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Präsidentschaftsbewerber Trump : Amerikas Dieter Bohlen

  • -Aktualisiert am

Zwischen allen poltert „The Donald“: Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Phoenix, Arizona Bild: AFP

Milliardär Donald Trump ist das Sommerspektakel der amerikanischen Innenpolitik. Obwohl der Populist in Umfragen führt – fast niemand billigt ihm Chancen zu, ins Weiße Haus zu gelangen.

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          Wenn Donald Trump auf einem Podium steht, kommt er vom Hundertsten ins Tausendste. Gerade zerreißt er noch den Pakt mit Iran, da schweift er mitten im Satz ab und klopft Sprüche über seine Konkurrenten um die republikanische Nominierung für die Präsidentenwahl. Dann bewirbt der Milliardär schon wieder eines seiner Ratgeberbücher für unternehmerischen Erfolg oder prahlt, dass ihn ganz China vergöttere, denn „sie wollen alle meine Gebäude“.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Ziemlich unvermittelt wedelt Trump am Dienstagnachmittag vor einigen hundert Senioren in South Carolina mit einem Zettel herum. Darauf habe er sich vor Jahren die Nummer ihres Senators Lindsey Graham notiert.

          Der sei ja ein ziemliches Leichtgewicht und ein Idiot obendrein. Denn Graham, der selbst Präsident werden will, hatte Trump vorher als „größten Esel der Welt“ bezeichnet, was im Englischen („jackass“) noch derber klingt – zumal der Senator später hinzugefügt hätte, dass Trump sogar die Esel anwidere.

          Attacke auf John McCain

          Also erzählt der Immobilienmagnat und Reality-TV-Star von einem Anruf des Senators vor einigen Jahren. Da habe Graham ihn „wie ein Bettler angefleht“, bei seinen Freunden im konservativen Sender Fox News ein gutes Wort für ihn einzulegen, weil man ihn, also Graham, dort nicht zu kennen scheine.

          Er wisse nicht, behauptet Trump nun, ob die Handynummer noch stimme, aber man könne es ja einmal ausprobieren. Dann liest er die Nummer vor. Der Reporter, der am schnellsten wählt, hat tatsächlich sofort Graham am Ohr. Abends wird der Senator auf Twitter um Rat für die Anschaffung eines neuen Mobiltelefons bitten.

          Die Fehde des aktuellen Umfragen-Spitzenreiters mit dem Außenseiteranwärter aus dem Senat ist nur die Fortsetzung eines Scharmützels vom Wochenende. Da hatte Trump Grahams Fraktionskollegen, Freund und Vorbild John McCain attackiert. Der Präsidentschaftskandidat von 2008 habe es nicht verdient, dass man ihn als Kriegshelden feiere. Denn so nenne man McCain nur, weil er sich in Vietnam habe gefangen nehmen lassen.

          Keine Entschuldigung von Trump

          „Ich mag Soldaten, die sich nicht schnappen lassen“, verkündete Trump in Iowa. Für die meisten Republikaner war dies das Signal, sich endlich klar von Trump zu distanzieren. Schließlich war McCain 1967 über Hanoi abgeschossen worden. Er blieb fünfeinhalb Jahre in Gefangenschaft, wo er gefoltert wurde. Angeblich lehnte er trotzdem ein Angebot ab, ihn gehen zu lassen, da die Nordvietnamesen dies propagandistisch ausgeschlachtet hätten.

          Rasch wurde Trump von allen Seiten aufgefordert, sich nicht nur bei McCain, sondern auch bei allen Kriegsgefangenen und Veteranen zu entschuldigen. Doch das Enfant terrible der Republikaner (das sich während des Vietnam-Kriegs unter etwas unklaren Umständen vom Militärdienst hatte befreien lassen) beschränkte sich darauf, den Streitkräften zuzujubeln und Pappschilder mit der Parole „Veteranen für Trump“ verteilen zu lassen.

          McCain bleibt für ihn ein rotes Tuch, denn der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses hatte Trumps Anhänger neulich als „Spinner“ bezeichnet. Trump hatte daraufhin gesagt, McCain wolle lieber die Grenzen im Irak sichern als die seines Heimatstaats Arizona zu Mexiko. Dass der Zustrom aus dem südlichen Nachbarland die größte Gefahr für die Vereinigten Staaten sei, hat Trump zur Kernbotschaft seiner Kampagne gemacht.

          Der amerikanische Dieter Bohlen

          Mit allzu viel Mitleid wegen der Handynummer muss Lindsey Graham nun nicht rechnen. Denn er hat sich kopfüber in die Schlammschlacht gestürzt, weil Trump das politische Thema des beginnenden Sommerlochs ist und Graham verzweifelt das Scheinwerferlicht sucht.

          Viele Amerikaner kennen den Senator nicht. Für ihn ist „The Donald“ die Reckstange, an der er sich emporzuziehen versucht. Wer es mit Trump aufzunehmen wagt, so die Annahme, der wird auch Leuten auffallen, die sich wenig für Washingtoner Debatten über das Vorgehen gegen Wladimir Putin oder den „Islamischen Staat“ interessieren, an denen sich Graham rege beteiligt.

          Als Trump noch kein Präsident : „McCain ist kein Kriegsheld“

          Trumps Lautstärke, Popularität und politische Gravitas entsprächen in Deutschland am ehesten denen eines Dieter Bohlen. Dass ein aufdringlicher Superpromi fünfzehneinhalb Monate vor der Präsidentenwahl und gut ein halbes Jahr vor den ersten parteiinternen Vorwahlen mit seinen Krawallparolen mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als die anderen fünfzehn bisher erklärten Kandidaten der Republikaner, ist alles andere als ein demoskopisches Mysterium.

