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Tötung Bin Ladins : Der mysteriöse Überläufer

Im Mai 2011 töteten Soldaten der Vereinigten Staaten Bin Ladin in Pakistan. Welche Rolle dabei der pakistanische Geheimdienst spielte, ist bis heute unklar. Bild: AP

Neue Spekulationen über den Tod des einstigen Al-Qaida-Chefs sorgen in Washington für Wirbel. Wie kamen ihm die Vereinigten Staaten auf die Schliche?

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          Seymour Hersh ist eine Reporterlegende: Der 78 Jahre alte amerikanische Journalist hat Ende der sechziger Jahre das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg aufgedeckt und als erster über die Folter im Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak geschrieben. Wäre nicht er der Autor, dann hätte wohl kaum jemand Notiz von der vermeintlichen Enthüllungsgeschichte über die Hintergründe der Tötung von Usama Bin Ladin genommen, die am vergangenen Sonntag im „London Review of Books“ erschienen ist. Tatsächlich hatte eine Bloggerin, die sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt, schon vor vier Jahren ähnliche Thesen aufgestellt, ohne dass dies von amerikanischen Medien aufgegriffen worden wäre. Doch in den vergangenen Tagen hat Hershs zehn Seiten langer Aufsatz für so viel Wirbel in Washington gesorgt, dass Leon Panetta, CIA-Chef zum Zeitpunkt der Tötung Bin Ladins, und dessen damaliger Stellvertreter Michael Morell sich gezwungen sahen, Stellung zu beziehen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Hersh verlangt von seinen Lesern in diesem Artikel, auf der Basis hauptsächlich einer namenlosen Quelle, eines pensionierten amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters, zu glauben, dass fast alles gelogen sei, was die amerikanische Regierung bisher über die Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad mitgeteilt hat, bei der Bin Ladin am 2. Mai 2011 getötet wurde. So behauptet Hersh etwa, dass der Al-Qaida-Chef fünf Jahre lang vom pakistanischen Geheimdienst unter Hausarrest in Abbottabad gehalten wurde – mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens; dass der pakistanische Armeechef Ashfaq Parvez Kayani und der Chef des Militärgeheimdienstes ISI, Ahmed Shuja Pasha, über die amerikanische Kommandoaktion informiert waren und dafür sorgten, dass die Amerikaner ungehindert in den pakistanischen Luftraum eindringen konnten; dass die Navy Seals in Bin Ladins Compound keinerlei Gegenwehr erfuhren, es also kein Feuergefecht gab, bei dem jener Kurier des Al-Qaida-Chefs getötet wurde, der die CIA nach Darstellung Washingtons unwissentlich zu dessen Haus geführt hatte; dass in dem Haus keine geheimdienstlich relevanten Dokumente auf Computern und CDs sichergestellt worden seien; und dass auch die Seebestattung von Bin Ladins Leichnam nie stattgefunden habe.

          Gespräche mit Hersh „psychedelische Erfahrung“

          All das hat dem einst hochangesehenen Investigativreporter viel Hohn und Spott eingebracht. „Was daran stimmt, ist nicht neu, und was daran neu ist, stimmt nicht“, sagte etwa der Terrorismusfachmann Peter Bergen im Sender CNN. Mehrere Vertreter seiner Zunft wiesen darauf hin, dass Hersh in den vergangenen Jahren mehrfach höchst fragwürdige Thesen veröffentlicht hatte. Der frühere CIA-Sprecher Bill Harlow beschrieb seine Telefongespräche mit Hersh als „psychedelische Erfahrung“. Und der frühere stellvertretende CIA-Chef Morell warf dem Journalisten vor, einem pakistanischen Propagandacoup aufgesessen zu sein. Der frühere pakistanische Botschafter in Washington Husain Haqqani hielt Hersh vor, „eindeutig nicht zu wissen, wie Pakistan funktioniert“. In einem Beitrag für die Website der Zeitschrift „Foreign Policy“ fragt er, welchen Sinn es für Armeechef Kayani und Geheimdienstchef Pasha gehabt hätte, die Amerikaner erst bei der Tötung Bin Ladins zu unterstützen, dafür anschließend aber keinen Lorbeer zu ernten, sondern eine nachhaltige Beschädigung ihres Rufes dafür in Kauf zu nehmen, dass die Amerikaner drei Stunden lang unentdeckt in den pakistanischen Luftraum eindringen konnten.

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