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Vereinigte Staaten : Heiraten, kiffen, schießen

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Seit Monaten demonstrieren Menschen in den Vereinigten Staaten für die Legalität der Homo-Ehe. Bild: AP

Fast gleichzeitig sind die Homoehe und die Freigabe von Cannabis in Amerika mehrheitsfähig geworden. Doch die Vereinigten Staaten werden kein linksliberales Land. Im Gegenteil.

          So wird Kentucky das Verbot der Homoehe nicht retten. Der demokratische Gouverneur ließ die Obersten Richter in Washington vor der entscheidenden Anhörung am Dienstag wissen, in seinem Staat könne von Diskriminierung keine Rede sein. Auch heterosexuelle Männer und Frauen dürften keinen Partner des eigenen Geschlechts heiraten. Doch derlei Winkelzüge werden den gesellschaftlichen Wandel in Amerika nicht aufhalten. Eine Mehrheit der Richter dürfte die letzten bundesstaatlichen Verbote der Homoehe für verfassungswidrig erklären.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Was Homosexuellen-Aktivisten bejubeln und die religiöse Rechte beklagt, bestaunen Demoskopen als soziologische Sensation: Binnen zweier Jahrzehnte hat sich die Zahl der Amerikaner, die gleichgeschlechtlichen Paaren dieselben Rechte wie heterosexuellen zubilligen, auf etwa 55 Prozent verdoppelt. Mehr als sieben von zehn jungen Erwachsenen treten für die Homoehe ein. In keiner anderen gesellschaftlichen Frage hat sich der Wind so schnell gedreht.

          Wie auf Eiern tänzeln die konservativen Präsidentschaftsanwärter um das Thema herum, das den Rechten bis vor kurzem zuverlässig Wechselwähler zuführte. So legt Scott Walker Wert auf die Feststellung, er habe nur an einem Empfang homosexueller Frischvermählter teilgenommen, nicht an der Zeremonie. Marco Rubio möchte zwar nicht ausschließen, einmal eine Homohochzeit mitzufeiern, erinnert aber daran, dass die „Institution der Ehe aus einem Mann und einer Frau schon vor unseren Gesetzen bestand“. Und ein konservativer homosexueller Hotelier aus New York geht nach Boykottdrohungen in Sack und Asche, weil er es wagte, ein Spenden-Dinner für Ted Cruz auszurichten. Dort hatte der Tea-Party-Herold verkündet, es machte ihm nichts aus, wenn sich seine Tochter als lesbisch offenbarte. Dem Senator ist der Abend darum mindestens so peinlich wie seinem Gastgeber, weshalb er den Demokraten nun „linksliberalen Faschismus“ und systematische Verfolgung bibeltreuer Christen vorwirft.

          Die Demokratin Hillary Clinton dagegen, die sich in der New Yorker High Society besser auskennt als der Texaner Cruz, ließ in ihrem Bewerbungsvideo für das Weiße Haus wie selbstverständlich ein lesbisches und ein schwules Paar vorkommen. Dabei waren es vor wenigen Jahren noch die Linken, die in Sachen Homoehe zwischen den Werten ihrer Basis und der politischen Mitte oszillierten. Obamas Wahlkampfberater enthüllte kürzlich, wie schwer es dem Kandidaten 2008 gefallen sei, gegen die Homoehe zu argumentieren. Obama verleugnete seine Haltung, weil er die Gunst schwarzer Pastoren nicht verlieren wollte. Bei seiner zweiten Amtseinführung rief er jedoch: „Wir sind nicht am Ziel, bis unsere schwulen Brüder und lesbischen Schwestern vor dem Gesetz wie alle anderen behandelt werden.“

          Der Umschwung rührt in erster Linie daher, dass die meisten Amerikaner inzwischen persönlich Homosexuelle kennen - flankiert von der Unterhaltungsindustrie, deren schwule und lesbische Serien-Charaktere gut ankamen. So endete die Ära, in der radikale Aktivisten das Bild von Homosexuellen prägten, die die Ehe nicht anstrebten, sondern als Zwangsjacke verteufelten. Zumindest auf Gemeindeebene wuchs auch in vielen Kirchen ein Bewusstsein für das Leid in den Familien braver Gläubiger, deren Kinder ihrer Homosexualität gewahr wurden.

          Ein etwas pragmatischeres Verhältnis zur Realität hat zugleich einer anderen Bewegung unerwarteten Auftrieb verschafft. Amerika bewegt sich ganz schnell auf die Freigabe von Cannabis zu. Auch hier haben sich die Mehrheiten kräftig verschoben. Fast ungestraft konnte Obama kundtun, Marihuana sei nicht gefährlicher als Alkohol. Kiffer und Schwule kamen gleichzeitig „aus dem Kleiderschrank“, wie die Amerikaner sagen. Doch daraus sollte man keine falschen Schlüsse ziehen. Abermillionen junge Amerikaner lassen sich für konservative Ideen begeistern. Religion ist nicht auf dem Rückzug. Im ewigen Abtreibungsstreit überziehen Lebensschützer und Frauenrechtler einander wie eh und je mit Mord- oder Unterjochungsvorwürfen.

          Die Geburt einer neuen Branche: In Colorado ist der Handel mit Cannabis legal.

          Das dritte Feld, auf dem Überzeugungen großflächig ins Rutschen kamen, ist vielmehr das des Waffenrechts. Immer mehr Amerikaner verwahren sich dagegen, dass die Regierung ihr Recht auf Bewaffnung einschränkt. Homoehe hin, Cannabis her – die Vereinigten Staaten sind nicht im Begriff, sich in ein linksliberales, säkulares, geradezu europäisches Land zu verwandeln. Im Gegenteil: Die Amerikaner versammeln sich unter ihrem Banner der Freiheit. Das bringt gerade Republikaner wie Ted Cruz in Nöte, die stets gegen Bevormundung wettern, Homosexuellen aber den Ehewunsch abschlagen wollen. Cruz rief schon vor dem Urteil des Supreme Court die allerhöchste Instanz an. Doch auch er wird damit rechnen, dass die Richter dem neuen Meinungsbild folgen werden.

          Die Nation hat freilich im Moment noch andere Sorgen. Sie ist irritiert angesichts der exzessiven Polizeigewalt gegen schwarze Männer, am Dienstag war sie erschrocken über die Krawalle von Baltimore. Neben den anderen „social issues“ rückt das Verhältnis von Weißen und Schwarzen wieder in den Vordergrund.

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