Binnenkonsum der Unter- und Mittelschicht geschuldet. Bei der Verringerung der Armut und der sozialen Ungleichheit haben die Regierungen der linken Arbeiterpartei unter Lula und Rousseff viel geleistet. Rund fünfzig Millionen Brasilianer – ein Viertel der Einwohner des Landes – beziehen Zahlungen aus dem 2003 geschaffenen Sozialprogramm „Bolsa Família“.

          Das hat den Konsum beflügelt, aber nicht zur überfälligen Modernisierung der Wirtschaft geführt. Im Vergleich zu anderen Schwellenländern ist die brasilianische Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten nur geringfügig produktiver geworden, und zwar auch deshalb, weil sie sich hinter protektionistischen Schutzwällen verschanzen kann. Heute mehren sich die Zeichen einer heraufziehenden Krise. Die Inflation liegt bei mehr als sechs Prozent; Investitionen und Kredite fließen spärlicher, Insolvenzen häufen sich.

          Dennoch wird sich Brasilien in den kommenden vier Wochen der Welt mit ansteckender Fröhlichkeit und Lebensfreude präsentieren statt wie zuletzt mit Demonstrationen und Streiks. Während der WM und mehr noch danach gilt für das Land aber die Fußball-Weisheit, dass man mit Querpässen allein nicht vorwärtskommt und schon gar nicht gewinnen kann.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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