https://www.faz.net/-gq5-7wrfv

Unruhen in Ferguson : Bis plötzlich Schüsse fallen

Demonstranten vor einem brennenden Geschäft in Ferguson Bild: AFP

Ein Geschworenengericht hat entschieden, dass gegen den Polizisten, der Michael Brown erschoss, keine Anklage erhoben wird. Die Demonstranten in Ferguson nehmen die Entscheidung zunächst mit stummer Trauer zur Kenntnis. Dann regiert die Gewalt.

          Um acht Uhr abends legt sich Stille über die Menschenmenge vor der Polizeiwache in Ferguson. Für diesen Zeitpunkt ist die Pressekonferenz angekündigt, auf der Robert McCulloch, der Staatsanwalt des Landkreises von St. Louis, bekanntgeben will, ob gegen Darren Wilson Anklage erhoben wird. Der achtundzwanzig Jahre alte Polizist hatte am 9. August den zehn Jahre jüngeren Michael Brown erschossen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Brown hatte sich der Aufforderung widersetzt, den Bürgersteig zu benutzen. Drei Monate hörten zwölf Geschworene Zeugen an und sichteten Beweismaterial. Am Montagvormittag trat das Geschworenengericht zu seiner letzten Sitzung zusammen.

          Die Verkündung ihrer Entscheidung wurde zunächst für den Nachmittag in Aussicht gestellt und dann hinausgeschoben. Der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, teilte um halb sechs mit, dass der Staatsanwalt den abendlichen Verkündungstermin gewählt habe.

          Als es in Ferguson im August tägliche Trauerkundgebungen gab, versuchte die Polizei zunächst, die Demonstrationen bei Sonnenuntergang aufzulösen, um Provokateuren den Schutz der Nacht zu verwehren. Jetzt sorgt der Zeitplan der Behörden dafür, dass die Nachricht die Demonstranten erst in winterkalter Dunkelheit erreicht.

          Eine Viertelstunde nach dem angekündigten Termin tritt McCulloch im Gerichtsgebäude von Clayton, einer reichen Gemeinde im Südwesten des Landkreises, vor die Presse. Für diejenigen, die sich darauf festgelegt hatten, dass Gerechtigkeit für Michael Brown nur durch ein Strafurteil gegen Darren Wilson zu erreichen ist, verlängert sich das monatelange Warten ein letztes Mal.

          Die Demonstranten lassen ihre Parolen verstummen, mit denen sie sich die Zeit vor der Polizeiwache in Ferguson vertrieben haben. Es wirkt, als wollte man unter vorweihnachtlicher Festbeleuchtung dem Glauben an eine glückliche Wendung der Dinge gemeinsam doch noch eine Chance geben.

          Als der Staatsanwalt mit seinem Vortrag beginnt, wird schnell deutlich, dass man sich auf die Echtzeitzusammenfassungen des Kurzmitteilungsdienstes Twitter nicht verlassen kann.

          Zunächst Ruhe nach dem Jury-Spruch

          Die Menschen auf der Straße versammeln sich um Radios, die einige Demonstranten mitgebracht haben. McCullochs Worte sind in der Menge kaum zu verstehen. Eine weitere Viertelstunde vergeht, bis der Staatsanwalt ausspricht, dass es keine Anklage gegen den Polizisten geben wird.

          Mit stummer Trauer nehmen die Demonstranten auf, was sie befürchtet haben, was die bitteren Thesen vom abgekarteten Spiel in einem korrupten System vermeintlich bestätigt. Kein Aufschrei, kein Weinen ist die Antwort der Menge. „Es ist furchtbar“, sagt Andrew Tetzlaff, ein pensionierter Werbefachmann aus Hazelwood, einem Nachbarort von Ferguson, „wenn man einsehen muss, dass man ohnmächtig ist.“

          Diese fatalistische Einschätzung hatte am früheren Abend zunächst eine gelassene und zum Teil sogar heitere Stimmung begünstigt. Viele Demonstranten sind hier, weil sie es für ihre staatsbürgerliche Pflicht halten, Präsenz zu zeigen.

          Weitere Themen

          In zwei Fliegern nach Amerika Video-Seite öffnen

          Kritik an Bundesregierung : In zwei Fliegern nach Amerika

          Bundskanzlerin Angela Merkel und Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer fliegen fast zeitgleich an die Ostküste der Vereinigten Staaten. Sie nutzen dabei jedoch zwei getrennte Flugzeuge.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.