          Trump macht Bewerber nervös

          Normalerweise wäre es derzeit angesagt, Umfragen gelangweilt zu ignorieren. Die Schwergewichte im Kandidatenfeld wie der Präsidentensohn und -bruder Jeb Bush oder Wisconsins Gouverneur Scott Walker müssen auch kaum fürchten, dass ihnen wegen Trump Spender von der Fahne gehen, zumal der Milliardär seine Kampagne weitgehend selbst bezahlt.

          Doch am 6. August findet die erste Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsanwärter statt, und der Ausrichter Fox News hat angesichts einer endlos scheinenden Liste von Kandidaten angekündigt, dass nur die zehn Umfragefavoriten ein Pult im Studio bekommen.

          Sogar wesentlich bekanntere Kandidaten als Graham wie seine Senatskollegen Ted Cruz und Rand Paul oder die Gouverneure von New Jersey und Ohio, Chris Christie und John Kasich, sind sichtbar nervös deswegen. Denn anders als 2012 hat die Republikanische Partei beschlossen, bis zum Beginn der Vorwahlsaison nur eine Debatte pro Monat abzuhalten.

          Eine großes Imperium

          Trump dürfte seinen Platz in der Mitte der Studiobühne derzeit ziemlich sicher haben – und damit für ein Spektakel sorgen, das sich nicht nur politische Freaks ansehen mögen. Eine ernstzunehmende Umfrage sieht Trump bei 25 Prozent. Damit genießt er beinahe doppelt so viel Zustimmung wie der zweitplatzierte Scott Walker (dreizehn Prozent) und Jeb Bush (zwölf) auf Rang drei.

          Allerdings beruht die Umfrage überwiegend auf Telefonaten, die vorige Woche geführt wurden, bevor Trump McCains Status als Kriegsheld in Frage gestellt hatte. Die Demoskopen gehen fest davon aus, dass Trump diese Breitseite viel Zustimmung gekostet habe.

          Trump hat ein kleines Immobilienimperium, das sein Vater aufgebaut hat, in ein großes verwandelt. Gepachtet hat er den unternehmerischen Erfolg allerdings nicht: Mehrmals hat er in seiner Karriere Gläubigerschutz beantragen müssen. Trump behauptet, er besitze zehn Milliarden Dollar; das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ beziffert sein Reinvermögen eher auf vier Milliarden.

          „Du bist gefeuert“

          Seit 2004 ist Trump im Sender NBC als Chefjuror der Reality-Sendung „Der Lehrling“ aufgetreten, wo die Bewerber Aufgaben lösen müssen, um einen Manager-Job in einem von Trumps Unternehmen zu ergattern; in Deutschland hatte RTL sich einst an dem Konzept versucht und den Fußballmanager Reiner Calmund als „Big Boss“ verpflichtet.

          Wie bei jeder Casting-Show beruht auch der Erfolg von Trumps „The Apprentice“ auf der Freude der Zuschauer, andere beim Scheitern zuzusehen: „Du bist gefeuert“, hat Trump jedes Mal gedonnert, wenn jemand nicht mehr mitmachen durfte. Jetzt, wo er als Präsidentschaftskandidat herumpoltert, hat NBC die Sendung auf Eis gelegt.

          Andere Unternehmen haben Verträge mit Trump gekündigt, nachdem er zum Auftakt seiner Kampagne verkündet hatte, illegale Einwanderer aus Mexiko seien großenteils Drogenhändler, Vergewaltiger und andere Verbrecher. Der spanischsprachige Sender Univision sagte ein Miss-Wahl-Spektakel ab, die Kaufhauskette Macy’s stellte den Verkauf von Krawatten der Marke Trump ein.

          Für Trump kein Genickbruch

          Bei jedem Auftritt behauptet der Unternehmer und selbsterklärte Nicht-Politiker nun, jeder Boykott bringe ihm wegen vereinbarter Vertragsstrafen so viel Geld ein, dass er gar nicht genug geächtet werden könne.

          Allerdings scheint Trump für seinen Umfragen-Höhenflug auch einen politischen Preis bezahlen zu müssen. Während ihn Mitbewerber und Medien anfangs kaum als Politiker ernstnehmen wollten, werden nun alte politische Aussagen aus den Archiven gekramt, die jedenfalls jedem anderen Republikaner sofort das Genick brächen.

          So hatte Trump 2004 verkündet, er neige eher den Demokraten zu, denn unter deren Führung gehe es Amerika wirtschaftlich stets besser. Jahre später lobte der Unternehmer die damalige Außenministerin und jetzige demokratische Präsidentschaftsanwärterin Hillary Clinton als gute Unterhändlerin.

          Die Mauer soll Mexiko bezahlen

          Auch deshalb will Trump seinen Boykotteuren wie Anhängern an diesem Donnerstag neues Futter geben. Er plant eine Kundgebung im texanischen Grenzort Laredo. Dort wird er sich fraglos wieder einmal als der Mann anpreisen, der dank seiner Erfahrung als Immobilienmagnat besser als jeder andere eine unüberwindliche Mauer zwischen den beiden Nafta-Handelspartnern bauen könnte – und dank seines Verhandlungsgeschicks sogar dafür sorgen werde, dass Mexiko das 3000-Kilometer-Bauwerk bezahlt.

          Schon grübeln selbst die einwanderungskritischsten Heißsporne unter den anderen Kandidaten, was sie dieser Botschaft entgegensetzen können, ohne selbst schwach zu wirken. Einzig für den früheren texanischen Gouverneur Rick Perry dürfte in dem Besuch eine Chance liegen. Denn „The Donald“ hat ihn „dümmlich“ genannt. Damit ist selbst Perry wieder im Spiel.

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