https://www.faz.net/-gq5-8i4vy

Venezuela : Im Land der Hungerproteste

Das Leid der Massen: Eine Mutter mit Kind und Nudeln - mitten im Chaos vor einem Supermarkt in Caracas Bild: Reuters

Das Regime hat Venezuela in die schwerste Krise seit Jahrzehnten geführt. Mit fragwürdigen Notmaßnahmen ruft es die Bevölkerung auf, sich selbst aus dem Elend zu befreien.

          Der Erholungspark Alí Primera im Westen von Caracas ist Kriegsgebiet, auch wenn das auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Auf einem Bolzplatz spielen Kinder Fußball. Über den ausgetrockneten Rasen haben Familien Decken ausgebreitet, Groß und Klein döst im Schatten der Bäume. Ein kleiner Gemüsemarkt versorgt die Besucher auf dem Gelände.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Im Volksmund heißt der Park im Stadtbezirk Sucre seit eh und je „Parque del Oeste“ (Westpark). 2007 beschlossen der damalige Präsident Hugo Chávez und die regierenden Sozialisten, den Park nach dem legendären linken Liedermacher Alí Primera zu benennen, der 1985 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Auf dem Dach eines wuchtigen Wohnblocks, der sich jenseits des Parks und der Stadtautobahn erhebt, auf der Alí Primera verunglückte, ist ein großes Schild zu sehen: „Somos Los de Chávez“ (Wir sind Chávez’ Leute). Daneben steht in großen roten Lettern PSUV, das ist das Kürzel der Sozialistischen Partei Venezuelas.

          Der Arbeiterbezirk Sucre mit seinen rund 400.000 Einwohnern war viele Jahre eine Hochburg der venezolanischen Sozialisten. Sucre ist der bevölkerungsreichste Bezirk von Caracas und zugleich einer der ärmsten. Die einfachen Backsteinhäuser der ausgedehnten Barrios klammern sich an den Berg, der sich im Norden erhebt.

          Auf den Betonfassaden der heruntergekommenen Wohnblocks prangen der ikonische Unterschriftszug von Hugo Chávez oder dessen riesiges stilisiertes Augenpaar. Hier leben die Marginalisierten, die vom Land zugewanderten Mittellosen, denen der einstige Fallschirmjäger Chávez seit seinem ersten Wahlsieg 1999 eine Stimme gegeben und eine Zukunft versprochen hatte. Doch in Venezuelas schwerster Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten sind gerade sie in ihrer Existenz bedroht.

          „Neue Kultur der Produktion“

          Glaubt man der Regierung unter Präsident Nicolás Maduro, der vom krebskranken Chávez kurz vor dessen Tod im März 2013 zum Nachfolger im Präsidentenamt ernannt worden war, wird in Stadtvierteln wie Sucre soeben die Entscheidungsschlacht zur Überwindung der Krise in Venezuela vorbereitet. Und nicht nur das. Im Westen von Caracas wird aus dieser Sicht ein globaler Kampf der Weltanschauungen ausgefochten: Hier überwindet der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ den abgewirtschafteten Kapitalismus.

          Die geplünderte Auslage eines Metzgers in Caracas Bilderstrecke

          Als eine Art Etappe in diesem Kampf findet im Erholungspark Alí Primera das Festival „Vívela Venezuela Agrourbana“ statt. Aus Paletten sind Verkaufsstände, grobe Sitzgelegenheiten und Tische zusammengezimmert. Revolutionsmusik wummert aus den großen Lautsprechern. Gemüse und Kartoffeln, Zwiebeln und Gewürze aus städtischem und stadtnahem Ackerbau werden zu „solidarischen Preisen“ veräußert.

          In kleinen Plastiksäcken gibt es Humus und Naturdünger zu kaufen, dazu Samen für die Aussaat im eigenen Gemüsegarten. Vier Fünftel der knapp 31 Millionen Venezolaner leben in Städten. Die sollen sie jetzt in Stätten der Agrarproduktion verwandeln – vom Beet im Stadtpark bis zum Pflanzkasten auf dem Balkon. Auch ein überdachter Käfig für die urbane Hühnerzucht wird feilgeboten, zwei Hühner gackern darin. Im Februar hatte Präsident Maduro der Nation offenbart, er und seine Frau Cilia hielten „fünfzig Hühner in unserem Haus“, die tüchtig Eier legten. Es sei an der Zeit, „eine neue Kultur der Produktion zu entwickeln“, verkündete Maduro.

          Weitere Themen

          Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade Video-Seite öffnen

          Homophobe Gewalt in Polen : Hooligans attackieren Schwule auf LGBT-Parade

          Während der ersten Gay-Pride-Parade in der polnischen Stadt Bialystok kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Hooligans und Ultranationalisten attackieren und beleidigten die Teilnehmer. Am Ende musste die Polizei einschreiten.

          Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.