https://www.faz.net/-gq5-83wj6

Venezuelas Oppositionsführer : Vom verwöhnten Sohn zum politischen Märtyrer

  • -Aktualisiert am

Freiheit für Leopoldo: Lilian Tintori (Mitte), Frau des inhaftierten Oppositionellen Leopoldo López, auf einer Pressekonferenz am 26. Mai in Caracas. Bild: dpa

Seit Februar 2014 sitzt Leopoldo López in Venezuela in Haft. In einer Videobotschaft aus dem Gefängnis hat der Oppositionsführer zum Protest gegen die Regierung aufgerufen – und damit seine Mitstreiter irritiert.

          Mit Christus-Bart und Kruzifix um den Hals steht Leopoldo López vor der Kamera. Im Hintergrund ist die Tür zu seiner winzigen Gefängniszelle zu sehen, eine kleine Nationalflagge und ein paar Familienfotos sind daran geheftet. Der venezolanische Oppositionsführer, seit Februar 2014 in Haft, hat das inzwischen im ganzen Land bekannte Video am Pfingstwochenende mit einem in seine Zelle geschmuggelten Mobiltelefon aufgenommen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In dem Video ruft er für diesen Samstag zu landesweiten friedlichen Demonstrationen gegen das sozialistische Regime unter Präsident Nicolás Maduro auf. Zudem verkündet López, dass er – nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen mit seinen Kindern beim Gefängnisbesuch – in einen unbefristeten Hungerstreik tritt. Der ebenfalls inhaftierte ehemalige Bürgermeister der Protesthochburg San Cristóbal, Daniel Ceballos, verweigert ebenfalls seit Tagen die Nahrungsaufnahme.

          Mit seinem Videoauftritt als politischer Märtyrer dürfte López sein altes Image vom verwöhnten Sohn aus reichem Familienhaus mit akademischer Ausbildung in Princeton und Harvard vollends abgestreift haben. Die Regierung reagierte jedenfalls mit weiteren Sanktionen auf das Video. Weil López das Mobiltelefon in seine Zelle geschmuggelt habe, werde die für einen solchen Verstoß übliche Strafe gegen den Gefangenen verhängt, teilte die Regierung in Caracas mit.

          López’ Ehefrau Lilian Tintori, die das Video als erste über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet hatte, beklagte, sie habe ihren Mann seit Freitag vor Pfingsten nicht mehr besuchen dürfen; zudem sei ihr Mann in Isolationshaft genommen worden. Mag sein, dass die Reaktion des Regimes auf das Video auch deshalb so heftig ausgefallen ist, weil der im März 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez sich einst selbst dieses Kommunikationsmittels bedient hatte: Nach seinem gescheiterten Putschversuch von 1992 hatte sich Chávez vom Gefängnis aus mit einem Video ans Volk gewandt und sich damit als Anführer der damaligen Opposition gegen eine unpopuläre und korrupte Regierung etabliert.

          Heute sind Chávez’ politische Erben um Maduro unpopulär und gelten als korrupt. Leopoldo López dagegen hat hinter Gittern weiter an Zuspruch gewonnen und kann inzwischen als Anführer der Opposition gelten. Seit seiner Verhaftung vom Februar 2014 sind die Umfragewerte von López auf nun 29 Prozent Zustimmung gestiegen, während Henrique Capriles, Präsidentschaftskandidat der Opposition von 2012 und 2013, nur noch von 13 Prozent der Befragten als bevorzugter Oppositionskandidat genannt wird.

          In seinem Video bekräftigte López die drei Hauptforderungen der venezolanischen Opposition zur friedlichen Beilegung der politischen Krise. Erstens sollen die mehr als 70 politischen Gefangenen freigelassen werden. Zweitens sollen Verfolgung, Unterdrückung und Zensur aufhören. Drittens sollen zur Überwachung der bevorstehenden Parlamentswahlen Beobachter der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der EU eingeladen werden, und das Datum der Wahl soll festgesetzt werden – Kritiker fürchten, dass die Regierung aus Angst vor einer Niederlage die Parlamentswahl verschieben könnte.

          Bröckelndes Oppositionsbündnis

          Bei den Parlamentswahlen Ende dieses Jahres wollen nach jüngsten Umfragen nur noch 25 bis 28 Prozent der Wähler für die regierenden Sozialisten stimmen. Das Oppositionsbündnis „Tisch der Demokratischen Einheit“ (MUD) liegt bei 46 bis 52 Prozent. Doch die Opposition ist gespalten. Capriles zeigte sich überrascht, dass er von López’ Aufruf zur Demonstration an diesem Samstag erst durch das Video und nicht vorab erfahren habe. Es untergrabe den Zusammenhalt im Oppositionsbündnis MUD, dem Capriles ebenso wie López angehört, wenn „jeder eine eigene Agenda verfolgt und die Bedeutung der Einheit verkennt“, klagte Capriles.

          Dennoch werde er an diesem Samstag an der Demonstration teilnehmen, denn er unterstütze die drei zentralen Forderungen Lopez’. Die nationale Führung des MUD um Generalsekretär Jesús Torrealba hat sich dem Demonstrationsaufruf aber nicht offiziell angeschlossen. Neben dem Grundsatzdissens, ob ein Regierungs- und Regimewechsel erst bei den Parlamentswahlen Ende dieses Jahres oder schon vorher durch Massenproteste erreicht werden kann, spielt auch die persönliche Rivalität zwischen dem moderaten Capriles und dem radikaleren López in den inneren Streit beim MUD hinein.

          Die Wirtschaft des Landes und mit ihr das sozialistische Regime scheinen jedenfalls auf den Kollaps zuzutreiben. Allein in dieser Woche ist der Wert des Bolívar auf dem informellen Markt gegenüber dem Dollar um 32 Prozent eingebrochen (von 300 auf mehr als 400 Bolívar für den Dollar). Die Inflationsrate könnte nach Schätzungen amerikanischer Ökonomen in diesem Jahr die Marke von 200 Prozent erreichen. Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen, bedeutet für die meisten der gut 30 Millionen Venezolaner, stundenlang von einem Supermarkt mit leergefegten Regalen zum nächsten, von einer ausverkaufen Apotheke zur nächsten zu hetzen. Mit immer mehr Kontrollmechanismen versucht das Regime, Hamsterkäufe zu verhindern. Der Vertrieb und der Verkauf von Lebensmitteln, schon jetzt gut zur Hälfte in der Hand des Staates, sollen in den nächsten Wochen vollends verstaatlicht werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
          Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

          Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

          Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.